„Ostbelgien“ wäre neben „Flandern“, „Wallonie“ und „Brüssel“ nicht abwegig
Staatsreform
Von Oswald Schröder
Lesedauer: 8 min
„Ostbelgien“ – übliche Bezeichnung der Deutschsprachigen Gemeinschaft und Regionalmarke: So überschreibt das Crisp seinen Newsletter 2499. Das Thema passt in eine Zeit, in der viel über Identität, Zugehörigkeit und Ausgrenzung debattiert wird. Wir erhielten Einblick in die Druckvorlage.
Ob Rallye-Veranstaltung oder institutionelle Kommunikation: Ostbelgien darf zu Werbezwecken für den Standort nicht fehlen.
| Fotos: GE-Archiv
Verfassung „Ostbelgien“ ist abwegig
Es ist begrüßenswert, dass auch durch den Beitrag von Oswald Schröder aus Anlass des neuen Newsletter 2499 des Crisp die öffentliche Debatte über die Staatsreform weiter angestoßen wird, auch Senator Alexander Miesen hatte sich ja kürzlich zu der in Brüssel eingesetzten Kommission geäußert. Ich persönlich würde mir eine größere politische und gesellschaftliche Debatte in unserer Gemeinschaft wünschen, denn erstens kann es ja wohl nicht sein, das Schicksal unserer Bevölkerung oder auch unsere institutionelle Zukunft im belgischen Staat nur in Hinterzimmern und Kommissionen zu entscheiden und zweitens ist auch das Thema zu wichtig um es nur den Politikern und deren Parteien zu überlassen. Zurück in 1970 haben wir das was erreicht wurde, nämlich die anerkannte verfassungsrechtliche Existenz, nicht erreicht, weil wir selbst diesen Anspruch erhoben hätten, es waren vielmehr flämische Politiker und Parteien die uns zu diesem unverhofften Glück verholfen haben, nämlich Politiker wie Tindemans, Eyskens, Coppieters und Schiltz, um nur einige zu nennen. Gott sei Dank kam es zu einer Zwei-Drittel-Mehrheit auch mit der Einsicht der wallonischen Parteien, auch wenn es ein mühsamer Weg war.
Den Newsletter habe ich bisher nicht gelesen, ich gehe mal davon aus, dass der Chefredakteur ihn detailliert zusammenfasste. Es würde auch hier die zugestandenen Zeilen sprengen, aber ich möchte einfach mal einige Thesen in die Runde werfen, als Anstoß für eine breitere, hoffentlich zivilisierte Diskussion.
- Das institutionelle Gebiet der neun Gemeinden „Ostbelgien“ zu nennen, auch in einer neuen Verfassung, ist falsch. Es spiegelt nicht das wieder, was dieses Gebiet darstellt. Man kann es ganz einfach „Eupen-Sankt Vith“ nennen, womit sich jeder identifizieren kann, egal ob er deutschsprachig ist oder nicht. Das braucht auch nicht übersetzt zu werden. Erinnert sei daran, dass der Begriff Eupen-Malmedy, der ja auch völkerrechtlich an Bedeutung gewann durch die Angliederung an Belgien aufgrund des Versailler Vertrags, bis heute nicht nur bei Historikern durchaus bekannter ist als Ostbelgien oder deutschsprachige Gemeinschaft.
- Der Begriff „Ostbelgien“ hingegen ist auch als geschützte Marke auf jeden Fall territorial weiter zu fassen, da haben unsere Freunde in Bleyberg, Montzen oder Malmedy durchaus Recht. Allerdings müssen diese Gemeinden alle auch ihren Beitrag zur Erfüllung der Sprachgesetzgebung leisten, genauso wie es die neun Gemeinden tun. Dafür muss aber noch viel Gesinnungs- und Überzeugungsarbeit geleistet werden, angefangen in der Schule. Deutsch muss auch dort unterrichtet werden, so wie bei uns Französisch und nicht wie in Malmedy (während der Pandemie gelesen), aus dem Schulprogramm genommen werden. Und warum sollte man nicht auch Niederländisch lernen, denn Kelmis und Bleyberg grenzen an die Niederlande. Im Sankt Vither Land kommen die Menschen ohnehin mit Lëtzebuergesch zurecht, ohne es als Schulfach zu haben. Sie müssten auch das Kulturgut in ganz Ostbelgien schützen und nicht wie in Montzen, plattdeutsche oder deutsche Grabsteine einfach vom Friedhof entfernen…
- Was die 7. Verfassungsreform betrifft, so sollte man nur die Lösung der vier Regionen in Betracht ziehen. Wir schaffen das, auch wenn wir hier und da Hilfe gebrauchen werden. Wir haben es dann selbst in der Hand unser Zusammenleben auf allen Gebieten nach eigenen Regeln zu gestalten. Es kostet auch nicht mehr als heute, denn vieles fällt ja weg (Provinzen) und es bietet uns ungeahnte Möglichkeiten und Perspektiven für die Zukunft. Für Brüssel muss in der Tat eine Sonderregelung getroffen werden, vielleicht so etwas wie ein europäischer Distrikt mit allen drei Sprachen und Englisch für die übrigen Europäer, die keine dieser drei Sprachen sprechen.
Es gäbe wie gesagt noch viel darzulegen. Vielleicht ergreift das Grenzecho selbst die Initiative und gründet ein digitales Forum in dem sich jeder interessierte und aktive Bürger äußern kann, egal in welcher Sprache, um seine Gedanken zur Zukunftsgestaltung unserer „ostbelgischen“ Gemeinschaft und zum belgischen Staatsaufbau über Video auszudrücken.
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Verfassung „Ostbelgien“ ist abwegig
Es ist begrüßenswert, dass auch durch den Beitrag von Oswald Schröder aus Anlass des neuen Newsletter 2499 des Crisp die öffentliche Debatte über die Staatsreform weiter angestoßen wird, auch Senator Alexander Miesen hatte sich ja kürzlich zu der in Brüssel eingesetzten Kommission geäußert. Ich persönlich würde mir eine größere politische und gesellschaftliche Debatte in unserer Gemeinschaft wünschen, denn erstens kann es ja wohl nicht sein, das Schicksal unserer Bevölkerung oder auch unsere institutionelle Zukunft im belgischen Staat nur in Hinterzimmern und Kommissionen zu entscheiden und zweitens ist auch das Thema zu wichtig um es nur den Politikern und deren Parteien zu überlassen. Zurück in 1970 haben wir das was erreicht wurde, nämlich die anerkannte verfassungsrechtliche Existenz, nicht erreicht, weil wir selbst diesen Anspruch erhoben hätten, es waren vielmehr flämische Politiker und Parteien die uns zu diesem unverhofften Glück verholfen haben, nämlich Politiker wie Tindemans, Eyskens, Coppieters und Schiltz, um nur einige zu nennen. Gott sei Dank kam es zu einer Zwei-Drittel-Mehrheit auch mit der Einsicht der wallonischen Parteien, auch wenn es ein mühsamer Weg war.
Den Newsletter habe ich bisher nicht gelesen, ich gehe mal davon aus, dass der Chefredakteur ihn detailliert zusammenfasste. Es würde auch hier die zugestandenen Zeilen sprengen, aber ich möchte einfach mal einige Thesen in die Runde werfen, als Anstoß für eine breitere, hoffentlich zivilisierte Diskussion.
- Das institutionelle Gebiet der neun Gemeinden „Ostbelgien“ zu nennen, auch in einer neuen Verfassung, ist falsch. Es spiegelt nicht das wieder, was dieses Gebiet darstellt. Man kann es ganz einfach „Eupen-Sankt Vith“ nennen, womit sich jeder identifizieren kann, egal ob er deutschsprachig ist oder nicht. Das braucht auch nicht übersetzt zu werden. Erinnert sei daran, dass der Begriff Eupen-Malmedy, der ja auch völkerrechtlich an Bedeutung gewann durch die Angliederung an Belgien aufgrund des Versailler Vertrags, bis heute nicht nur bei Historikern durchaus bekannter ist als Ostbelgien oder deutschsprachige Gemeinschaft.
- Der Begriff „Ostbelgien“ hingegen ist auch als geschützte Marke auf jeden Fall territorial weiter zu fassen, da haben unsere Freunde in Bleyberg, Montzen oder Malmedy durchaus Recht. Allerdings müssen diese Gemeinden alle auch ihren Beitrag zur Erfüllung der Sprachgesetzgebung leisten, genauso wie es die neun Gemeinden tun. Dafür muss aber noch viel Gesinnungs- und Überzeugungsarbeit geleistet werden, angefangen in der Schule. Deutsch muss auch dort unterrichtet werden, so wie bei uns Französisch und nicht wie in Malmedy (während der Pandemie gelesen), aus dem Schulprogramm genommen werden. Und warum sollte man nicht auch Niederländisch lernen, denn Kelmis und Bleyberg grenzen an die Niederlande. Im Sankt Vither Land kommen die Menschen ohnehin mit Lëtzebuergesch zurecht, ohne es als Schulfach zu haben. Sie müssten auch das Kulturgut in ganz Ostbelgien schützen und nicht wie in Montzen, plattdeutsche oder deutsche Grabsteine einfach vom Friedhof entfernen…
- Was die 7. Verfassungsreform betrifft, so sollte man nur die Lösung der vier Regionen in Betracht ziehen. Wir schaffen das, auch wenn wir hier und da Hilfe gebrauchen werden. Wir haben es dann selbst in der Hand unser Zusammenleben auf allen Gebieten nach eigenen Regeln zu gestalten. Es kostet auch nicht mehr als heute, denn vieles fällt ja weg (Provinzen) und es bietet uns ungeahnte Möglichkeiten und Perspektiven für die Zukunft. Für Brüssel muss in der Tat eine Sonderregelung getroffen werden, vielleicht so etwas wie ein europäischer Distrikt mit allen drei Sprachen und Englisch für die übrigen Europäer, die keine dieser drei Sprachen sprechen.
Es gäbe wie gesagt noch viel darzulegen. Vielleicht ergreift das Grenzecho selbst die Initiative und gründet ein digitales Forum in dem sich jeder interessierte und aktive Bürger äußern kann, egal in welcher Sprache, um seine Gedanken zur Zukunftsgestaltung unserer „ostbelgischen“ Gemeinschaft und zum belgischen Staatsaufbau über Video auszudrücken.
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