Die massive Kritik, den stürmischen Gegenwind und die heftigen Vorwürfe - all das sah Hakan Calhanoglu wohl schon kommen. Und so bat der frühere Bundesliga-Star unmittelbar nach dem blamablen Vorrundenaus der Türkei vorsorglich schon einmal um Vedrzeihung, ehe die aufgebrachte Presse in der Heimat ihr vernichtendes Urteil fällte.
Als „Schande“ bezeichnete die türkische Zeitung Fotomac das historisch schlechte EM-Abschneiden der Milli Takim. „Besiegt, zerquetscht, erschöpft“, titelte Türkiye Gazetesi. Und Fanatik druckte nach dem erneut ernüchternden 1:3 (0:2) gegen die Schweiz eine unmissverständliche Botschaft: „The End“. Der türkischen Nationalmannschaft stehen unruhige Wochen bevor.
„Wir haben unsere Fans sehr enttäuscht. Und das hat uns wiederum sehr traurig gemacht“, sagte ein geknickter Calhanoglu, der als großer Hoffnungsträger nach einer starken Saison beim AC Mailand ins Turnier gestartet war, die Erwartungen aber nicht erfüllen konnte. Wichtig sei nun, „aus unseren Fehlern zu lernen und nach vorne zu schauen“, ergänzte er.

Fraglich ist allerdings, in welcher Konstellation die Türkei nun die bislang erfolgreiche Qualifikation für die WM 2022 (7 Punkte aus 3 Spielen) in Katar fortführen wird. Die Forderungen nach einem Rücktritt von Senol Günes sind jedenfalls lauter denn je. Dem erfahrenen Nationalcoach werden falsche Aufstellungen, schlechte Taktiken und nicht zuletzt die katastrophalen Ergebnisse bei der EM angehängt.
Doch der 69-Jährige, der die Türkei in seiner ersten Amtszeit bei der WM 2002 auf Platz drei geführt hatte, klammerte zunächst noch. „Aktuell denke ich nicht an einen Rücktritt. Man kann später darüber diskutieren und eine Entscheidung treffen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es richtig ist, die Arbeit aufzugeben und wegzurennen“, sagte Günes am Sonntagabend.
Bei null Punkten, acht Gegentreffern, nur einem einzigen Tor und ganz schwachen Auftritten dürften ihm allerdings die Argumente ausgehen. Und das, obwohl die Türkei unter Günes zuvor mit einer starken Qualifikation die hohen Ambitionen erst entfacht hatte. „Wir sind mit großen Zielen zum Turnier gekommen, wir haben geträumt“, sagte Calhanoglu. Es sei aber „nicht so gelaufen, wie wir es wollten“.

Und während Günes trotz aller Kritik versprach, dass diese Mannschaft „die nächsten zehn Jahre dominieren und Erfolge verbuchen“ werde, zeichnete Christoph Daum ein deutlich schlimmeres Bild. Diese EM werde wieder einmal „eine Zäsur“, schrieb der 67-Jährige, der lange in der Türkei gearbeitet hatte, bereits vor dem letzten Gruppenspiel in der Bild-Zeitung.
„Die türkischen Medien lassen zu Recht kein gutes Haar am Team, weil man bei der individuellen Klasse viel mehr erwarten durfte“, erklärte Daum: „Ich hätte nie gedacht, dass das Turnier für die Türkei bereits nach der Gruppenphase vorbei sein könnte.“ (sid/tf)

Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren