Fruchtiger Familienzuwachs in der Raerener Brennerei Radermacher

<p>Fruchtiger Familienzuwachs in der Raerener Brennerei Radermacher</p>

Mittlerweile gibt es vier Gins in der „1836“-Reihe. Wie sind Sie überhaupt ursprünglich auf die Idee gekommen, Gin herzustellen?

Yves Emonts-Gast: Das älteste Produkt, das wir haben, ist der Töpfergeist. Es handelt sich um einen Kornbrand mit Wacholderbeeren. Das ist eigentlich unser Ursprungs-Gin. Der Großvater aller Gins, könnte man sagen. Wir produzieren, so gesehen, also bereits seit 180 Jahren Gin. Der Töpfergeist hat nun auch ein Bio-Label und wurde Gin genannt. Gin war also von Anfang an eine unserer Spezialitäten.

Die Destillerie Radermacher gilt als eine der ältesten Belgiens.

Bernard Zacharias: Es gibt eine einzige Brennerei in Belgien, die ein Jahr älter ist. Diese Brennerei hat aber während 50 oder 60 Jahren nicht produziert. Wir hingegen haben die ganze Zeit den Betrieb von Generation zu Generation übergeben, zwei Weltkriege überstanden und wir sind immer noch da.

<p>Was lange währt, wird endlich gut: Die Herstellung hat sich als kompliziert erwiesen. Mit dem Resulatat sind Barnard Zacharias (l.) und Yves Emonts-Gast aber sehr zufrieden.</p>
Was lange währt, wird endlich gut: Die Herstellung hat sich als kompliziert erwiesen. Mit dem Resulatat sind Barnard Zacharias (l.) und Yves Emonts-Gast aber sehr zufrieden. | Fotos: David Hagemann

Der vierte Gin in der „1836“-Reihe ist der neue Gin mit Clementinen Geschmack. Warum gerade diese Zitrusfrucht?

Yves Emonts-Gast: Wir haben die „1836“-Reihe, die auf unser Gründungsdatum anspielt, mit einem Rum, einem Vodka und einem Gin gestartet. Das war uns wichtig, um die Grundpalette abzudecken. Dem traditionellen Gin in der blauen Flasche folgte der holzfassgelagerte in der grünen Flasche. Danach sind wir dem Trend gefolgt und haben uns auf dem Markt umgesehen. Ein Vorreiter in Sachen Alkohol ist oft Spanien. Dort gab es schon Gin-Bars, als hier noch kein Gin getrunken wurde. Unser Pink-Gin war eine logische Konsequenz. Mit der Clementinen-Variante haben wir diese Tendenz aufgegriffen und weiter verfolgt. Mit dem neuen Gin haben wir ein Produkt geschaffen, das nicht nur im Trend liegt, sondern von dem wir auch überzeugt sind. Wir sehen es als polyvalentes Getränk. Erste Rückmeldungen zeigen, dass einige es als Sommergetränk sehen. Andere wiederum fühlen sich durch die Clementine an Weihnachten erinnert. Der Gin kann also genauso ein Wintergin sein. Wir waren selber etwas überrascht von den zahlreichen positiven Echos. Schon eine Woche nach der Auslieferung war der Gin bei Großkunden ausverkauft. Das ist sehr positiv.

Bernard Zacharias: Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass die Clementine eine sehr reichhaltige Frucht ist. Beim Eintauchen in diese Welt der Zitrusfrüchte und Orangendüfte wollten wir eine Frucht mit vielen ätherischen Ölen für unseren Gin. Selbst die Blätter der Clementine geben viel Geschmack ab. Die Frucht, die im Winter im mediterranen Raum gepflückt wird, bringt das ganze Jahr eine gewisse Frische. Damit liegt sie im Trend: Der Gin muss Frische bringen. Clementine ist in unseren Augen außerdem eine Frucht, die im Alkoholbereich bisher eher selten genutzt wird. Daher haben wir uns für Clementine entschieden. Leicht war ihre Verarbeitung allerdings nicht. Der neue Gin war eines der Produkte, das am längsten gebraucht hat, um es aufzubauen.

Warum?

Bernard Zacharias: Ätherische Öle vermengen sich nicht immer so, wie man es sich vorstellt. Wir haben sechs Monate an dem Gin geschliffen. Von Verkostung zu Verkostung waren wir zufriedener. Wir sind letztendlich sehr glücklich mit dem Endergebnis.

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Bernard Zacharias


Wie muss man sich die Verarbeitung der Frucht vorstellen?

Bernard Zacharias: Die Früchte kommen aus Frankreich und Italien. Wir nutzen für die Ginherstellung die ätherischen Öle, Schalenextrakte und die Blätter. Wie bei jedem Gin ist natürlich die Wacholderbeere die Basis, auf der alles aufbaut. Gemeinsam mit anderen Kräutern tasten wir uns dann an das Gleichgewicht heran, das wir suchen. Wir extrahieren die Testbrände auf einer 30-Liter-Testanlage. Auf der werden alle Neuentwicklungen gemacht, bevor sie in Produktion gehen.

Sind die Clementinen auch bio?

Yves Emonts-Gast: Ja. Das muss sein. Auch die Farbe im Gin ergibt sich durch die Früchte und nicht über zugefügten Farbstoff – das wäre für ein Bio-Produkt absolut verboten. Wir werden in spätestens fünf Jahren alle hochwertigen Produkte auf Bio umgestellt haben. Bei den festlichen Produkten wie dem Woodberries ergibt das wenig Sinn. Da sehen wir davon ab.

Bernard Zacharias: Wir setzen aber nicht nur auf Bio, sondern wollen auch weitestgehend auf regionale Produkte setzen. Unser Wasser, um den Alkoholgehalt im Gin herabzusetzen, entnehmen wir beispielsweise unserem eigenen Brunnen. Wir versuchen, auch andere Zutaten in der Region oder in Belgien zu kaufen. Das ist aber nicht immer leicht. Wir arbeiten zum Beispiel momentan daran, unseren Grundalkohol, ein Getreidedestillat, mit Dinkel aus Belgien herstellen zu können.


<p>Der Clementine als Zutat begegnet man im Gin nicht oft.</p>
Der Clementine als Zutat begegnet man im Gin nicht oft.

Inwiefern?

Yves Emonts-Gast: Es läuft ein Projekt auf Ebene der Wallonischen Region, bei dem wir mit anderen Unternehmern wie beispielsweise dem Lütticher Nudellieferanten „Pasta della Mama“ als Partner fungieren. Es geht darum, in der Wallonie Dinkel anzubauen. Dieses Getreide wächst hierzulande gut. In dem Projekt geht es darum, die unterschiedlichen Anwendungsbereiche und Vielfältigkeit des Dinkels zu erforschen und voranzutreiben. Das ist sehr vielversprechend. In naher Zukunft könnten wir somit belgischen Dinkel nutzen.

Bernard Zacharias: Das zeigt, dass unser Unternehmen eine moderne Ausrichtung hat. Das ist das Tolle an unserem Job, wir können sehr kreativ sein und interessante Projekte angehen, um unsere Produkte weiterzuentwickeln.

Wird es nach dem Clementinen-Gin einen weiteren Gin geben?

Bernard Zacharias: Wir haben viele Ideen. Es gibt auch schon ein Projekt, das noch dieses Jahr an den Start gehen soll. Wir planen eine „Limited Edition“ eines Weihnachtsgins, der nur von Weihnachten bis Neujahr erhältlich ist. Wenn es funktioniert, werden wir das jedes Jahr machen. Der Gin wird typische Weihnachtsaromen enthalten. Die Rezeptur ist so gut wie fertig. Wir sind momentan mit der Flaschengestaltung beschäftigt. Die Flasche wird in die 1836-Reihe passen, aber eine gewisse Besonderheit aufweisen. Mehr verrate ich dazu nicht.


Welche Rolle spielt der Gin in Ihrem Gesamt-Portfolio?

Yves Emonts-Gast: Der Gin spielte eine wichtige Rolle. Die 1836-Reihe macht rund ein Drittel aus, wobei der Gin dabei eine Hauptrolle einnimmt. Der Clementine-Gin wird sicher schon bald einen festen Platz beanspruchen. Obwohl wir gerade erst starten, ist er im In- wie Ausland gut angelaufen. Die Akzeptanz ist hoch.

Wie hat sich die Corona-Pandemie ausgewirkt?

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Yves Emonts-Gast


Yves Emonts-Gast: Dass die Restaurants und Terrassen geschlossen waren, machte sich natürlich bemerkbar. Andererseits haben wir gespürt, dass der Verkauf in den Supermärkten deutlich angezogen ist. Ich glaube, viele Menschen haben sich in der Corona-Zeit ab und zu einfach zu Hause einen guten Tropfen gegönnt.

Apropos „guter Tropfen“: Was ist Ihr Perfect Serve?

Bernard Zacharias: Ich bin, was das angeht, sehr traditionell eingestellt. Ein guter Gin braucht in meinen Augen keinen aromatischen Tonic, der den Geschmack des Gins überspielt. Ich tendiere viel eher zu einem klassischen, neutralen Tonic, damit das, was im Gin ist, explodieren kann. Genauso handhabe ich es mit der Garnitur. Eine Clementinen- oder Mandarinenschale und ein Zweig Rosmarin passen. Mehr wäre schon zu viel. Die Deko sollte immer in der Logik des Gins bleiben. Man sollte nichts hinzufügen, was zu schnell infusiert – also zu viel Geschmack abgibt. Aber letztendlich ist es Geschmackssache und jeder soll seinen Drink so gestalten, wie er ihn am liebsten mag.


TESTBERICHT

Der Sommer kann kommen!

Der letzte Wurf aus dem Hause Radermacher in Raeren richtet sich wohl nicht so sehr an die Puristen unter den Gin-Trinkern. Mit seinen 37,5 Prozent und der Fruchtnote wandelt der Neuzugang eher auf den Spuren der älteren Schwester, des Pink-Gins, ebenfalls aus der 1836-Reihe. In beiden Fällen schielten die Macher nach Spanien und fanden dort ihre Inspirationsquelle. Mit der Clementine als geschmacksprägende Zutat haben sie allerdings auf eine seltene Besonderheit gesetzt.

Die Zitrusfrucht steigt beim Öffnen der Flasche sofort in die Nase. Ein frischer und intensiver Duft breitet sich aus. Auf der Zunge allerdings wird dieses Versprechen nach Clementine nicht sofort erfüllt. Der Wacholder spielt zuerst seine Stärke aus. Auch Koriander, Engelwurz, Kardamon und Rosmarin sind in der Spirituose enthalten. Die süßlich-herbe Note der Clementine kommt erst mit leichter Verzögerung deutlich zur Geltung. Sie dominiert aber keineswegs die restlichen Botanicals und sorgt für ein ausgewogenes Geschmackserlebnis.

Die Flasche, die für Gin-Sammler sicher auch ein Kaufargument darstellt, kann sich sehen lassen. In dem eckigen Gefäß mit Holzschraubverschluss aus der 1836-Kollektion schimmert der Gin gelblich-orange. Kein künstlicher Zusatzstoff sondern die mediterranen Essenzen der Clementine rufen dieses Farbspiel hervor.

Eines steht fest: Mit diesem Bio-Gin kann der Sommer kommen!

www.distillerie.biz

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