Die Baustelle wirkt an diesem Mittwochnachmittag, zumindest im Bereich des Gemeindehauses, wie ausgestorben: Ein einsamer Arbeiter steckt den künftigen Fahrbahnverlauf ab, in Vorbereitung darauf, dass in einem nächsten Schritt die Bordsteinkante gegossen wird, „was wesentlich weniger aufwendig ist, als vorgefertigte Kantensteine zu setzten“, erklärt Bauschöffe Mario Pitz. Ein Autofahrer, der in Schritttempo vorbeifährt, wirbelt eine große Staubwolke auf. Er wird wohl umkehren müssen, denn am Ende des Bauabschnittes, auf Höhe der Siedlung Titfeld, gibt es derzeit kein Durchkommen. Mit schwerem Gerät werden dort Erdschichten in verschiedenen Körnungen aufgetragen, die der künftigen Fahrbahn als Fundament dienen. Eine Fußgängerin stakst ungelenk über Erdreich und Gestein vorbei an Absperrungen in Richtung Bergscheid, während eine Anwohnerin neugierig den Kopf aus der Türe steckt. Sie möchte sich beim Bauschöffen über das Voranschreiten der Arbeiten direkt vor ihrer Haustüre erkundigen. „Wir liegen sehr gut in der Zeit“, versichert Mario Pitz. Er muss beinahe schreien, um den Baustellenlärm zu übertönen. „Jeder Krümel Erde ist inzwischen mindestens einmal umgedreht worden“, sagt er. Mit Überraschungen, die Verzögerungen verursachen könnten, sei in dieser Phase der Arbeiten eigentlich nicht mehr zu rechnen, so der Bauschöffe.
„Gefühlt gibt es die Baustelle schon seit einer halben Ewigkeit.“
Die Dame scheint sich mit der Auskunft zufrieden zu geben, zumindest lässt sie ihren Unmut über Lärm und Dreck nicht am Bauschöffen aus. Einen kleinen Seitenhieb kann sie sich dennoch nicht verkneifen: „Zum Glück wurden keine historischen Tonscherben gefunden, wer weiß, wie sehr sich das Ganze sonst zusätzlich in die Länge gezogen hätte“, sagt sie scherzhaft, grüßt freundlich und verschwindet wieder im Haus.
Seit September 2018 wird an der Hauptstraße gearbeitet. „Gefühlt gibt es die Baustelle aber schon seit einer halben Ewigkeit“, dürfte Pitz vielen Raerenern, besonders aber den Anwohnern und Geschäftsleuten, aus der Seele sprechen. Unerwartete Zusatzarbeiten hatten die Gemeinde im Zeitplan zurückgeworfen. Unter anderem war man zwischen Titfeld und Bergscheid auf eine Blausteinader sowie mehrere Quellen im Untergrund der Straße gestoßen. Zudem stellte sich im Laufe der Arbeiten heraus, dass doppelt so viele Hausanschlüsse wie ursprünglich vorgesehen benötigt werden.

Jetzt aber, rund 500 Arbeitstage später, biegen die Arbeiten im Raerener Ortskern auf die Zielgerade ein. Während auf dem ersten Bauabschnitt zwischen Botz und Titfeld bereits die erste Teerschicht liegt und auch die Bürgersteige „langsam Form annehmen“, konzentrieren sich die Arbeiten derzeit auf den 560 Meter langen Abschnitt zwischen dem ehemaligen Kindergarten Titfeld und der Kreuzung Bach-, Neu- und Eynattener Straße. Noch vor Beginn der Bauferien im Juli soll die erste von zwei Teerschichten, die sogenannte Tragschicht, auch dort aufgetragen sein. „Man wird dann wesentlich weniger Staubbelastung haben als es jetzt noch der Fall ist und die Straße kann wieder für den Verkehr freigegeben werden“, ist er zuversichtlich.
Zunächst hatte man mit dem Gedanken gespielt, Betonplatten als Straßenbelag zu verwenden, sich schlussendlich aber für Gussasphalt entschieden. „Sollte es mal nötig sein, die Straßendecke an einer Stelle wieder aufzureißen, lässt sich der Asphalt ohne sichtbare Flickstelle wieder schließen“, nennt Pitz einen Vorzug. „Außerdem benötigt Beton wesentlich länger zum Aushärten – mindestens 21 Tage“, was die Fertigstellung unnötig hinausgezögert hätte. Um erst gar nicht in die Verlegenheit zu geraten, Flickschusterei betreiben zu müssen, seien alle hundert Meter unterirdisch Querrohre verlegt worden, die es ermöglichen, Versorgungsleitungen bei Bedarf nachträglich unter der Fahrbahn durchzuführen, „ohne wieder alles aufreißen zu müssen“.
Nach dem Sommer sollen die Arbeiten zügig weitergehen: Zunächst werden dann die Bürgersteige angelegt und gepflastert. Außerdem wird die alte Straßenbeleuchtung gegen eine moderne ausgetauscht. Stromleitungen, die derzeit noch über Strommaste und an Hausfassaden entlang, teils kreuz und quer verlaufen oder in luftiger Höhe über der Fahrbahn baumeln, sollen unterirdisch verlegt werden. „Das wird direkt ein ganz anderes Bild ergeben, wenn der Kabelsalat verschwunden ist“, ist Pitz überzeugt.
Parallel werde an mehreren Nebenschauplätzen in der direkten Umgebung der Großbaustelle gearbeitet werden, so etwa am Friedhofsparkplatz, der umgestaltet werden soll. Auch die Terrasse am Bergscheiderhof soll, quasi in einem Aufwasch, bündig zum Bürgersteig und damit behindertengerecht gestaltet werden.
Großbaustelle hat Kosten in Höhe von 3,6 Millionen Euro verursacht.
Pitz rechnet mit einer Fertigstellung aller Arbeiten Mitte September, Bepflanzungen ausgenommen. „Dann werden wohl alle ein Kreuzzeichen machen“, der Bauschöffe eingeschlossen: „Ich behaupte mal, dass jeder froh sein wird, dass Raerens Arterie erneuert worden ist.“ Gleichzeitig ist die Gemeinde dann um 3,6 Millionen Euro ärmer – so viel hat die Grunderneuerung der Hauptstraße gekostet, „mit allem drum und dran“, so der Bauschöffe. Um seinem Amt gerecht zu werden und ihm auch die nötige Zeit widmen zu können, hat Pitz, der beim technischen Dienst der Stadt Eupen beschäftigt ist, seine Arbeitszeit im Hauptberuf reduziert. Während er in Eupen dem Gemeindekollegium beratend zur Seite steht, hält er in seiner Heimatgemeinde Raeren selbst die Zügel in der Hand. Der 50-Jährige ist ganz frisch im Amt und schon hagelt es Kritik. „‘Ist er gerade mal seit zweieinhalb Wochen da, tut er bereits so, als habe er die Baustelle erfunden‘, hat jemand bei Facebook geschrieben“, erzählt der Bauschöffe. Offenbar hat ihn die Aussage getroffen, denn er möchte sie nicht unkommentiert lassen: „Das maße ich mir überhaupt nicht an. Wir legen einfach Wert darauf, bestmöglich zu kommunizieren und die Leute auf dem Laufenden zu halten.“ Besonders die Anwohner und Geschäftsleute haben unter der Baustelle gelitten und tun es immer noch, ist sich Pitz durchaus bewusst. In seiner Position sei ihm jedoch daran gelegen, die Situation möglichst erträglich zu gestalten. Für jedes Problem werde eine Lösung gesucht, auch auf dem kurzen Dienstweg. „Jeder soll sich möglichst gut mitgenommen fühlen“, so das erklärte Ziel. Auch für finanzielle Einbuße, verursacht durch die Baustelle, sollen die Geschäftsleute von der Wallonischen Region mit 100 Euro je Baustellentag, höchstens jedoch 6.000 Euro, entschädigt werden. Die Beantragung dieser Unterstützung erfolgt über eine App. „Wer Hilfe benötigt, kann uns jederzeit ansprechen“, zeigt sich Pitz hilfsbereit.
Damit Anwohner zu ihren Häusern gelangen und Kunden die Geschäfte erreichen, werden momentan noch teils kreative Lösungen gefunden. Jeden Abend, etwa eine Stunde vor Feierabend, kann man auf der Hauptstraße folgendes Schauspiel beobachten: Die Fahrbahn wird gewalzt, damit „nach Möglichkeit Teile befahrbar sind“, Garagenzufahrten werden mit Hilfe von provisorischen Schotteraufschüttungen zugänglich gemacht, Behelfsbrücken werden aufgestellt. Spätestens wenn Mitte Juni die Fahrbahn ein erstes Mal asphaltiert ist, dürfte sich eine merkliche Besserung der Situation einstellen.
Eine gute Nachricht gibt es außerdem für die Anwohner der Kreuzstraße, wo die Erdmassen, die aus der Großbaustelle abgetragen wurden, sowie Bauschutt und abgefräster Teer auf einer Wiese zwischengelagert werden. „Ab kommender Woche wird damit begonnen, das alles wegzuschaffen, sodass dieser Schandfleck mit und mit verschwindet“, kündigt der Bauschöffe an. Während Betonreste gemahlen und zu Sekundärbaustoffen verarbeitet werden, wird die Erde anderenorts als Auffüllmaterial wiederverwendet.

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