Wie hat das ÖSHZ Raeren das Corona-Jahr 2020 hinter sich gebracht?
Ferdy Leusch: Corona ist natürlich nicht spurlos an uns vorübergegangen. In Raeren sind immerhin 20 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Wir konnten das Leben dieser von der Pandemie Betroffenen im Lockdown erträglicher gestalten. Ganz konkret haben Mitarbeiter des ÖSHZ sowie eine Gruppe Freiwilliger beispielsweise die Einkäufe oder Botengänge zu Behörden oder zur Apotheke für ältere Personen übernommen. Dabei ist uns aufgefallen, dass die Familien- und Vereinsstrukturen in Raeren gut zu funktionieren scheinen. Denn von dieser Seite wurde den Senioren einige Hilfeleistung entgegengebracht. Auch 2021 wird uns diese Pandemie weiter beschäftigen. Das ÖSHZ wird, sollten Hilfsmaßnahmen erforderlich werden, sofort wieder aktiv werden. Bislang scheint das nicht nötig zu sein. Wir haben neben dieser konkreten zwischenmenschlichen Hilfe im vergangenen Jahr aber auch finanzielle Anschaffungen getätigt, die der Bevölkerung direkt zugutekommen.
Welche Ankäufe wurden getätigt?
Ferdy Leusch: Durch die Anschaffung eines eigenen Wärmeofens und eines zusätzlichen Fahrzeugs sind wir beispielsweise für das neue Jahr gut aufgestellt, um die Bedürfnisse unserer Senioren abzudecken. So können wir noch besser auf die Essensbestellungen eingehen. 2020 wurden insgesamt 14.119 Essen ausgeliefert.
Claudia Kirschfink-Fonk: Die Einkaufsanfragen sind mittlerweile eingeschlafen, aber die Anfragen nach „Essen auf Rädern“ sind im Lockdown stark gestiegen und nun auch auf ungefähr gleichbleibend hohem Niveau stagniert. Daher war die Anschaffung eines zweiten Ofens nötig. Zuerst hatten wir einen Ofen angemietet, dann konnte ein gebrauchter gefunden werden. Wir führen diesen Anstieg an Anfragen darauf zurück, dass viele Senioren früher zum Essen ins Marienheim gingen, was momentan nicht möglich ist. Auch das Einkaufen bereitet einigen wohl noch Sorge. Durch das „Essen auf Rädern“ erhalten sie gute Ernährung auf sicherem Weg.
In Eupen sind die Anfragen auf Eingliederungseinkommen gestiegen. Wie sieht es in Raeren aus?
Ferdy Leusch: Die Anträge sind 2020 nicht gestiegen. Im Gegenteil: Es waren sogar 50 weniger als im Jahr 2019. Wir haben für 2021 insgesamt 965.000 Euro vorgesehen, im Jahr 2019 waren es 900.852 Euro. Die Ausgaben 2020 für das Eingliederungseinkommen und gleichgestellte Sozialhilfe beliefen sich auf rund 850.000 Euro bei rückläufigen Antragszahlen. Wir erwarten allerdings eine Steigerung der Anträge nicht zuletzt wegen der Krise im zweiten Halbjahr 2021. Ein erstes Anzeichen dafür, dass sich die Lage der Bedürftigen verschlechtert, ist, dass die Lebensmittelausgabe des Roten Kreuzes im Januar um 31 Prozent gestiegen ist.
Claudia Kirschfink-Fonk: Wir wissen selber nicht, woran es liegt, dass Raeren weitestgehend verschont bleibt, was die Anfragen auf Eingliederungseinkommen angeht. Insgesamt gehört Raeren natürlich eher zu den reicheren Gemeinde. Die Betriebe auf dem Gemeindegebiet – wie beispielsweise NMC oder Hydro Extrusion – haben weiter arbeiten können. Die Rentenanträge und Anfragen auf Behindertenbeihilfen steigen. In der Schuldnerberatung ist jedoch eher Stationierung festzustellen. Das könnte sich durch Corona künftig verändern.
Ferdy Leusch: Es gibt auch in Raeren genug bedürftige Menschen, aber vielleicht weniger als in anderen Gemeinden. Schwierig ist die Lage momentan auch in Sachen Hausaufgabenschule.
Was gibt es bei der Hausaufgabenschule für Schwierigkeiten?
Ferdy Leusch: Trotz Corona hat sich die Hausaufgabenschule des ÖSHZ zu einem unentbehrlichen Pfeiler in der Gemeinde Raeren entwickelt. Gerade jetzt riskieren diese Kinder mit erhöhtem Betreuungsbedarf zu den Verlierern der Coronakrise zu werden. Das bereitet uns Sorge. Es gibt mittlerweile drei Standorte, an denen die Kinder Unterstützung erfahren. 85 Prozent der Kinder, die die Hausaufgabenschule besuchen, haben einen Migrationshintergrund. Es wäre ein Drama, wenn man das Angebot nicht weiterhin aufrechterhalten könnte. Auch jetzt schon ist die Betreuung schwieriger als in Nicht-Coronazeiten. Wir hoffen, dass sich die Kollateralschäden in Grenzen halten und wir eventuelle Defizite schnell wieder aufholen können.
Warum ist Ihnen das Projekt so wichtig?
Ferdy Leusch: Wir sind das einzige ÖSHZ in der DG, das eine Hausaufgabenschule initiiert hat. Wir legen großen Wert darauf, denn diese Kinder sind die Kunden von morgen. Sie sollen nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Wenn sie als Kinder und Jugendliche schon scheitern, wird es für sie auch später schwierig. Wir wollen ihnen durch die Hilfe in der Schule Zugang zu Bildung und Arbeit bieten und ihnen so einen besseren Weg für die Zukunft bereiten. Es geht quasi um Präventionsarbeit, durch die wir später einige Kunden weniger haben werden.
Wie sieht es für 2021 aus? Was sind die Schwerpunktthemen?
Ferdy Leusch: In Kooperation mit den ÖSHZ Kelmis, Eupen, Lontzen und St. Vith wird nach einjähriger Vorbereitung eine Integrationsmaßnahme für Personen mit multiplen Vermittlungshemmnissen ins Leben gerufen. Diese richtet sich prioritär an Bezieher von Eingliederungseinkommen oder gleichgestellter Sozialhilfe. Eine Bedarfsanalyse ergab, dass es in den Wohn- und Pflegezentren für Senioren einen Bedarf an Hilfskräften gibt. Dieses Angebot soll jetzt im Februar starten.
Ein ähnliches Projekt ist „Vermittlung aus einer Hand“. Auch hier geht es um die Bündelung von Kräften. Wie stehen Sie dazu?
Ferdy Leusch: Das Vorhaben der DG soll die Begleitung von Arbeitssuchenden optimieren. Das ist natürlich begrüßenswert. Das Arbeitsamt, die Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben und die neun ÖSHZ wollen neue Formen der Zusammenarbeit ausprobieren. Einer Zusammenlegung der Dienste stehen wir aber skeptisch gegenüber. Wir haben eine andere Klientel als das Arbeitsamt. Unsere Kunden sind meistens nicht mobil und haben eine längere Anlaufzeit nötig. Es mangelt ihnen oft an Sprachkenntnissen und sie brauchen eine enge persönliche Betreuung. Ich denke, hier wird die Realität verkannt. Synergien zu nutzen, ist natürlich sinnvoll, eine Zusammenlegung ist allerdings nicht zielführend. Diese „Fusionitis“, die in der DG ausgebrochen zu sein scheint, hat meist finanzielle Hintergründe und ist nicht immer sinnvoll. Ähnlich sehe ich es mit der Zusammenlegung der ÖSHZ.
Claudia Kirschfink-Fonk: Auch ich sehe in dem Projekt „Vermittlung aus einer Hand“ ein schwieriges Konzept. Ich befürchte, es könnte für unser Publikum ein Nachteil entstehen. Im ÖSHZ liegt der Fokus auf der persönlichen und engmaschigen Begleitung der arbeitssuchenden Kunden. Es geht um den engen und direkten Kontakt, den wir verlieren würden. Man kann soziale und sozialberufliche Integration nicht voneinander trennen, das gehört in meinen Augen zusammen
Wie sehen sie die Zusammenlegung der ÖSHZ, von der zeitweise die Rede war?
Ferdy Leusch: Ich habe mich sehr gewundert, als der zuständige Minister Antonios Antoniadis in dem Zusammenhang die Synergieschaffung zwischen Gemeinden und ÖSHZ verlangte. Diese Synergien gibt es nämlich schon in vielen Gemeinden. Dass der Ruf nach Fusion aus einer ländlichen Gemeinde wie Amel ohne Sozialbrennpunkt kommt, verwundert mich nicht. Das bildet die ostbelgische Realität aber nicht ausreichend ab. Von der DG-Regierung wünsche ich mir Antworten auf die Frage, wie man das Angebot zur Unterstützung im Bereich der mentalen Gesundheit aufstellen könnte. Auch die Mobilität ist ein Thema. Viele Kunden haben kein Fahrzeug oder keinen Führerschein. In der Wallonie gibt es die Möglichkeit für ÖSHZ-Kunden, einen Führerschein kostenlos zu machen. Für uns Ostbelgier war das nicht möglich. Aber Integration fängt auch mit Mobilität an.
Wie gestaltet sich die Finanzanlage des ÖSHZ in Raeren?
Ferdy Leusch: Der Haushalt 2021 setzt sich aus folgenden Eckdaten zusammen: Im ordentlichen Dienst sieht der Haushalt Einnahmen von rund 3,5 Millionen Euro vor. Im außerordentlichen Haushalt stehen Ausgaben von 17.000 Euro an. Der seit fünf Jahren gleichgebliebene Zuschuss der Gemeinde beträgt 990.000 Euro. Die Dotation der Deutschsprachigen Gemeinschaft beträgt für das Jahr 2021 insgesamt 260.000 Euro. Darin enthalten ist ein Corona-Sonderzuschuss in Höhe von 79.000 Euro. 2020 erhielten wir bereits 60.000 Euro Sonderzuschuss. Der Haushalt sieht also gut aus, die Lage ist entspannt.
Claudia Kirschfink-Fonk: Wir haben allen helfen können, die Hilfe benötigten und haben noch genug Reserven, um auch das Jahr 2021 gut zu stemmen. Dennoch hat Corona alles komplizierter gemacht. Eine weitreichende Planung ist fast unmöglich. Man weiß nie, was als Nächstes kommt.

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