Seit 2017 ist die WDR-Redakteurin Korrespondentin in Washington und seit diesem Jahr stellvertretende Leiterin des Studios.
Wie haben Sie die Amtseinführung Joe Bidens in der vergangenen Woche vor Ort erlebt? Welche Zeichen sind von ihr ausgegangen?
Zunächst einmal ging von ihr ein großer Wille zur Versöhnung aus, zum anderen die Entschlossenheit, die Probleme anzupacken. Wir haben in den USA viele Krisen: die Corona- und Wirtschaftskrise, aber auch den Klimawandel, der von Joe Biden als Krise angesehen wird, was bei seinem Vorgänger nicht der Fall war. Hinzu kommen Rassismus und soziale Ungleichheit. Das sind die Baustellen, denen sich Biden mit Hochdruck widmen will. Man hatte als Beobachter das Gefühl, dass er das alles angehen möchte. Obendrauf kommt ja noch die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft, die sich in den letzten Jahren massiv verschärft hat. In diesem Punkt will er versöhnend und heilend wirken.
Sie sprachen im Zusammenhang mit der Amtseinführung von einem „Gänsehautmoment“. Was hat Sie an diesem Tag so berührt?
Als Berichterstatter sollte man ja immer neutral bleiben, doch so hundertprozentig klappt das dann doch nicht immer. Ich war überrascht davon, wie anders der Ton bei der Vereidigung im Vergleich zu Trump war. Dann kommt die Musik dazu, die emotionale Momente schafft. Als der Helikopter von Donald Trump über unsere Köpfe flog und wir wussten, dass der alte Präsident die Stadt verlässt, hatte man schon das Gefühl, dass eine neue Zeit anbricht. Jetzt geht es wieder zurück zu mehr Ordnung und Verlässlichkeit in der Politik. Für uns Journalisten war es keine einfache Zeit mit Trump, der Konflikte bewusst geschürt hat, Journalisten sehr stark angegriffen und es mit der Wahrheit nicht genau genommen hat. Wir haben viel Aggression erfahren. Das Ganze war daher auch ein Moment der Erleichterung.
Wie haben Sie Ihre Arbeit in den vergangenen vier Jahren in Washington persönlich empfunden?
Es hat sich verändert. Ich bin ja viel übers Land gereist und habe mich mit Trump-Anhängern unterhalten. Am Ende dieser Legislaturperiode waren viele Trump-Anhänger gar nicht mehr bereit, mit uns zu sprechen. Man musste viel Vertrauensarbeit leisten, um die Menschen zu öffnen. Mir ging es darum, zu lernen, wie diese Menschen denken. Das hatte oft Erfolg. Ich erinnere mich aber auch an Veranstaltungen, bei denen wir sehr aggressiv angegangen wurden, ohne dass wir überhaupt einen Satz gesagt hatten. Man wurde angeschrien und beschimpft und alles als Fake-News abgetan. Das hat sich mit den Jahren deutlich verschlimmert.
Haben Sie dennoch Verständnis für den einen oder anderen Trump-Anhänger entwickeln können?
Wenn ich eines verstanden habe, dann ist es, dass die Menschen in der Mitte des Landes sich seit Jahren nicht mehr wahrgenommen fühlen. Dieses Problem müssen sich beide Parteien anheften. Dass sich so viele Trump-Anhänger aber von der Wahrheit abkoppeln und nicht mehr empfänglich sind für Argumente, habe ich aber sehr bedauert. Am Ende waren viele für einen Austausch gar nicht mehr zugänglich.
Sie waren in den letzten Wochen auf dem Bildschirm omnipräsent. Liegt hinter Ihnen nun die turbulenteste Zeit in Ihrer journalistischen Karriere oder haben Sie andere ähnliche Phasen erlebt?
So etwas habe ich noch nie erlebt. Die vier Jahre Donald Trump waren eine Achterbahnfahrt, die am Ende noch einmal richtig an Tempo zugelegt hat. Es war eine Zeit, die von vielen täglichen Überraschungen in der Politik bestimmt war. Morgens um 6 Uhr prüfte man die Tweets, weil die ja wieder einmal den Nachrichtentag hätten bestimmen können. Obwohl wir uns als Dauerbeobachter hier eine dicke Haut zugelegt haben und schon viel gewohnt waren, gab es doch immer wieder Momente, die man so nicht hatte kommen sehen. Es war als Journalist eine spannende Zeit, von der ich keine Minute missen möchte. Man hatte immer wieder das Gefühl, dass es so etwas noch nicht gegeben hat und gerade Geschichte geschrieben wird.
Wie fühlt man sich als Zeitzeugin der US-Geschichte?
Man ist hochmotiviert, obwohl man sehr lange Tage hat und oft ungläubig mit dem Kopf schüttelt, beispielsweise mit Blick auf die Coronasituation. Es gab da ja eine Reihe von Hinweisen des Präsidenten, die nicht sehr hilfreich waren. Es war auf jeden Fall spannend, diese Zeit zu begleiten.
Waren Sie vom Sieg Joe Bidens überzeugt oder gab es bis zuletzt Zweifel?
Ich hätte da keinerlei Wetten abgeschlossen. Am Ende des Wahlkampfes hat sich herauskristallisiert, dass es für Joe Biden besser aussieht als lange Zeit angenommen worden war. Dies hatte sicherlich mit Trumps Verhalten in der Coronakrise zu tun und dem durch Corona veränderten Wahlkampf. Bis zuletzt hätte ich Bidens Wahlsieg dennoch nicht beschwören wollen, denn auch 2016 hatten sich die Meinungsforscher mächtig geirrt. Das liegt daran, dass sich die Trump-Anhänger bei den Umfragen häufiger verweigern und nicht sagen, wie sie abstimmen. Dieses große Land wählt eben unterschiedlich zwischen dem Landesinneren und den Küstenregionen.
Was hat Sie damals bewogen, sich auf den Korrespondentenposten in Washington zu bewerben?
Es war für mich immer ein großer Traum, ins Ausland zu gehen. Ich habe jahrelang Vertretungen vor allem in Paris und Washington gemacht und hatte ursprünglich den Wunsch, nach Paris zu gehen, was auch mit der ostbelgischen Vergangenheit und der französischen Sprache zu tun hatte. Die USA erschienen mir dann aber besonders spannend: Die Amerikaner wirken für uns als westliche Nation vertraut, und doch gibt es so viele Unterschiede auf den zweiten Blick. Ich bin froh über diese Herausforderung, zumal es einer der begehrtesten Auslandsposten der ARD ist. Es ist ein großes Glück, von hier berichten zu können.
Was wird denn nun von der Ära Trump übrig bleiben, wenn man in 50 Jahren auf sie zurückblickt?
Das ist eine spannende Frage. Ein Wort, das immer in diesem Zusammenhang erwähnt wird, ist „beispiellos“. Er hat selber dafür gesorgt, dass sein Vermächtnis am Ende sehr stark mit den Bildern vom Sturm auf den Kongress bewertet wird. Die Spaltung hat sich unter Trump verstärkt und wird eine große Wunde hinterlassen. Er wird weiter stehen für den amerikanischen Alleingang „America first“. In die Geschichte wird auch eingehen, dass sich die Demokratie durch Trump als verletzt dargestellt hat, am Ende aber Bestand hatte.
Wie haben Sie die Bilder vom Angriff auf das Kapitol erlebt? Waren Sie von diesem Gewaltakt überrascht?
Wir hatten mit Gewalt gerechnet, da es ja vorher schon zwei ähnliche Demonstrationen gegeben hatte und wir kannten diese Kernanhänger von ähnlichen Veranstaltungen, über die wir berichtet hatten. Wir sind aber eher davon ausgegangen, dass es in der Nacht zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Gegendemonstranten kommt. Uns war immer wieder versichert worden, dass es eine massive Polizeipräsenz geben wird, was für die Stadtpolizei auch stimmte. Dass aber das Kapitol so schlecht gesichert war und der Sturm sich so ereignen konnte, damit hatten wir nicht gerechnet.
Welche Rolle wird Trump künftig spielen? Niemand geht davon aus, dass er sich ins stille Kämmerlein zurückziehen wird.
Er hat sicherlich weiter große Pläne und eine wichtige Rolle für sich im Visier. Die Frage ist, ob man ihn lässt. Trump droht damit, eine dritte Partei mit patriotischer Ausrichtung zu gründen, wenn die Republikaner ihm keinen weiteren Einfluss ermöglichen. Die Republikaner befinden sich jetzt im Richtungskampf und müssen entscheiden, wie viel Trump sie künftig wollen. Er hat nach wie vor viele Kernanhänger: Sechs von zehn republikanischen Wählern möchten derzeit, dass Donald Trump weiter eine führende Rolle in der Partei einnimmt. Und er will ja vielleicht noch einmal als Präsident kandidieren, falls er nicht nachträglich noch des Amtes enthoben wird. Er hat 200 Millionen Dollar gesammelt, mit denen er sich darum bemühen wird, weiter im Gespräch zu bleiben und seinen Gegnern das Leben schwer zu machen.
Wer heute die USA schildert, spricht meist von einem „gespaltenen Land“. Kann es seinem Nachfolger Joe Biden gelingen, dieses Land wieder zu einen oder die „US-Gesellschaft zu heilen“, wie er selbst oft sagt?
Das ist eine unglaublich schwere und fast unlösbare Aufgabe: 70 Prozent der republikanischen Wähler glauben Trump, dass Joe Biden nicht der rechtmäßige Präsident ist. Dabei gibt es keinerlei Beweise für den angeblichen Wahlbetrug. In meinen Gesprächen mit Trump-Anhängern kam immer wieder durch, dass sie nicht gewillt sind, Biden irgendeinen Vertrauensvorschuss zu geben oder zu kooperieren.
Erleben Sie diese Spaltung in Ihrem Alltag?
Wir erleben das nicht in Washington, wo es ein demokratisch gesinntes Umfeld gibt. Hier erhielt Biden 93 Prozent Unterstützung. Aber ich fahre mit meiner Familie privat mit dem Campinganhänger durchs Land und da fällt uns das sehr viel stärker auf, vor allem seit Corona. Die Maske ist hier inzwischen ein politisches Statement. Viele Republikaner lehnen sie ab, die meisten Demokraten befürworten sie. Bei unserem letzten Besuch auf unserem Stamm-Campingplatz, vier Stunden von Washington entfernt, schlug uns eine ungeheuerliche Feindseligkeit entgegen, weil wir Masken dabei hatten. Da ist mir aufgefallen, wie sehr die Stimmung sich verschärft hat. Durch dieses kleine Stück Stoff wurde man mit den Demokraten in einen Topf geworden und automatisch zum Feind. Das hätte ich nach den vorherigen Erfahrungen auf diesem Campingplatz niemals erwartet.
Was darf Europa vom neuen US-Präsidenten erwarten – und was nicht?
Auf jeden Fall einen verbindlicheren und freundlicheren Ton, mehr politische Verlässlichkeit und auch wieder eine Wertschätzung der alten Verbündeten. Dennoch wird es auch weiter unterschiedliche Interessen geben, beispielsweise wenn es um den NATO-Beitrag oder die Frage nach dem militärischen Engagement der Europäer geht.
Trump ist weg, die radikalen Anhänger sind es nicht. Was wird mit diesen Bewegungen geschehen? Kann Biden diese Menschen überhaupt erreichen?
Das ist schwer vorstellbar. Ich habe mit Leuten gesprochen, die in Joe Biden den personifizierten Teufel sehen, der Sozialismus und Kommunismus über sie hereinbringt, weil er beispielsweise für eine Krankenversicherung für alle ist und diese weiter ausbauen möchte. Das ist als Europäer unverständlich, da wir wissen, dass es funktioniert. Dabei ist er ja noch ein moderater Demokrat und keiner vom linken Flügel. Seine Chance liegt darin, die Themen zu finden, die alle Amerikaner verbinden. Er muss entschlossen gegen das Virus vorgehen, die Wirtschaft voranbringen sowie die marode Infrastruktur verbessern und dadurch Jobs schaffen. Jetzt steht aber das Amtsenthebungsverfahren an, das den Streit noch einmal verschärfen wird.
Gibt es nach den USA ein anderes Land, das in den nächsten Jahren noch zu Ihrer Wirkungsstätte werden soll?
Ich arbeite sehr gerne im Ausland und könnte mir auch nochmal eine weitere Station vorstellen. Erstmal gehen wir Mitte nächsten Jahres aber zurück nach Köln. Das ermöglicht dann auch wieder häufigere Besuche in Raeren.

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