Die Gemeinde Raeren möchte künftig – so Gott will – auf eigener Flur Strom aus Windkraft erzeugen. Mit der europaweiten Ausschreibung des Projektes ist die Töpfergemeinde dem angedachten Windpark in einem Waldstück entlang der Vennstraße nahe des Ortsteils Petergensfeld inzwischen einen Schritt näher gekommen. Als nächstes muss nun ein geeigneter Projektautor gefunden werden, der sowohl mit der Planung, als auch dem Bau und dem späteren Betrieb des Windparks betraut sein wird – wobei sich die Gemeinde die Möglichkeit offen lassen möchte, „die Genehmigung zurück zu erlangen und selbst als Betreiber zu fungieren“, so Ulrich Deller, Erster Schöffe der Gemeinde. Ebenso behalte sich die Gemeinde das Recht vor, die Erträge der Windkraftanlage selbst auf dem freien Markt zu verkaufen.
Gesucht werde ein schlüssiges Betriebskonzept, das durch Wirtschaftlich- und Umweltverträglichkeit überzeugt und – das ist dem Gemeindeoberhaupt besonders wichtig – die Beteiligung der Gemeinde selbst und einer Bürgerkooperative koexistent zulässt – inklusive entsprechender Renditekalkulation.
Im Lastenheft, das kürzlich vom Gemeinderat verabschiedet wurde, sind die Rahmenbedingungen für den möglichen Windpark und damit die Anforderungen, die das Projekt erfüllen muss, um überhaupt zur Realisierung zu gelangen, festgeschrieben. Demnach soll der Windpark fünf Windräder mit einer Maximalhöhe von je 220 Metern umfassen, die zusammen jährlich zwischen 60.000 und 70.000 Megawatt Strom erzeugen sollen. „Der Bedarf der Gemeinde wäre damit um ein Vielfaches gedeckt“, unterstrich Bürgermeister Erwin Güsting am Donnerstagabend. Was die angedachte Anzahl der Windräder betrifft, so zeigte sich das Gemeindeoberhaupt gesprächsbereit: „Sollte sich herausstellen, dass fünf Windräder entweder nicht umweltverträglich oder nicht wirtschaftlich wären, lassen wir uns gerne eines Besseren belehren“, räumte Ulrich Deller ein.
Die kritisch gesinnten Bürger vor ihren Bildschirmen geizten nicht mit kritischen Fragen.
Ebenfalls ist festgeschrieben, dass der künftige Betreiber einen Pachtzins an die Gemeinde als Besitzerin des Grunds zu entrichten hat, dessen Höhe sich an der Leistungskraft jedes einzelnen Windrades bemisst. Auch dieser Punkt soll in den Projektskizzen der Bewerber Berücksichtigung finden. Außerdem sollen Bewerber prüfen, welche Vor- oder Nachteile die Einspeisung der gewonnenen Energie ins deutsche oder belgische Netz mit sich brächte und welche der beiden Möglichkeiten die interessanteste wäre.
Einen möglichen Standort hat die Gemeinde derweil bereits ausgemacht – allerdings unter Vorbehalt. Ob sich das gemeindeeigene Land entlang der Vennstraße tatsächlich eignet, müsse der Projektautor ebenfalls eingehend prüfen. Jedenfalls, das habe die Gemeinde in ihren Überlegungen bereits berücksichtigt, würden die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände zu Wohngebieten beim anvisierten Standort eingehalten. „Nach unseren Berechnungen befinden sich in einem Umkreis von mehr als 1.000 Metern keine Wohnhäuser“, betonte der Energieschöffe und ergänzte: „Ob wir für diese von uns theoretisch erfassten Gebiete eine Genehmigung bekämen und ob sie sich auch in Hinblick auf Biodiversität und Bodenstabilität eignen, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht wirklich sicher.“
Die Bewerbungsfrist um die Projektrealisierung endet im März. Bis September möchte sich die Gemeinde Raeren Zeit nehmen, alle eingereichten Projektvorschläge mit Hilfe von Experten auf dem Gebiet der Windenergie eingehend zu prüfen – mit dem Ziel, am Ende einen geeigneten Projektautor zu bezeichnen. Unter anderem soll das Zentrum für Windenergie der RWTH Aachen der Gemeinde beratend zur Seite stehen.
Dass zahlreiche Bürger Bedenken hegen und dem gesamten Vorhaben skeptisch gegenüberstehen, daran ließen sie am Donnerstagabend keinen Zweifel. Rund 90 Anwohner hatten sich vorab zu der Online-Informationsveranstaltung angemeldet. 75 von ihnen wohnten dem digitalen Treffen schlussendlich bei. Während anderthalb Stunden stellten sich Erwin Güsting und Ulrich Deller den zahlreichen und größtenteils kritischen Fragen der teilnehmenden Bürger, die diese schriftlich über die Chat-Funktion des Videokonferenz-Tools an die beiden Männer aus dem Gemeindekollegium richteten. Den Umständen geschuldet war ein reger Austausch von Anfang an nicht zu erwarten gewesen. Ebenso absehbar war die Art der Kritik an einem möglichen Windpark: Im Mittelpunkt standen vor allem die Sorgen der Bürger um die eigene Gesundheit, aber auch in Hinblick auf den Arten- und Naturschutz im Umfeld der Windräder. Eine Teilnehmerin stellte die Glaubwürdigkeit der noch ausstehenden Umweltverträglichkeitsstudie in Frage, vor dem Hintergrund, dass diese vom künftigen Projektautor selbst finanziert werden wird.
Mehrere Bürger äußerten zudem die Befürchtung, ihre Immobilie könnte an Wert verlieren und forderten Entschädigungszahlungen, sollte sich ihre Befürchtung bewahrheiten. Vorgesehen seien diese nicht, und sollte es sie doch geben, dann wären sie vom Projektautor zu zahlen, entgegnete Deller, der die Sorgen der Bürger ernst nahm und auf Kritik ebenso einging wie auf Fragen technischer Natur – insofern sich diese in Ermangelung eines konkret ausgefeilten Projekts zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt beantworten ließen.
Unterm Strich konnten am Donnerstagabend nicht alle Zweifel ausgeräumt werden. Erst in einem übernächsten Schritt, nämlich wenn ein Projektautor bezeichnet worden ist, soll eine Umweltverträglichkeitsstudie unter anderem Aufschluss darüber geben, ob Schattenwurf und Schallpegel für die Anwohner zu einer Zumutung werden könnten oder welch potentielle Gefahr beispielsweise von abgeknickten Rotorblättern oder Eiswurf ausgehen könnte.
Auch den Artenschutz fürchteten einige Bürger nicht ausreichend berücksichtigt. „Der Schutz von Vögeln, Fledermäusen und seltenen Orchideenarten wird in der Umweltverträglichkeitsstudie ebenso Berücksichtigung finden wie mögliche Auswirkungen der Windräder auf die Gesundheit der Anwohner“, betonte Ulrich Deller, der zudem durchblicken ließ, dass ein Konzept, das nur den geringsten Verdacht zuließe, sich nachteilig auf die Lebensqualität und Artenvielfalt auf Petergensfeld auszuwirken, nicht zur Realisierung kommen werde. „Wir wollen mit offenen Karten spielen und die Bürger in die weiteren Planungen mit einbeziehen“, versicherte Deller.
Fest steht: Von heute auf morgen wird im Raerener Wald ganz sicher kein Windpark errichtet. Erst wenn ein Projektautor gefunden wurde und eine Umweltverträglichkeitsstudie grünes Licht gibt, kann die Gemeinde einen entsprechenden Antrag bei der Wallonischen Region und der Deutschsprachigen Gemeinschaft stellen. Bevor es aber soweit ist, werden die Bürger ein weiteres Mal zu einer Informationsveranstaltung eingeladen, ehe der Windpark frühestens 2023 Wirklichkeit werden könnte.
Interessierte Bürger haben die Möglichkeit, das Lastenheft bei der Gemeinde einzusehen, oder offene Fragen direkt an das Gemeindekollegium zu richten.

Kommentare
Kommentar verfassen