Mathias Cormann war 1996 nach Australien ausgewandert und wurde im Jahr 2000 eingebürgert. Ende des Monats wird er sein Amt als Finanzminister aufgeben, das er in den vergangenen sieben Jahren unter drei verschiedenen australischen Premierministern ausübte. Nun ist Cormann von der Regierung in Canberra als Kandidat für den Posten des OECD-Generalsekretärs als möglicher Nachfolger von Angel Gurria vorgeschlagen worden. Der 50-Jährige steht unter anderem im Wettbewerb mit der schwedischen Kandidatin Cecilia Malmström (ehemalige europäische Handelskommissarin) und dem Amerikaner Chris Liddell, einem Berater aus dem Umfeld von US-Präsident Donald Trump.
Der derzeitige Leiter der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit Sitz in Paris hatte zuletzt angekündigt, im kommenden Jahr nach 14 Jahren aufhören zu wollen. Mathias Cormann könne der OECD eine besondere Perspektive verleihen, weil er die Hälfte seines Lebens in Europa und die andere Hälfte im Indopazifik verbracht habe, so Morrison. „Cormann hat nicht nur die Kulturen, wirtschaftlichen Stärken und die politische Dynamik beider Regionen verstanden, sondern ist auch deutschsprachig aufgewachsen, bevor er sein Abitur und seine Universitätsausbildung in Französisch, Flämisch und Englisch absolvierte“, so der Premierminister. Der neue OECD-Chef wird im Juni 2021 von den 37 Mitgliedstaaten für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt. Nominierungen können noch bis Ende Oktober eingereicht werden. Mit Mathias Cormann führte das GrenzEcho nach der Nominierung folgendes Gespräch.
Was mich reizt, ist die Möglichkeit zu haben, dabei zu helfen, globale Wirtschaftspolitik zur Bewältigung der Covid-Rezession mitzugestalten, das Wirtschaftswachstum mit zu fördern sowie die Möglichkeiten meiner Mitmenschen für eine bessere Zukunft mit zu verbessern. In Australien haben wir während der Covid-Krise vergleichsweise gute wirtschaftspolitische Ergebnisse erzielt. Ich kann diese Erfahrungen und die Erfahrungen als australischer Finanzminister über mehr als sieben Jahre in diese Aufgabe einbringen. Die OECD ist ohne Zweifel eine der einflussreichsten Organisationen in der internationalen Wirtschaftspolitik. Die in den vergangenen sechs Jahrzehnten geleistete Arbeit der OECD hat das Leben von Milliarden Menschen weltweit positiv beeinflusst. Jetzt, wo wir von der Covid-bedingten Rezession besonders herausgefordert sind, ist die Rolle der OECD von ganz besonderer Bedeutung. Es würde mich sehr reizen, das Team der OECD zu führen und zusammen mit den Mitgliedsstaaten uns diesen enormen Herausforderungen zu stellen.
Ja, und es gibt noch einige andere, wie zum Beispiel den ehemalige Finanzminister von Kanada sowie die Präsidentin von Estland. Das Bewerberfeld ist in der Tat sehr stark. Ich habe die Nominierung jedoch deshalb angenommen, weil ich glaube, dass ich einen überzeugenden Beitrag leisten kann. Wir werden unser Bestes geben. An Ende liegt dann die Entscheidung bei den OECD-Mitgliedsländern. Diese respektieren wir natürlich.
Ohne Zweifel. Wir müssen die Weltwirtschaft aus dieser Rezession führen. Wir müssen Wege finden, die Wirtschaftskraft zu stärken und verlorengegangene Arbeitsplätze wiederherzustellen. Für die Weltbevölkerung ist es ausgesprochen wichtig, dass wir überzeugende Lösungen für die durch Covid-19 hervorgerufenen Probleme finden.
Covid-19 ist die größte Herausforderung für die Weltwirtschaft seit der „Großen Depression“ aus dem Jahre 1929. Die Covid-Ausbrüche dauern an – auch in jenen Ländern, die im ersten Halbjahr relativ erfolgreich bei der Eindämmung des Virus waren. Die Priorität muss zunächst die Bewältigung des Virus sein. Ein Impfstoff wäre offensichtlich die beste Lösung, aber auch ohne einen solchen Impfstoff müssen wir einen Covid-sicheren Aufschwung herbeiführen. Testen, verfolgen und schnelles Reagieren auf Ausbrüche zusammen mit Covid-sicheren Arbeitsplätzen und -prozessen sind wichtige Elemente, um Risiken zu minimieren. Und wir müssen die Robustheit der Wirtschaft erhöhen sowie mittel- bis langfristig erhalten. Regierungen wollen von der OECD wissen, wie man den wirtschaftlichen Schock überwinden kann, wie die Vorhersagen für einzelne Länder und die Weltwirtschaft insgesamt aussehen. Was sind die geeigneten volkswirtschaftlichen Stellschrauben? Welchen Rat haben wir für Strukturreformen?
Wenn dass der Fall wäre, hätten wir die Krise ja bereits hinter uns. Aber ich bin davon überzeugt, dass uns die Bewältigung der Krise gemeinsam gelingen wird. Die OECD muss dabei eine wichtige Führungsrolle einnehmen.
Angesichts dieser besonderen Krise besteht ein Bedarf an besonderen finanzpolitischen Maßnahmen. Wir müssen die Wirkung der Krise auf die Wirtschaft, auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie auf Unternehmen abfedern, und wir müssen weiterhin ein angemessenes soziales Sicherheitsnetz bereitstellen für unsere Mitmenschen, die durch diese Krise ihren Arbeitsplatz verloren haben. Wir müssen auch genau zu diesem Zeitpunkt investieren und den privaten Sektor dabei unterstützen, aus dieser Krise heraus und hinein in den Aufschwung zu führen. Wir müssen den verschiedenen Volkswirtschaften helfen, sich auf die neuen Rahmenbedingungen einzustellen und wir müssen Unternehmen das Vertrauen geben, zu investieren, damit sie Erfolg haben, wachsen und dann auch mehr Menschen einstellen. Es ist im Interesse fortschrittlicher Volkswirtschaften, die über eine entsprechende Finanzkraft verfügen, ihren weniger entwickelten Nachbarn zu helfen und so gesamte Wirtschaftsräume aus der Covid-bedingten Rezession zu führen.
Die Herausforderungen einer neuen Generalsekretärin oder eines neuen Generalsekretärs bestehen darin, international dabei zu helfen, Aufschwung und nachhaltiges Wachstum herbeizuführen sowie die Wirtschaftskraft dauerhaft zu stärken. Es geht darum, Handel und Investitionen zu fördern, die richtigen Standards für die digitale Wirtschaft sicherzustellen, Innovationen zu intensivieren und effiziente, effektive und gerechte Steuersysteme zu schaffen.
Die OECD hilft, Lebensqualität zu erhöhen, sozialen Zusammenhalt und Umweltfreundlichkeit zu stärken – nicht nur in den eigenen Mitgliedsländern, sondern auch durch die breite Zusammenarbeit mit der ganzen Welt. Wir können das durch das Teilen von Informationen, bewährten Verfahren und vereinbarte Standards erreichen, die das Funktionieren von freien Märkten und Wachstum fördern. Was Pandemie, Klimawandel, Ausbildung, Digitalisierung und Angleichung von Steuersystemen angeht, ist pragmatische Zusammenarbeit wichtiger denn je.
Richtig, die Position ist im Juni des kommenden Jahres neu zu besetzen, aber der Bewerbungsschluss ist bereits Ende Oktober. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, Regierung und Parlament bis dahin zu verlassen, um mich dann auf meine Bewerbung zu konzentrieren. Im November reise ich erst nach Paris, um mich dem OECD-Rat vorzustellen und bei der Gelegenheit, sofern es die Covid-Situation erlaubt, Gespräche in einigen europäischen Hauptstädten zu führen. Man hat uns gesagt, dass die Entscheidung für die erfolgreiche Kandidatin oder den erfolgreichen Kandidaten Ende Februar kommenden Jahres bekanntgegeben wird. Bis dahin kümmere ich mich um meine Bewerbung, und dann schauen wir mal.



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