Nachsitzen für alle würde die Falschen treffen

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% der Menschen, die an die Küste fahren - und sei es nur für einen Tag - wollen sich in Ruhe entspannen. Sie zu bestrafen, wäre weit über das Ziel hinausgeschossen.</p>
99 % der Menschen, die an die Küste fahren - und sei es nur für einen Tag - wollen sich in Ruhe entspannen. Sie zu bestrafen, wäre weit über das Ziel hinausgeschossen. | Foto: Photo News

Ja, was am Wochenende an manchen Küstenorten vorgefallen ist, war nicht schön und tut unserem Zusammenleben nicht gut. Vor allem die sinnlose Gewalt in Blankenberge braucht niemand. Und dass verschiedene Züge überfüllt waren, hätte man auch besser vermieden. Die Frage ist nur, wie. Und da sollten vermeintlich gute Ratgeber sich in Zurückhaltung üben: Man muss ja nicht gleich das Kind mit dem Bad ausschütten. Und das zuletzt noch beliebter gewordene, im Managementjargon „worst case management“ genannte, Orientieren am schlimmsten aller Fälle ist auch in der Coronakrise nicht zielführend.

Wir durchleben gerade ungewöhnlich schwierige Zeiten. Die mit der Corona-Pandemie einhergehenden Einschränkungen wären schon Herausforderung genug für die Sommerzeit, die wir traditionell mit Entspannung, Reisen, Vergnügen, Grillen-mit-Freunden, Tapetenwechsel u.v.m. verbinden. All das fällt größtenteils ins Wasser. Das zu schlucken ist für jemanden, der in einer Wohnung auf dem vierten Stock ohne Balkon die restlichen elf Monate des Jahres lebt, schon schwer genug zu akzeptieren. Wenn jetzt auch noch Tagesausflüge ans Meer mit einem – wohlgemerkt friedlichen – Spaziergang über die Strandpromenade oder einem leckeren Abendessen auf einer der Terrassen mit frischer Meeresbrise verboten oder unmöglich gemacht werden, dann muss man sich schon die Frage stellen, wann bei den Betroffenen die Sicherung durchbrennen wird. Vor allem, weil wir uns ab September auf weitere Einschränkungen in unserem Alltag einstellen müssen: Es wird wieder Kurzarbeit geben, manche werden ihren Job verlieren, weil ihrem Arbeitgeber mittlerweile die Luft ausgegangen ist. Und ob das mit dem Regelunterricht so klappen wird, wie gedacht, oder ob neben dem Homeoffice auch noch Kinderbetreuung angesagt sein wird, steht noch in den Sternen.

Die betroffenen Entscheidungsträger sind nicht zu beneiden. Trotzdem muss man ihnen wünschen, dass sie bei ihren Entscheidungen die sprichwörtliche Kirche im Dorf lassen. Denn die Maßnahmen treffen zu 99 % nicht die unverantwortlichen Verursacher, sondern die Normalbürger. Die wünschen sich nichts anderes als etwas Entspannung nach wirklich nicht leichten Monaten. Und die haben sie sich redlich verdient.

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