In der vergangenen Woche wurden in unserem Land mehr als 4.000 Neuinfektionen identifiziert – zwölf Prozent mehr als in der Vorwoche. Zwischen dem 2. und 8. August wurden durchschnittlich 604 Neuinfektionen pro Tag verzeichnet. In der Woche davor waren es 538. „Glücklicherweise stellen wir seit einigen Tagen ein Abflachen der Aufwärtskurve fest. Das exponentielle Wachstum scheint gebrochen“, teilten die interföderalen Sprecher für Covid-19, Steven Van Gucht und Frédérique Jacobs, mit.
Die Experten betonten jedoch, dass es bedeutende regionale Unterschiede gebe. In den Provinzen Antwerpen, Limburg und Luxemburg sind die Infektionszahlen rückläufig, während die Region Brüssel-Hauptstadt den größten Zuwachs verzeichnet. Dort ist der Wochendurchschnitt um 57 Prozent gestiegen. „Das ist zwar etwas weniger als in der Woche zuvor, aber immer noch besorgniserregend. In der Provinz Antwerpen hingegen, die ein Drittel aller Infektionen auf sich verbucht, erkennen wir einen Rückgang um drei Prozent.“ Wenn der Anstieg in Brüssel anhält, gehen die Experten davon aus, dass die Region in etwa zwei Wochen das derzeitige Niveau der Provinz Antwerpen erreichen wird. In den anderen Provinzen verzeichnen wir derzeit wöchentliche Steigerungen zwischen 20 und 40 Prozent. Der stärkste Anstieg – neben Brüssel - wird in Lüttich und Ostflandern festgestellt.
48 neue Krankenhauseinweisungen wurden am Dienstag registriert, berichteten Van Gucht und Jacobs. Elf von ihnen in der Provinz Antwerpen und zwölf in der Region Brüssel. Dies sei der höchste Tageswert seit Ende Mai. „Dies sollte uns daran erinnern, dass das Virus immer noch gefährlich ist. Auch wenn klar ist, dass der Zustand heute nicht so ernst ist wie im März und April.“ In der vergangenen Woche starben außerdem durchschnittlich 3,7 Menschen pro Tag an Covid-19.
Was schon seit geraumer Zeit für belebte Viertel, wie das Stadtzentrum, Einkaufsstraßen usw., gilt, ist seit Mittwoch die Norm in der gesamten Region Brüssel: Weil die Warnschwelle von 50 Corona-Neuinfektionen je 100.000 Einwohner im Wochenschnitt überschritten wurde, gilt eine allgemeine Maskenpflicht: Alle Personen über zwölf Jahre müssen bis auf Weiteres überall in allen 19 Gemeinden der Hauptstadtregion eine Maske tragen. Die Vorschrift gilt an öffentlichen Orten und der Öffentlichkeit zugänglichen privaten Orten. Beim Sport und bei schwerer körperlicher Arbeit in der Öffentlichkeit ist der Mund-Nasen-Schutz nicht obligatorisch. Auch Personen mit einer körperlichen Beeinträchtigung, die durch das Tragen einer Maske oder eines Gesichtsschirms eingeschränkt werden, sind von der Pflicht befreit. Zu jeder Zeit müssen die Abstandsregeln eingehalten werden.
In der vergangenen Woche hatte die Regionalregierung deutlich zu verstehen gegeben, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes auf dem gesamten Gebiet der Region zur Regel wird, sobald der Wochenschnitt von 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner überschritten wird. Am Mittwoch war es soweit: 54,4 neue Fälle in der Woche vom 2. bis 8. August. Am Dienstag standen 47,1 Fälle zu Buche. Verschiedene Brüsseler Gemeinden überschreiten diese Grenze schon seit Tagen, und auch jetzt ist der Unterschied zwischen den Kommunen groß: Die meisten Neuinfektionen weist das bevölkerungsreiche und sozial ärmere Anderlecht mit 85 je 100.000 Einwohner auf, die wenigsten das reichere Watermael-Boitsfort. Vom 2. bis 8. August wurden insgesamt 663 Neuinfektionen registriert, in der Woche zuvor 421.
Hospitalisierungen
vs. Neuinfektionen
Viele Bürger fragen sich, warum die Lage an der Corona-Front jetzt anhand von Infektionszahlen gemessen wird, während es zu Beginn der Krise stets hieß, dass die Krankenhauseinweisungen der wichtigste Indikator seien. Van Gucht dazu: „Wir verfügen derzeit über eine viel umfangreichere Testkapazität, die es uns ermöglicht, einen größeren Teil des Eisbergs freizulegen. Die Kontaminationszahlen ermöglichen es uns, die Situation in einem frühen Stadium viel besser zu überprüfen. Natürlich behalten wir auch weiterhin die Zahlen der Krankenhausaufnahmen im Auge. Sie sind nach wie vor der wichtigste Indikator für die Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Krankenhauszahlen geben uns eine Antwort auf die Frage: Wo stehen wir heute? Die Entwicklung der Infektionszahlen beantwortet die Frage: Wo stehen wir möglicherweise in einem Monat?“ Steigende Infektionszahlen seien ein „Weckruf, um einzugreifen und eine zukünftige Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden".
Bedeutung der Reproduktionszahl
Auch die Bedeutung der Reproduktionszahl, R-Wert genannt, und ihre Berechnung sind immer wieder Diskussionspunkte. Eine Reproduktionszahl gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. „Das hängt von den biologischen Eigenschaften des Virus selbst ab, aber auch von unserem Verhalten als Mensch“, erläutert Van Gucht. Die Basisreproduktionszahl, der R0-Wert, für Covid-19 wird auf etwa 3,28 geschätzt. „Das bedeutet, dass, wenn keine Maßnahmen zur Eindämmung des Virus getroffen sind, ein Infizierter durchschnittlich 3,28 Menschen ansteckt.“
Daneben gibt es die effektive Reproduktionszahl oder den Rt-Wert. Diese Zahl wird unter den aktuellen Bedingungen bestimmt, also durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, aber auch durch die Immunität in der Bevölkerung. Dieser Wert entwickelt sich, abhängig von der Epidemie, kontinuierlich weiter. Das Virus verbreitet sich in der Bevölkerung mit wachsender Geschwindigkeit, wenn der Rt höher als 1 ist, weil dann ein Infizierter mehrere Personen ansteckt. Wenn der Rt weniger als 1 beträgt, wird die Ausbreitung abgebremst. „Das Ziel darin besteht, die Reproduktionsrate so niedrig wie möglich zu halten, damit die Epidemie unter Kontrolle gehalten werden kann. Zurzeit liegt sie in Belgien bei 1,27“, so der Virologe. Der Rt-Wert wird von Sciensano auf der Grundlage der Anzahl Krankenhauseinweisungen berechnet, kann aber auch auf Basis der Neuinfektionen erfolgen.

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