Raus aus den Puschen, rein in die Laufschuhe: Tipps zum Wiedereinstieg ins Training

<p>Nicht nur ältere Leute haben sich weniger bewegt, auch junge Menschen haben während der Coronakrise die Puschen den Laufschuhen vorgezogen.</p>
Nicht nur ältere Leute haben sich weniger bewegt, auch junge Menschen haben während der Coronakrise die Puschen den Laufschuhen vorgezogen. | Foto: privat

Wer rastet, der rostet – das hat viele die Coronakrise gelehrt, denn so manchem ist sie nicht nur aufs Gemüt geschlagen, sondern auch auf die körperliche Verfassung.

Ausgangs- und Kontaktsperre haben offenbar dazu geführt, dass sich viele Menschen weniger bewegt haben. Kevin Langer, Kinésitherapeut in Eynatten, sieht es an seinen Patienten, die „sich vermehrt über Probleme äußern“, wie er sagt: „Eben erst habe ich eine 75-jährige Dame behandelt, die über Rückenschmerzen und steife Knochen klagte.“ Die Patientin habe sich in den vergangenen Monaten kaum noch raus getraut, immerhin zählt sie zur Risikogruppe.

Das andere Übel: Der Mangel an Bewegung macht sich nun durch Schmerzen bemerkbar. „Ihre Muskeln haben merklich abgebaut, dadurch ist auch die Haltung schlechter geworden“, ergänzt Langer. Ein Phänomen, das der 29-Jährige in diesen Tagen bei einer Reihe von Patienten feststellt.

Die Liste der Beschwerden reicht, zusätzlich zu den bereits genannten, von Muskelverkrampfungen über Verspannungen bis hin zu Fehlhaltungen und betreffe nicht nur ältere, sondern auch viele junge Leute, zu denen sich Kevin Langer (noch) zählt: „Sehr viele haben kaum Sport gemacht und sich generell weniger bewegt“, weiß er.

Geschuldet sei das den coronabedingten Umständen: Die Fitnessstudios waren wochenlang geschlossen, das Training im Fußballverein fiel ebenfalls flach. „Ich sehe es ja an mir selbst. Ich bin regelmäßiger Fitnessstudio-Gänger, drei- bis viermal die Woche war bis vor vier Monaten für mich normal. Während Corona habe ich höchstens dreimal Home-Workout gemacht“, gesteht er. Stattdessen habe er die Zeit, in der er aufgrund von Corona nicht behandeln durfte, dafür genutzt, sein aktuelles Projekt voranzutreiben: An der Eupener Straße in Eynatten, schräg gegenüber der Q8-Tankstelle, eröffnet der gebürtige Raerener am Montag gemeinsam mit zwei anderen Kinésitherapeuten in einem Neubau eine Gemeinschaftspraxis, die noch auf der Suche nach Berufskollegen oder weiteren Mitstreitern aus dem Gesundheitsbereich ist, beispielsweise Ernährungsberatern oder Osteopathen.

Kevin Langer rät: langsam wieder ins Training einsteigen und dem Körper Zeit geben, an alte Leistungen anzuknüpfen.

Die Praxiseröffnung kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Motivation, sich sportlich zu betätigen, sich „sehr in Grenzen gehalten hat“, sagt Kevin Langer: „Es ist nun mal so: Wenn man zu Hause ist, ist die Versuchung groß, sich auf die Couch zu setzen statt sich zu bewegen.“ Viele Leute seien während der Corona-Zeit „bequem“ geworden. Den einen habe die Motivation gefehlt, anderen habe es schlicht keinen Spaß bereitet, alleine Sport zu treiben, wenn sie den Mannschaftssport gewohnt waren – eine zusätzliche Hürde für den inneren Schweinehund.

Statt sich zu Hause mit einem Alternativprogramm fit zu halten, habe auch Kevin Langer das Training schleifen lassen, was sein Körper ihm nicht gedankt habe. Die Quittung dafür kam prompt: „Es ist nicht gravierend, aber nach dem ersten Training hatte ich starken Muskelkater, das ist ein Zeichen dafür, dass die Muskeln die Beanspruchung nicht mehr gewohnt waren. Bei älteren Leuten wirkt sich der Mangel an Bewegung schon merklich auf die körperliche Fitness und das Wohlbefinden aus. So ist es auch vielen meiner Patienten ergangen. Das Krafttraining, das dem Körper sehr gut getan hat, fehlt jetzt und das zeigt sich durch Schmerzen.“

Mit Massagen, Lockerungen, Dehnübungen und stabilisierenden Rückenübungen wirkt Langer den Wehwehchen seiner Patienten entgegen. Doch auch zu Hause kann jeder sich ohne größeren Aufwand mit einfachen Übungen selbst helfen. Besonders effektiv ist die sogenannte „kleine Brücke“: auf den Rücken legen, Beine anwinkeln, Füße dabei flach auf den Boden stellen und Gesäß hochdrücken. „Das stärkt nicht nur die hintere Muskelkette, den unteren Rücken und die Stabilität des Rückens, sondern auch die Gesäßmuskulatur und die hintere Beinmuskulatur. Das sind die Bereiche, die besonders schwächeln, wenn man sich längere Zeit nicht viel bewegt hat“, erklärt Kevin Langer.

Spätestens seit Fitnessstudios wieder geöffnet haben, Vereine das Training wieder aufnehmen und Kontaktsport wieder erlaubt ist, geht es den müden Knochen an den Kragen. Doch Vorsicht: Nach monatelanger Pause sollte man nicht dort wieder anfangen, wo man vor Corona aufgehört hat, sondern sich stattdessen „langsam an die alte Leistung herantasten“, um das Verletzungsrisiko so gering wie möglich zu halten, rät Kevin Langer. „Durch die lange Pause wird es rein physisch wahrscheinlich zunächst gar nicht möglich sein, an alte Leistungen anzuknüpfen. Wenn die Muskulatur nicht gebraucht wird, dann baut sie sich sehr schnell, bereits nach zwei Wochen, ab“, erklärt der Kinésitherapeut. Daher: langsam einsteigen und die Erwartungen an den eigenen Körper herunterschrauben. „Da muss man ehrlich zu sich selber sein und das Ego erst mal hinten anstellen“. Wer Krafttraining betreibt, sollte die Gewichte im Vergleich zum Gewohnten zunächst um die Hälfte reduzieren. „Erhöhen kann man immer noch“, so Langer. Wichtig auch: ausgiebiges Aufwärmen vor und Dehnen nach dem Training. „Außerdem sollte man nicht zögern, den Trainer im Fitnessstudio anzusprechen und sich bei ihm Rat einzuholen, mit welchen Übungen man am besten wieder ins Training einsteigt.“

„Man sollte sich keinen Druck machen oder sich an anderen messen.“

Grundsätzlich sei es ratsam, sich regelmäßig durchchecken zu lassen, damit Verletzungen erst gar keine Chance haben. „Ich habe einige Patienten, die sportlich engagiert sind und die sich vorbeugend behandeln lassen. Dann sind auch die Chancen größer, verletzungsfrei zu bleiben.“ Nicht umsonst sind Profisportler durchgehend bei einem Kinésitherapeuten in Behandlung.

Immerhin: Hopfen und Malz sind nicht verloren, denn relativ schnell finde der Körper beim Wiedereinstieg ins Training zu alter Stärke zurück. Wie lange es dauert, ist jedoch von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich: „Der eine ist nach zwei Wochen wieder fit, der andere braucht zwei Monate, das hängt auch von der Kontinuität und der Intensität des Trainings ab. Man sollte sich auf jeden Fall keinen Druck machen oder sich an anderen messen.“ Wichtig sei nur, dass man sich wieder mehr bewege. Denn wer rastet, der rostet.

Gegen Vorlage einer ärztlichen Verordnung übernimmt die Krankenkasse je Pathologie jährlich einen Großteil der Kosten für bis zu 18 Sitzungen bei einem Kinésitherapeuten.

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