Mathias Cormann: mehr Zeit für Familie und Neues

<p>Mathias Cormann mit seiner Frau Hayley und den beiden Töchtern Isabelle und Charlotte in Perth vor wenigen Tagen</p>
Mathias Cormann mit seiner Frau Hayley und den beiden Töchtern Isabelle und Charlotte in Perth vor wenigen Tagen | Foto: Daniel Wilkins

Mit dem ehemaligen CSP-Politiker, der mit drei Schwestern in der Raerener Pfaustraße aufwuchs und nach seinem Jurastudium in Namur und Löwen im Alter von 25 Jahren nach Australien auswanderte, führte das GrenzEcho folgendes Gespräch.


Die führende australische Wirtschaftszeitung „Financial Review“ kommentierte nach Ihrer Rücktrittsankündigung: „Die Tatsache, dass er während seiner Amtszeit als dienstältester Finanzminister Australiens sowohl seiner Partei als auch der Nation hervorragende Dienste geleistet hat, bildet die passende Krönung der großen australischen Einwanderungserfolgsgeschichte von Senator Cormann.“ Das hätten Sie selber nicht besser formulieren können – oder?


Ich habe die feste Regel, mich nicht selbst zu kommentieren. Ich mache meine Arbeit und es ist dann an anderen, diese zu bewerten. Für jeden, der in der Politik arbeitet, gibt es immer mal freundliche und auch mal weniger freundliche Kommentare. Über die Jahre habe ich immer wieder beides erlebt. Natürlich ist es angenehmer, wenn die Leute nette Dinge über einen zu sagen haben.


Sie selbst schrieben in Ihrer Pressemitteilung: „Ich liebe diese Arbeit. Jeden einzelnen Tag gebe ich mein Bestes.“ Außerdem sprachen Sie vom „besten und interessantesten Ressort“. Weshalb legen Sie das Amt zur Hälfte der laufenden Legislatur dennoch nieder?


Ich liebe diese Arbeit und kann ehrlich sagen, dass ich mein Bestes gegeben habe. Aber ich habe auch länger in dieser Position gedient als jeder andere vor mir. Dazu gehören ausgedehnte Reisen und lange, oft wochenlange Abwesenheit von zu Hause. Im Vorfeld eines Haushaltes oder wichtiger Ereignisse bin ich oft mehr als einen Monat von zu Hause weg. In Australien haben wir eine dreijährige Amtszeit des Parlaments. Am Ende dieses Jahres haben wir die Hälfte unserer laufenden Legislatur hinter uns. Angesichts der zentralen Rolle, die mir innerhalb der Regierung zukommt, war ich der Ansicht, dass ich mich, wenn ich über das Ende dieses Jahres hinaus in diesem Amt bleibe, für die nächsten Wahlen und einen angemessenen Zeitraum darüber hinaus engagieren müsse. Da ich nicht bereit war, mich dazu zu verpflichten, hielt ich es für die richtige und verantwortungsbewusste Vorgehensweise, mit dem Premierminister an einem geordneten Übergang zu arbeiten. Das tun wir jetzt auch.


Sie kündigten an, bei den nächsten Wahlen nicht mehr antreten zu wollen. Ist das ein endgültiger Abschied aus der Politik?


Ich werde nicht mehr für einen Sitz im Parlament kandidieren. Das Kapitel ist am Ende dieses Jahres zu Ende. Aber, ob ich in der Zukunft in der Privatwirtschaft oder im öffentlichen Dienst arbeite: Ich werde mich weiter mit den vielen wichtigen politischen Sachfragen unserer Zeit beschäftigen, da bin ich mir sicher. Welche Form das annimmt, das weiß ich jetzt noch nicht.


Seit dem 30. September 2019 gelten Sie als dienstältester Finanzminister in der Geschichte des Landes. Was haben Sie besser als Ihre Vorgänger gemacht?


Jeder kommt in einem anderen Kontext in dieses Amt. Für mich hat es sich halt so ergeben. Die Wähler und Wählerinnen haben uns bei drei Wahlen ihr Vertrauen ausgesprochen und seit 2013 haben unsere Premierminister mich gefragt, als Finanzminister in ihrem Kabinett zu dienen. Das habe ich dann mit besten Kräften getan.


Sie haben für die Premierminister Abbott, Turnbull und Morrison gearbeitet. Vom 21. Februar 2018 bis zum 26. Februar 2018 waren sie vertretungsweise geschäftsführender Premierminister Australiens. War das zumindest symbolisch der Höhepunkt Ihrer politischen Karriere? Auf welche politischen Ergebnisse verweisen Sie heute mit besonderem Stolz?


Ich bin stolz darauf, dass wir in den sechs Jahren vor der jüngsten Coronakrise in der Lage waren, den Haushalt so weit zu sanieren, dass er 2018-19 wieder ausgeglichen und ab 2019-20 auf dem Weg zu einem Überschuss war. In diesem Zeitraum wurden in der australischen Wirtschaft mehr als 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, unsere Arbeitslosenquote sank aufgrund vieler unserer Wirtschaftsreformen unter fünf Prozent, und wir hatten den niedrigsten Grad an Sozialhilfeabhängigkeit seit 30 Jahren. Es steht außer Frage, dass wir infolge unserer Haushaltsreparaturarbeiten in einer stärkeren fiskalischen und wirtschaftlichen Position in die jüngste Krise gegangen sind als es sonst der Fall gewesen wäre. Das hat uns in die Lage versetzt, sowohl an der Gesundheitsfront als auch – was ebenso wichtig ist – mit Maßnahmen zum Schutz der Lebensgrundlagen der Menschen sehr stark zu reagieren. Als Finanzminister bin ich an jeder Entscheidung beteiligt, die mit der Ausgabe öffentlicher Gelder verbunden ist, und das sind die meisten von ihnen. Ich bin auch seit vielen Jahren Mitglied unseres Ausschusses für nationale Sicherheit. Das bedeutet, dass ich seit sehr langer Zeit die Möglichkeit habe, Entscheidungen in der gesamten Regierung mitzugestalten, die sich meiner Meinung nach langfristig positiv auf die Stärke unserer Wirtschaft, auf Arbeitsplätze und unsere nationale Sicherheit auswirken werden. Das ist unglaublich befriedigend.


„Politik ist ein brutaler und unversöhnlicher Beruf, aber so gute Praktiker wie Cormann sind in der Lage, den Ereignissen ihren eigenen Stempel aufzudrücken“, schrieb ein Kommentator. Würden Sie diesen Satz so unterschreiben?


Meiner Ansicht nach ist Politik ein edler Beruf. Ja, sie kann hart und unversöhnlich sein, aber im Kern geht es in der Politik darum, zu dienen und zu helfen, die bestmögliche Zukunft für die Menschen in ihrer Gemeinschaft zu gestalten. Es geht darum, Urteile zu fällen. Es ist unvermeidlich, dass es in vielen Fragen eine Vielfalt von Ansichten über den besten Weg nach vorn gibt. Einige Themen werden stärker umstritten sein als andere. In diesem Zusammenhang ist Politik auch der Kampf der Ideen und der Wettbewerb zwischen konkurrierenden Personen. In einer lebendigen Demokratie gelangt man so im Laufe der Zeit zu den bestmöglichen Entscheidungen, die die Ansichten und Wünsche der Bevölkerung widerspiegeln. Ich habe mich immer sehr aktiv an diesem Prozess beteiligt und nie davor zurückgeschreckt, Entscheidungen zu treffen.


Ein halbes Jahr liegt noch vor Ihnen. Was wollen Sie noch erreichen oder haben Sie alles auf Ihrem Schreibtisch weggeräumt, was sie wegräumen wollten?


Das Hauptaugenmerk liegt jetzt darauf, unserem Land vernünftig dabei zu helfen, aus der historisch beispiellosen, krisenbedingten steuerlichen Unterstützung auf ein neues normales Niveau überzugehen und uns darüber hinaus auf eine möglichst starke Erholung der Wirtschaft und der Arbeitsplätze auf der anderen Seite vorzubereiten. Bis zum Ende des Jahres gibt es für mich eine Reihe von wichtigen Meilensteinen – ein wichtiges wirtschaftliches und steuerliches Update, das am kommenden Donnerstag vorgelegt werden soll, unser Jahresbudget, das wir wegen der Coronavirus-Krise verzögert haben und das Anfang Oktober vorgelegt werden soll, und dann die halbjährliche Budget-Anpassung vor Weihnachten. Die Vorbereitung dieser drei wirtschafts- und finanzpolitischen Schlüsseldokumente beinhaltet eine Menge Entscheidungen zu vielen verschiedenen Themen. Im Haushalt wird es insbesondere um unseren längerfristigen Plan zur Maximierung unserer Wirtschaftskraft, die Wiederherstellung von Arbeitsplätzen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze gehen.


Sie hatten in diesem Jahr geplant, den ersten Haushaltsüberschuss seit 2007-08 zu erzielen. Aber die Brände des Sommers und dann die Coronavirus-Pandemie haben diesen Plan zerstört. Statt eines Überschusses von fünf Milliarden Dollar für 2019-20 wird die Regierung wahrscheinlich ein Defizit von mehr als 90 Milliarden Dollar ausweisen. Für 2020-21 ist die Situation noch schlimmer. Das Defizit könnte die einst unvorstellbaren 200 Milliarden Dollar überschreiten und die Verschuldung auf eine Billion Dollar ansteigen lassen. Wie sehr wurmt Sie persönlich diese Entwicklung?


Der Grund, warum wir so hart an der Sanierung des Haushalts gearbeitet haben, war, uns in eine möglichst starke und widerstandsfähige Position zu versetzen, um mit jedem globalen Gegenwind fertig zu werden, der auf uns zukommt. Nun hat niemand mit dieser Art von massiven externen Ereignissen gerechnet. Ich bin froh, dass unser Land aufgrund der Arbeit, die wir in den ersten sechs Jahren unserer Regierungszeit geleistet haben, gestärkt und widerstandsfähiger in diese Krise gegangen ist. Unter diesen Umständen musste die Regierung natürlich die notwendige Unterstützung leisten. Ich bin sehr froh, dass wir dies in einer Weise tun konnten, die uns im internationalen Kontext immer noch in einer vergleichsweise starken Position belässt.


Der Regierungssitz in Canberra ist 3.800 Kilometer oder viereinhalb Flugstunden von Ihrer Frau, einer erfolgreichen Juristin, und den beiden Töchtern in Perth entfernt. Sie selbst haben einst gesagt, dass es eine physische Grenze gibt, wie lange man diesen Job machen kann. War diese nun erreicht?


Ja, sehr sogar. Unsere Älteste ist jetzt im zweiten Jahr in der Grundschule, und unsere Jüngste wechselt im nächsten Jahr vom Kindergarten in die Primarschule. Um die Reiseverpflichtung in diesem Job in den Kontext zu stellen: Canberra ist mehr als 1.000 km weiter von unserem Zuhause in Perth entfernt als Moskau von Brüssel. In diesem Beruf bin ich seit mehr als 13 Jahren die meisten Wochen des Jahres zur Arbeit auf die andere Seite des Kontinents gereist. Das fordert seinen Tribut. Also ja, der Plan ist, dafür zu sorgen, dass mein nächster Job familienfreundlichere Arbeitsvereinbarungen ermöglicht.


Ihr ehemaliger Weggefährte Christopher Pyne schrieb über Sie: „Cormann versteht seinen Platz im Sonnensystem. Er genießt es, der hartgesottene Finanzminister zu sein, der von Ministern und parlamentarischen Sekretären verlangt, ihre Ausgaben zu rechtfertigen". Haben Sie es wirklich genossen, der harte Hund zu sein?


Ich hatte eine Aufgabe zu erledigen, und ich tat dies nach bestem Wissen und Gewissen. Ich glaube, Christopher meinte damit eher, dass ich mit meinem Job zufrieden war, dass ich im Gegensatz zu vielleicht einigen anderen nicht ständig auf der Suche nach dem nächstbesseren Job war, den ich vielleicht bekommen wollte. Es stimmt, dass es mir von meiner Position aus sehr viel Spaß gemacht hat, in der gesamten Regierung zu arbeiten, um die bestmöglichen Entscheidungen mitzugestalten.


Regierungschef im Senat, Finanzminister und Verhandlungsführer zwischen den Parteien. In Senatskreisen gilt es es als kaum vorstellbar, dass ein Einzelner diese Aufgaben übernehmen kann. Haben Sie womöglich ein wenig zu viel Gas in den vergangenen Jahren gegeben?


Während du die Möglichkeit hast, in diesen Ämtern zu dienen und etwas zu bewegen, hast du die Verantwortung, dein Bestes zu geben. In der Politik wie im Leben ist nichts für immer. Man ist nur für eine begrenzte Zeit dort. Ich wollte nie für mehrere Jahrzehnte dort sein. Ich wollte so viel wie möglich über einen angemessenen Zeitraum beitragen. Ich werde ohne Bedauern gehen, da ich weiß, dass ich der Arbeit alles gegeben habe, was ich hatte.


Sie galten als hartgesottener Verteidiger der Regierung, der immer in den Ring steigen und gegen die Opposition zurückschlagen musste. Die Senatsvorsitzende der Labour Party, Penny Wong, die im Parlament oft mit Ihnen kämpfte, beschreibt Sie als „einen formidablen Gegner und einen vertrauenswürdigen Gesprächspartner“ – und als einen Freund. Grünen-Chef Adam Bandt nannte Sie einen starken Gegner, aber jemanden, mit dem man immer reden könne. Sie galten in Oppositionskreisen als fähigster und effektivster Verhandlungspartner. Wird Ihnen die Politik und alles, was dazu gehört, nicht fehlen?


Ich liebe diese Arbeit aufrichtig. Ich arbeite gerne mit anderen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Hintergründen zusammen, um Lösungen für Probleme zu finden und, wenn möglich, einen Konsens über den besten Weg nach vorn zu finden. Also ja, in diesem Job, wenn man dies so lange tut, wie es einige von uns im Parlament tun, entwickelt man Vertrauen und Freundschaften über Parteigrenzen hinweg. Letztendlich wollen wir alle dasselbe. Wir wollen die bestmögliche Zukunft mitgestalten, wir haben nur unterschiedliche Meinungen über den besten Weg dorthin. Werde ich es vermissen? Es ist ja nicht so, dass ich plötzlich aufhören werde, etwas zu tun. Ich werde einfach nach verschiedenen Möglichkeiten suchen, meinen Beitrag zu leisten.


Bleibt natürlich die Frage nach der Zeit danach. Es heißt in Ihrem Heimatland, dass der australische Premierminister Ihre Kandidatur in den Ring werfen wird, wenn es im kommenden Jahr einen Wechsel auf dem Posten des Generalsekretärs der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gibt. Was ist an den Gerüchten dran? Würde der Job Sie reizen?


Die OECD ist ein äußerst respektierter, wesentlicher Pfeiler unserer globalen wirtschaftspolitischen Governance-Architektur. Seit ihrer Gründung im Jahr 1961 hat sie einen wichtigen positiven Einfluss auf die Volkswirtschaften und den Lebensstandard weltweit gehabt, und zwar durch ihre erstklassige Analyse, ihre normsetzende und politische Arbeit und vor allem dadurch, dass sie es den Mitgliedsländern erleichtert, zusammenzuarbeiten, zu teilen und voneinander zu lernen, um Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden. Der derzeitige Generalsekretär Ángel Gurría hat eine tolle Arbeit geleistet und diese Organisation seit mehr als 14 Jahren geleitet. Letztendlich wird es an den Regierungen von 37 verschiedenen Mitgliedsländern liegen, wer seine Nachfolge antritt. Er hat sicherlich große Fußstapfen zu bekleiden. Ich werde mich zu gegebener Zeit meiner beruflichen Zukunft zuwenden.


Schon seit 2000 haben Sie die australische Staatsbürgerschaft. Ihre belgischen Wurzeln werden im politischen Diskurs selbst heute noch regelmäßig angeführt. Wie viel Belgier steckt ein Vierteljahrhundert nach der Auswanderung noch in Ihnen?


Ich bin sehr stolz auf mein belgisches Erbe, insbesondere auf mein deutschsprachiges belgisches Erbe. Unsere Verfassung erlaubt es mir nicht, die doppelte Staatsbürgerschaft als Bundesabgeordneter im australischen Parlament zu haben, weshalb ich nur australischer Staatsbürger bin. Aber mein belgischer Hintergrund war in einem australischen politischen Kontext immer Teil dessen, was ich bin. Ich bezweifle, dass es außerhalb Europas ein Land gibt, in dem der Bekanntheitsgrad der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Belgien so hoch ist wie in Australien.

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