„Die Schwestern haben den Geist der Nächstenliebe in unser Haus gebracht“, sagt Kuratoiumsvorsitzende Monika Kleutgen vom Raerener Marienheim. „Diesen Geist haben die weltlichen Mitarbeiter des Heimes adoptiert“, ergänzt sie. Mit den Schwestern Marie Alphonse, Marie Bernard und Marie Elisabeth verlassen die letzten drei Armen Schwestern des Hl. Franziskus das Marienheim Rearen. Dass die „Armen“ im Ordensnamen groß geschrieben werden, ist alles andere als ein Zufall oder gar Schreibfehler. Die Fabrikantentochter Franziska Schervier, die gemeinsam mit den Ordensstifterinnen Pauline von Malinckrodt und Clara Fey, die Höhere Töchterschule in Aachen besuchte, berührte die Not der Armen im frühkapitalistischen Aachen des 19. Jahrhunderts und der Kranken, die unter den Pocken- und Choleraepedemien zu leiden hatten und stiftete ihren Orden, um die Not zu lindern. Derartige Ordensgemeinschaften wie auch die protestantischen Diakonissen entstanden in dieser Zeit in großer Zahl, um in Schule und Pflege eine christliche Antwort auf die Not der Zeit zu geben.
1988 haben die Schervierschwestern ihre Antwort nach Raeren gebracht und lösten damit die Salzkottener Franziskanerinnen ab, die seit 1865 im Dienst der armen und alten Menschen standen. Und alle Schwestern haben etwas in Raeren gelassen. Auch die drei letzten, die jetzt gehen, haben ihren Geist in Raeren gelassen.
Altpräsident Edgar Duyster erinnert an die scheinbaren Kleinigkeiten, die fehlen werden. Jeden Morgen sei eine Schwester unterwegs gewesen, um das GrenzEcho auszuliefern. „Die war zwei Stunden unterwegs“, erinnert sich Duyster nicht ohne Schmunzeln. Denn es war nicht nur eine schnöde Zeitungsübergabe, es war vor allem Zeit für die Bewohner, die sich über den morgendlichen Besuch der Schwestern freuten.
Zu einem christlichen Heim gehört auch ein würdiger Umgang mit den Toten. Die Schwestern hielten Totenwache, beteten und hielten Weihwasser bereit, um auch den Angehörigen einen würdigen Abschied zu ermöglichen. Das gilt auch in Corona-Zeiten. Während es in manchen deutschen Pflegeheimen juristischen Druckes bedarf, um selbst den Priester ans Sterbebett zu lassen, ist es in Raeren selbstverständlich, dass die Angehörigen – natürlich unter Beachtung der Hygienemaßnahmen – würdig Abschied nehmen dürfen.
Die Schwestern Marie Bernard und Marie Elisabeth sind Vollblutfranziskanerinnen, die dem Ideal des Heiligen Franziskus nachstreben. Nun geht es nach Megagne, wo sie im Kreis der Mitschwestern ihren Unruhestand verleben werden. Denn beide machen trotz des hohen Alters überhaupt nicht den Eindruck, dass sie sich auf die faule Haut legen wollen. Nur wird es jetzt entschleunigter zugehen. Und sie gehen mit wenig Gepäck. „Man glaubt gar nicht, mit wie wenig man auskommen kann“, sagt Schwester Marie Bernard.
Marie Alphonse stammt aus Ostpreußen, die anderen beiden hingegen sind echte Eifler Mädchen. Marie Bernard ist aus Rott, Marie Elisabeth aus Herresbach. Marie Elisabeth kam mit 14 Jahren in die Haushaltsschule der Schwestern nach Bastogne und hat dort erkannt, dass der Ordensberuf ihr Weg ist und wurde mit 19 Jahren Postulantin. „Für meine Eltern war klar, dass sie mich gehen lassen“, erzählt sie, die wegen Minderjährigkeit noch die elterliche Zustimmung brauchte. Es waren eben katholische Eltern, die auch ihren Teil dazu beigetragen haben, dass die Berufung geweckt wurde. „Ich wäre nie eingetreten, hätte ich in meinen Lehrern und Eltern keine Vorbilder gehabt“, ergänzt ihre Mitschwester. Beide haben dann an verschiedenen Stationen in Brüssel und Bastogne gelebt und sich dort hauptsächlich der Altenpflege gewidmet.
Schwester Marie Elisabeth erinnert sich noch an den ersten Eindruck, den das Töpferdorf aus sie gemacht hat. Es war gerade Adventszeit. „Wie sind die fromm in Raeren!“, habe sie sich gedacht. Denn in den Fenstern brannten die Sterne und Adventslichter. Das kannte sie aus Bastogne nicht. Am Anfang sollte sie eigentlich nur zwei Monate die Oberin vertreten. Geworden sind es 13 Jahre, die sie nicht missen möchte.
Jetzt läuft für die beiden Schwestern, Marie Alphonse ist leider erkrankt, die „Woche der Überraschungen“. Denn die Raerener lieben ihre Schwestern und sind dankbar für ihren Dienst, wie auch Schöffe Ulrich Deller klar betont. Und dazu gehören Begegnungen, Essen mit dem Heimleiter, ein leckeres Eis in Walheim, ein Pressegespräch und natürlich der Festgottesdienst am Sonntag unter Anwesenheit von Generaloberin Martha Kruszynski aus Aachen.
„Sie haben Spuren hinterlassen“, schreibt Patrick Laschet den Schwestern ins Stammbuch. Das gilt es jetzt zu bewahren, und Patrick Laschet ist da auch sehr optimistisch. Das Marienheim habe einen hohen Anteil an Fachpersonal und langjährige Mitarbeiter, die das Arbeiten im christlichen Geist gewohnt seien. Hinzu kommt noch eine große Zahl an Ehrenamtlern, die ein Ohr für die alten Menschen haben.
Dennoch, eine neue Ordensgemeinschaft sähe das Marienheim schon gerne, und es habe auch schon erste Kontakte gegeben. Ob es klappt, beispielsweise indische Schwestern zu bekommen, sei dahingestellt. In jedem Fall rechnet Laschet mit „Pilgerfahrten“ Raerener Bürger nach Mehagne, denn die Raerener lieben ihre Schwestern, und die Schwestern lieben ihre Raerener.

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