Neubau mit Hindernissen: Hotel Tychon vergrößert sich um zehn Zimmer

<p>Drei Generationen auf einem Bild: Leo Tychon (2.v.r.), seine Tochter Katrin, deren Mann Nick Vlaeminck, seine Frau Renate und Enkelin Jasmin (v.l.).</p>
Drei Generationen auf einem Bild: Leo Tychon (2.v.r.), seine Tochter Katrin, deren Mann Nick Vlaeminck, seine Frau Renate und Enkelin Jasmin (v.l.). | Fotos: Ralf Schaus

Im Hotel Tychon ist die Begrüßung der Gäste Chefsache. „Herein, herein und herzlich willkommen.“ Im Eingangsbereich hängt golden gerahmt eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Vorfahren vor dem Hotel, wie es ganz früher aussah, als es die moderne Glasgalerie noch nicht gab, in dem Tanzsaal noch rauschende Feste und Bälle gefeiert wurden, Karnevalisten bis in die frühen Morgenstunden schunkelten und junge Leute poussierten, während Leo Tychon leere Gläser einsammelte und vorgab, bereits 16 zu sein, dabei war er gerade zwölf Jahre alt und hätte längst im Bett liegen sollen.

„Die Leute sind noch sehr verhalten“, sagt Hotelbetreiber Leo Tychon.

„Hach, das waren Zeiten“, seufzt der heute 66-Jährige – ein stolzer Mann mit Schnauzer, Humor und Geschäftssinn, der weiß, dass vom Jammern noch nie etwas besser geworden ist. Wenn auch etwas Wehmut mitschwingt, so trauert Leo Tychon den goldenen Zeiten der Tanzsäle nicht hinterher. Von seinem Vater hat er gelernt, mit der Zeit zu gehen und sich nach ihr zu richten. So hält Leo Tychon es auch mit der Coronakrise. Ja, die Zeiten seien nicht rosig. Und ja, das Geschäft laufe schleppend an. Keine Hochzeiten, keine Kommunionen, nur wenig Übernachtungen und Gäste im Restaurant. „Die Leute sind noch sehr verhalten“, stellt er fest. Während der Ausgangssperre haben gelegentlich Geschäftsreisende und Handwerker auf Montage im Hotel Tychon übernachtet. „Das hat bei weitem nicht gereicht, um die Verluste aufzufangen, aber wir waren ja sowieso zu Hause, also haben wir das noch mitgenommen.“ Seit dem vergangenen Wochenende darf das Hotel auch wieder Touristen empfangen. Seine Angestellten – vier Zimmermädchen und vier Küchenhilfen – sind nach wie vor in Kurzarbeit. „Noch können wir das ohne Hilfe stemmen“, sagt er. Auch seine Frau Renate, seine Tochter Katrin und deren Mann Nick Vlaeminck arbeiten im Hotel mit.

Der Familienbetrieb hat eine lange Tradition. Am 1. Mai 2032 wird das Hotel Tychon 200-Jähriges feiern. Leo Tychon führt es in fünfter Generation. Besonders stolz ist er auf seinen Vornamen, den in seiner Familie seit jeher der älteste Sohn einer jeden Generation trägt. „Ich bin der vierte“, sagt er. Sein eigener Sohn trage den „Leonard“ allerdings nur noch im Zweitnamen, ebenso sein Enkel. Das sei zeitgemäßer.

<p>Die Arbeiten an der Baustelle schreiten voran – zumindest vorerst.</p>
Die Arbeiten an der Baustelle schreiten voran – zumindest vorerst.

Auch der damals so beliebte Tanzsaal wird inzwischen nur noch für private Feiern genutzt. Umso mehr haben das Hotelgeschäft und der Restaurantbetrieb an Bedeutung gewonnen. Die Gäste kommen von Nah und Fern: Touristen und Radfahrer, die die Gegend erkunden wollen. Besuch, den man morgens nicht vor dem Badezimmer Schlange stehen lassen möchte und ihn stattdessen im Hotel einquartiert. Menschen, die Großveranstaltungen wie das Chio, das Tirolerfest oder die Rennstrecke in Spa-Francorchamps besuchen.

Im Laufe der Jahre hat die Familie das Hotel regelmäßig erweitert. „Das erste Mal 1992, als die Franzosen die Molkerei übernommen haben und die Arbeiter eine Übernachtungsmöglichkeit für die Woche suchten. Hätte ich es nicht gemacht, wäre ein anderer gekommen und hätte die Chance ergriffen“, ist Leo Tychon sicher. Inzwischen verfügt das Hotel, das in seinen Anfängen eine kleine Herberge war, über 30 Zimmer, verteilt auf vier Gebäude. Zehn weitere Zimmer sollen nun hinzukommen. Entlang der Straße entsteht derzeit ein zweistöckiger Neubau mit drei Familien- und sieben Doppelzimmern, eines davon barrierefrei, die allesamt von außen statt über einen innenliegenden Flur zugänglich sein werden. Alle Gebäude, die zum Hotel gehören, entsprechen dieser besonderen Bauweise im Stil amerikanischer Motels.

Über einen großzügigen Ruheraum mit Panoramablick auf Wiesenlandschaft wird der neue Komplex mit einem bereits bestehenden Gebäude verbunden, in dem bereits der Wellnessbereich mit großem Schwimmbad untergebracht ist und das zusätzlich um eine Sauna erweitert wird. Außerdem soll in dem neuen Gebäude eine energieeffiziente Blockkraftheizung verbaut werden, über die künftig alle Gebäude des Hotels mit Strom und Warmwasser versorgt werden.

Mit den Bauarbeiten war bereits im Februar begonnen worden, dann kam die Krise. „Seitdem stellt sich die Bank quer“, sagt Leo Tychon. „Die haben wohl Angst, dass sie ihr Geld nicht zurückbekommen und wollen erst bessere Zahlen sehen. Dabei bin ich denen in all den Jahren keine einzige Rate schuldig geblieben.“ Krise hin oder her, der 66-Jährige möchte sein Vorhaben nach wie vor umsetzen. „Mein Steuerberater hat ebenfalls keine Bedenken, was die Finanzierbarkeit angeht.“

Das neue Gebäude soll im Frühjahr bezugsfertig sein.

Waren die Arbeiten aufgrund der Diskrepanzen mit der Bank zunächst ins Stocken geraten, wird inzwischen auf der Baustelle wieder gearbeitet. „Die Bank hat uns zugestanden, den Rohbau fertigzustellen und das Dach draufzusetzen. Dann müssen wir weiter sehen“, so Tychon. Selbst wenn fünf Zimmer für die Dauer der Bauarbeiten aufgrund von Lärm und Dreck nicht an Gäste vergeben werden können, würden die übrigen Kapazitäten in diesen Zeiten ausreichen, um allen Buchungen gerecht zu werden.

Der gelernte Hotelfachmann ist zuversichtlich, dass es bald wieder bergauf geht. „Wir haben schon ganz andere Zeiten erlebt“, sagt er. Vor 25, vielleicht 30 Jahren wurde etwas weiter die Straße runter die Autobahnbrücke erneuert. „Es war übergangsweise eine Behelfsbrücke errichtet worden, aber die Autobahnauffahrten waren während anderthalb Jahren gesperrt. Das war eine echte Katastrophe“, erinnert sich Leo Tychon.

Wie schnell sich das Hotel von der Coronakrise erholen wird, hänge in erster Linie vom Veranstaltungskalender ab. „Wir setzen jetzt auf die Weihnachtsmärkte, in der Hoffnung, dass diese stattfinden.“ Die besinnliche Zeit zum Ende des Jahres sei für das Hotel und den Restaurantbetrieb gleichzeitig die umsatzstärkste, auch aufgrund der zahlreichen Betriebs-Weihnachtsfeiern. „In der Regel sind wir im Dezember komplett ausgebucht. Wir müssen abwarten, wie es sich entwickelt.“

Leo Tychon hofft, dass der Neubau im Frühjahr 2021 bezugsfertig sein wird. „Das war dann für mich das letzte Bauprojekt“, lacht er und ergänzt nach einer kurzen Pause: „Obwohl. Wer weiß das schon.“

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