Freiwillige Gleichschaltung: Als gäbe es kein Morgen

<p>Mittlerweile hat sich das Epizentrum der Angst vor diesem Virus nach Europa verlagert.</p>
Mittlerweile hat sich das Epizentrum der Angst vor diesem Virus nach Europa verlagert. | Foto: belga

Europa befindet sich im Ausnahmezustand. Verursacht durch ein Virus, das man kaum kennt: Weil es neu ist, erst vor wenigen Monaten in China erstmals entdeckt wurde. Mittlerweile hat sich das Epizentrum der Angst vor diesem Virus nach Europa verlagert. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass alle Probleme dieser Welt erst in Europa zur vollen Entfaltung kommen. Ob es die Subprime-Krise von 2008 war, die Eurokrise von 2012, die Flüchtlingskrise von 2015 oder, jetzt, das Coronavirus: Bei uns zeigen all diese Krisen ihre hässliche Fratze, fast so, als zögen wir das Unglück magisch an.

Krisen sind das eine und an sich keine Katastrophen. Bereits die alten Griechen wussten, dass in dem Wort Krise auch der Begriff Potenzial und Chance auf Neues steckt. Entscheidend ist, wie man mit Krisen umgeht. Und da liegt doch – bei aller Solidarität, die man mit den direkt Betroffenen als eine Notwendigkeit erachtet und erachten muss – einiges im Argen. Europa geht an diese Krise so ran, als gäbe es kein Morgen. Auf mehr als ein Dutzend Milliarden werden bereits jetzt die Folgen der Krise geschätzt: allein für Belgien. Dabei weiß noch niemand, wie lange die Krise dauert und ob sie nicht danach erneut ausbricht.

Hochgerechnet auf EU-Ebene ist es sicher nicht übertrieben, von einem gesamtwirtschaftlichen Schaden von Hunderten Milliarden, wenn nicht von Billionen zu sprechen. Denn dass die Krise innerhalb der restlichen acht Monate dieses Jahres resorbiert werden kann, daran glauben nicht einmal mehr die größten Optimisten. Tausende Betriebe werden bankrott gehen. Und die Milliarden, die von der EU, den nationalen Regierungen und selbst den Teilstaaten versprochen werden, gibt es bislang nicht. Wenn wir uns schon in der Krise befanden, ehe das Coronavirus Regierungen bewog, gesamte Volkswirtschaften lahmzulegen, dann befinden wir uns jetzt erst recht in der Krise. Da können Minister oder der ostbelgische EU-Abgeordnete von „Investitionen“ sprechen – in Wirklichkeit wird geflickt und geschustert. Selbst mit den übelsten Mitteln der Planwirtschaft marxistischer Prägung.

Die Krise von 2008 wird uns im historischen Rückblick als eine Mini-Krise im Vergleich zu dem erscheinen, was uns in den kommenden Monaten und Jahren bevorsteht. Der Euro – um das zu prognostizieren, braucht man weder Hellseher noch Prophet zu sein – wankt erneut einer Existenzkrise entgegen. Selbst die EU wird den Schock möglicherweise nicht überleben. Schlimmer: Die Covid-19-Krise zeigt, dass kollektive Verhaltensmuster, wie man sie nicht mehr für möglich gehalten hätte nach den Ereignissen der 30er und 40er Jahre des vorherigen Jahrhunderts, nahezu problemlos wieder gesellschaftsfähig wurden und binnen Tagen umgesetzt werden können. Der Notstand herrscht – und die Herde verordnet sich solidarisches Kuschen.

Wer sich näher mit dem befasst, was nach der Weltwirtschaftskrise 1929 in unserem Nachbarland Deutschland und in anderen Ländern Europas geschah, dem muss angst und bange werden. Wenn die unmittelbare Coronokrise endet – wann das sein wird, vermag niemand zu sagen – wird das Erwachen kommen. Was dann geschieht, möchte man am liebsten nicht wissen. Wobei es nicht hilft, den Kopf in den Sand zu stecken. Doch wer wagt noch, ihn zu erheben: ohne als Nestbeschmutzer und Solidaritätsbrecher gebrandmarkt zu werden?

Kommentare

  • Drei Sätze in diesem Kommentar möchte ich hervorheben:

    "Selbst mit den übelsten Mitteln der Planwirtschaft marxistischer Prägung."
    Welche Mittel wären das genau?
    Was wäre die Alternative?
    Etwa so wie in den Niederlanden und Großbritannien, die die Epidemie betont locker angegangen waren. Dort werden inzwischen aber auch immer schärfere Maßnahmen ergriffen. Selbst in Deutschland wankt die Front der Gegner einer Ausgangssperre. Siehe Söder in Bayern.

    "Der Notstand herrscht – und die Herde verordnet sich solidarisches Kuschen."
    Was ist das, "solidarisches Kuschen"?
    Dass alle sich wie eine bl¨ökende Schafherde den verordneten oder angeratenen Verhaltensmaßregeln fügen?
    "Unsolidarisches Kuschen" wäre dann wohl so etwas in der Art hier: eine Coronaparty mit Freunden und Nachbarn organisieren, die Kneipe oder das Geschäft öffnen, sich demonstrativ bei bei der Begrüßung umarmen, küssen oder wenigsten die Hand schütteln, trotz Polizeikontrollen an die Küste fahren, den Großvater im Altenheim mit der ganzen Familie besuchen, kurz, den "normalen Alltag" (Dr. Meyer) weiterleben?

    "Doch wer wagt noch, ihn [den Kopf aus dem Sand] zu erheben: ohne als Nestbeschmutzer und Solidaritätsbrecher gebrandmarkt zu werden?"
    Doch, einer wagt es: eben Dr. Joseph Meyer in seinem vorletzten Leserbrief:
    "Deshalb macht eine Blockade des normalen Alltags wegen der Corona-Erkrankung jetzt also noch weniger Sinn! "
    Das ist doch wohl klar und unmissverständlich.

  • Butter bei die Fische, lieber Oswald Schröder!

    Den Kopf erheben wozu und mit welcher Botschaft?

    Wenn du eine hast, die Mut macht, her damit. Wir wollen sie alle hören.

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