Wertewandel lässt Naturkosmetik boomen

<p>Michael Straub leitet den Pflanzengarten der Naturkosmetikfirma Weleda.</p>
Michael Straub leitet den Pflanzengarten der Naturkosmetikfirma Weleda. | Foto: dpa

Alle reden vom CO2-Ausstoß. Michael Straub redet vom CO2-Entzug: „Achtzig Tonnen Kohlendioxid entziehen wir der Atmosphäre – jedes Jahr und allein hier in Schwäbisch Gmünd.“

Straub leitet den Pflanzengarten der Naturkosmetikfirma Weleda am Rande der alten Stauferstadt. Alle organischen Reste werden dort kompostiert und als Dünger verwendet. Bodenlebewesen verwandeln den Kompost in Humus. „So wird Kohlenstoff im Boden gebunden und der Atmosphäre entzogen“, erklärt der Chefgärtner Besuchern.

Tu Gutes und rede darüber - in kaum einer Branche scheint das alte Marketing-Motto so gut in die heutige Zeit zu passen wie in der Naturkosmetik. „Mit ihrem Bekenntnis zur Nachhaltigkeit liegen Firmen wie Weleda, Wala, Speick oder Primavera voll im Trend“, sagt die Branchenexpertin Elfriede Dambacher. „Viele Hersteller fördern den Wertewandel zu einem enkeltauglichen Umgang mit der Natur in ihrem ureigenen Interesse“, sagt die Inhaberin des Beratungsunternehmens Naturkosmetik-Konzepte.

Laut Dambachers Branchenreport hat Naturkosmetik allein im Jahr 2018 in Deutschland mehr als eine Million neue Käuferinnen und Käufer erreicht. Der Anteil am gesamten deutschen Kosmetikmarkt sei mit einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro auf 9,2 Prozent gestiegen. Der Report beruht unter anderem auf regelmäßigen repräsentativen Befragungen des Marktforschungsunternehmens GfK von etwa 40 000 Kosmetik-Kunden über 18 Jahren.

Dass der Anstieg auch Folge eines wachsenden Umweltbewusstseins ist, gilt in der Branche als sicher: „Alle aktuellen Themen, die Menschen bewegen, sich für den Schutz der Erde zu engagieren – ob die ‚Fridays for Future‘-Bewegung oder die Bemühungen gegen Plastik in den Weltmeeren – haben Einfluss auf den Konsum“, sagt Marion Keller-Hanischdörfer von der Firma Primavera in Oy-Mittelberg (Bayern).

Für den Nachfrageschub sorgen wohl vor allem jüngere Kunden. Ina Hiller, Marketing-Expertin beim 1928 in Leinfelden-Echterdingen unweit von Stuttgart gegründeten Familienunternehmen Speick, sagt: „Wurde vor wenigen Jahren noch eine Zielgruppe ‚35 plus‘ anvisiert, sehen wir heute ein stetig wachsendes Interesse bei jungen Verbrauchern. Sie wollen ökologisch verträgliche, ressourcenschonende Produkte.“

„Wir arbeiten gerade hart daran, besonders den Anteil von biodynamischen Rohstoffen stark zu steigern“, sagt Stefan Siemer, der das Nachhaltigkeitsprogramm von Weleda koordiniert. Neben dem Garten in Schwäbisch Gmünd betreibt das vor bald 100 Jahren (1921) vom Philosophen Rudolf Steiner (1861-1925) gegründete Unternehmen zur Gewinnung pflanzlicher Rohstoffe noch sieben weitere – in Argentinien, Brasilien, Neuseeland, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz.

Nachhaltigkeit hat sich auch die 1935 von Rudolf Hauschka (1891-1969) in Bad Boll (Landkreis Göppingen) gegründete Firma Wala auf die Fahnen geschrieben. Wala wirbt für Cremes, Lotionen und Öle mit Hinweis auf den Naturschutz und auch damit, dass alle Produkte „ohne Tierversuche entwickelt und hergestellt“ sind.

Also alles eitel Sonnenschein in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz in der Naturkosmetikbranche? Wohl nicht ganz. Mit dem Erfolg nimmt auch der Wettbewerb stark zu. Im Ringen um Käufer ist deren Vertrauen in Werbeaussagen von enormer Bedeutung. Deshalb lassen sich Firmen von als unabhängig geltenden Organisationen ihre Naturschutzbemühungen bescheinigen – natürlich gegen Bezahlung.

Mittlerweile gibt es etliche solcher Label. Verbraucherschützer begrüßen zwar, dass Produktaussagen überprüft und bestätigt werden. Sie warnen aber vor einem zunehmenden „Label-Wirrwarr“. Neben international anerkannten Siegel-Vergebern – darunter Natrue, BDIH, Emas, UEBT und Ecocert – gibt es Trittbrettfahrer, die mit fantasievollen „grünen“ Verpackungen Naturfreundlichkeit vorgaukeln.

„Zudem heißt ‚pflanzlich‘ nicht automatisch ‚harmlos‘“, sagt Sabine Holzäpfel von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Auch in dem Bereich kann es Allergien geben.“ Genauere und verständlichere Angaben zu Inhaltsstoffen seien oft wünschenswert. „Vor allem aber fordern wir ein gesetzlich festgelegtes Kennzeichen mit verbindlichen Kriterien.“

Holzäpfel verweist auf den Lebensmittelbereich: Dort brauchen Anbieter, die ihre Produkte „bio“, „öko“ oder „aus kontrolliert biologischem Anbau“ nennen wollen, seit 2010 verpflichtend das EU-Bio-Siegel. „Eine solches Kennzeichen könnte auch Naturkosmetik-Kunden die Orientierung erleichtern.“ (dpa)

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