An die kolumbianischen Fans mit den wehenden Fahnen in gelb, blau und rot samt wilden Trommelrhythmen hatte man sich an den Radstrecken schon gewöhnt. Spätestens seit 2014, als Nairo Quintana den Giro d'Italia gewann. Jetzt haben die Fahnen die gleichen Farben, in der Mitte prangt aber ein Wappen. Und Trommeln sind auch noch nicht dabei. Die ecuadorianischen Fans, die jetzt in immer größeren Scharen zur Italien-Rundfahrt kommen, feiern ihren Star Richard Carapaz leiser, als es die Nachbarn mit ihren Lieblingen zu tun pflegten. Aber sie feiern ihn.

Ein Vorsprung, der Tag für Tag angewachsen ist. Der Movistar-Fahrer belässt es nicht dabei, am Hinterrad seines ärgsten Rivalen Vincenzo Nibali zu bleiben. Er geht viel lieber selbst in die Offensive. „Eine Sekunde hier, eine Sekunde da. Das kann am Ende wertvoll sein“, sagt Carapaz, der ein Polster von 1:54 Minuten auf Nibali und 2:16 auf Ex-Skispringer Primoz Roglic aus Slowenien rausgefahren hat.
Ein Rennfahrer ohne Schwächen
Von Nervosität ist bei Carapaz keine Spur. Er agiert mit der Gelassenheit eines Mannes, der sich seiner Stärke bewusst ist. „Richard ist ein Rennfahrer ohne Schwächen. Er ist enorm stark in den Bergen. Er kann sich im Zeitfahren verteidigen. Und er ist sehr willensstark“, sagte Movistar-Teamchef Eusebio Unzue der Deutschen Presse-Agentur.
Die Willensstärke dürfte Carapaz bereits in seiner Jugend ausgeprägt haben. Mit 14, 15 Jahren musste er schon auf dem Bauernhof seiner Eltern arbeiten. „Meine Mutter war damals an Brustkrebs erkrankt. Gemeinsam mit meinem Großvater habe ich mich um den Hof gekümmert. Um vier, fünf Uhr morgens bin ich aufgestanden und habe die Kühe gemolken. Dann bin ich zur Schule gegangen, danach habe ich trainiert, und als die Zeit kam, die Kühe auf eine andere Weide zu bringen, habe ich auch das gemacht“, berichtete Carapaz.
Eine andere prägende Erfahrung machte er 2015, als er die Vuelta de la Juventud gewann, die wichtigste Rundfahrt der U23-Kategorie in Kolumbien. „Ich gewann sie als bislang einziger Ausländer“, sagte er stolz. Das Nachwuchsrennen im radsportverrückten Kolumbien gegen all die einheimischen Athleten zu gewinnen, die dieses Rennen als das Sprungbrett nach Europa betrachten, will schon was heißen.
Auf 2950 Meter Höhe in den Anden
Zu diesem Zeitpunkt war Carapaz in seiner Heimat schon als die „Lokomotive von Carchi“ bekannt. Carchi ist die Provinz nahe der kolumbianischen Grenze, aus der Carapaz stammt. Hier liegt der Ort Julio Andrade, in dem die Eltern und eine seiner beiden Schwestern noch immer wohnen. Auf 2950 Meter Höhe befindet sich der Ort in den Anden, was erklärt, warum Carapaz so ein guter Kletterer ist.


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