Beim Dinner wirkte die Fußballwelt noch harmonisch. Arsène Wenger plauderte mit Gianni Infantino, die europäischen Verbandschefs wahrten die Fassung. Die Bilder, die der FIFA-Präsident vor der brisanten Council-Sitzung in Zürich veröffentlichte, vermittelten Eintracht. Hinter den Kulissen aber beschäftigt die Europäer eine Frage, die für Infantino unangenehm werden könnte: Würde ausgerechnet sein Direktor Wenger gegen ihn antreten?
Seit Tagen wird der langjährige Trainer des FC Arsenal in britischen Medien als möglicher Herausforderer gehandelt. Nach einem Bericht der Times umwerben mehrere europäische Fußballbosse den 76-Jährigen. Die BBC zitierte einen hochrangigen Vertreter aus Europa, der Wenger als idealen Kandidaten beschrieb: Bei ihm gehe es nicht um Geld, Status oder Ego, sondern um die Liebe zum Fußball. Der Guardian berichtete dagegen, Vorschläge wie Wenger oder die milliardenschwere Frauenfußball-Investorin Michele Kang seien zurückgewiesen worden. Eine Kandidatur hat Wenger bislang nicht angekündigt. Auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf wollte sich nach der Council-Sitzung nicht an den Personalspekulationen beteiligen. „Keine Namen, ich werde nichts kommentieren“, sagte er. Am Ziel eines Führungswechsels hält die Europäische Fußball-Union jedoch fest. „Dazu gehört natürlich auch, dass man einen Gegenkandidaten platziert“, betonte Neuendorf.
Viel Zeit bleibt dafür nicht. Am 18. November endet die Nominierungsfrist für die Wahl im März 2027 in Rabat. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin hat eine Kandidatur ausgeschlossen, auch Nasser Al-Khelaifi steht nicht zur Verfügung. Gleiches gilt Medienberichten zufolge für CONCACAF-Chef Victor Montagliani. Vor dem 17. November wollen die Europäer erneut zusammenkommen.
Wengers Rolle ist besonders heikel: Seit 2019 arbeitet er als FIFA-Direktor eng mit Infantino zusammen. Von dessen gescheitertem Investorenvorhaben distanzierte er sich allerdings öffentlich. „Ich war an diesem Plan nicht beteiligt und habe erst aus der Presse von diesem Vorhaben erfahren“, erklärte der Franzose. Die Entscheidung, das Projekt zurückzuziehen, sei „absolut notwendig und unumstritten“ gewesen. Ob Wenger deshalb auch seine Position für einen Wahlkampf gegen seinen Chef riskieren würde, bleibt offen.
Infantino hat sich nach den heftigen Angriffen auf seine Führung unterdessen wieder etwas Luft verschafft. Bei der Council-Sitzung bat er um Entschuldigung und rief zur Einheit auf, ließ aus Sicht seiner Kritiker aber wichtige Fragen unbeantwortet. Zugleich bestätigte die FIFA Pläne für einen Entwicklungsfonds über 6,35 Milliarden US-Dollar aus ihren Rücklagen. Im kommenden Vierjahreszyklus soll jeder der 211 Mitgliedsverbände rund 25 Millionen Dollar erhalten, bisher waren es zehn Millionen. Im Dezember soll der Fonds finalisiert werden. Eine ähnliche Forderung hatte auch die UEFA erhoben.
Für Infantinos Vorgänger Joseph S. Blatter ist das ein durchschaubares Manöver. Der 90-Jährige kommentierte bei X mit beißender Ironie, Infantino beichte zunächst seine Sünden und verspreche anschließend 25 Millionen. Seine Schlussfolgerung: „Glaubwürdigkeit lässt sich nicht erkaufen.“
Trotz der Kritik spricht derzeit vieles für eine weitere Amtszeit Infantinos. Afrika und Südamerika stehen hinter ihm; die Opposition aus Europa, Asien sowie Nord- und Mittelamerika dürfte ihre Mitglieder kaum geschlossen versammeln können.
Neuendorf setzt dennoch auf die Wirkung einer überzeugenden Alternative. Gesucht werde eine integre Persönlichkeit, die der FIFA verlorene Reputation zurückgeben könne. Finde sich eine solche Person, werde die Debatte einen anderen „Drive“ bekommen. Ob Wenger diese Rolle übernehmen will – und ob er tatsächlich für einen Neuanfang stünde –, ist damit noch nicht beantwortet. Nicholas McGeehan von der Organisation FairSquare verweist jedenfalls darauf, dass auch der Franzose seit 2019 Teil jenes Systems ist, das nun zur Debatte steht. (sid/kupo)

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