Wenn das alles echt wäre, wäre die Zeit von Roberto Vannacci längst vorbei. Ungefähr seit 2.000 Jahren. Aber jetzt gibt es Künstliche Intelligenz (KI). Mit deren Hilfe geriert sich der Gründer der neuen italienischen Rechtsaußenpartei Futuro Nazionale (FN) in Videos, die gar nicht mehr so viel kosten und aufwändig sind, als römischer Kaiser: als Imperator Robertus Vannaccius, der schwächeren Gestalten, die unschwer als Italiens wichtigste Politiker von heute zu erkennen sind, seinen Willen aufdrückt. Im neuesten Instagram-Video macht er das mit Sergio Mattarella, dem amtierenden Präsidenten. Der 85-Jährige, über die Parteigrenzen hinweg sehr beliebt, kommt noch verhältnismäßig gut weg. Zumindest bleibt seine Figur im Video am Leben. In einem anderen Clip senkt Imperator Vannaccius aus der Kaiserloge des Kolosseums über die unten stehende, allesamt gefesselte politische Konkurrenz den Daumen. Nach alter Logik bedeutet das den Tod.
Wie es mit den früheren Ministerpräsidenten Romano Prodi und Giuseppe Conte sowie der sozialdemokratischen Oppositionsführerin Elly Schlein zu Ende geht, sieht man in dem Video nicht. Letztes Bild ist ein Löwe, der das Maul aufreißt. Vannacci grinst dazu. Jetzt ist die Aufregung natürlich groß – was von dem Rechtsaußen wohl auch kalkuliert war. Seine Zeit soll erst noch kommen. Conte, einer der Todeskandidaten im Video, empörte sich über eine „Botschaft, die zu Gewalt anstiftet und Fanatiker aufhetzen könnte“. Mit seiner Empörung ist er nicht allein. Auch aus dem Regierungslager gibt es Kritik. Die rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die in dem KI-Video neben Vannacci zu erkennen ist – wenn auch nur als weniger wichtige Patrizierin –, distanzierte sich davon. Auf X erklärte sie: „Dieses Video entspricht weder meiner Persönlichkeit noch meinem Verständnis von politischer Debatte.“ Meloni verzichtete jedoch auf juristische Schritte, um dem Ex-General die Verwendung ihres Konterfeis zu verbieten.
Bei anderen Fakevideos war sie weniger zurückhaltend. Das Verhältnis der beiden ist kompliziert. Mit etwa 27 Prozent liegt Melonis rechte Regierungspartei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) in den Umfragen weiterhin klar vorn – allerdings nicht mehr so deutlich wie früher. Vannacci kommt mit seiner Nationalen Zukunft nach nicht einmal einem halben Jahr auf etwa sieben Prozent. Mit Blick auf die Parlamentswahl im kommenden Jahr sind aktuell zwei Szenarien denkbar: Vannacci wird Teil eines rechten Bündnisses und könnte bei einem Wahlsieg einen Ministerposten bekommen – oder er lässt seine Partei allein antreten, was Meloni den Sieg kosten könnte. Die wahrscheinlichere Variante ist, dass Vannacci für Meloni zum Steigbügelhalter wird. Den beiden kleineren Koalitionspartnern, der konservativen Forza Italia und der rechten Lega von Verkehrsminister Matteo Salvini, gräbt er jetzt schon Stimmen ab.
Der ehemalige Heeresgeneral gehört seit Jahren zu den größten Krawallmachern der italienischen Politik. Mit seinem Buch „Il mondo al contrario“ (Verkehrte Welt) landete er im Sommer 2023 einen Bestseller. Seither provoziert er immer wieder mit abfälligen Äußerungen über Einwanderer, Frauen und Homosexuelle, was seine Suspendierung vom Dienst zufolge hatte. Nach seiner Wahl ins Europaparlament (damals noch für die Lega) verabschiedete er sich endgültig aus dem Militär. Auf europäischer Ebene sitzt der 57-Jährige nun zum Beispiel zusammen mit der deutschen AfD in einer Fraktion. Seine Anhängerschaft amüsiert sich über die Filmchen bestens.
KI-Propaganda nach dem Vorbild Donald Trumps sorgt auch in Italien für heftige Debatten.
Offensichtlich ist, wer Ideengeber war: US-Präsident Donald Trump, der sich mit Hilfe von KI auch schon einmal als Heiland präsentierte. Produziert wurden die Clips mit der KI Grok von Trump-Unterstützer Elon Musk. Experten nennen diese Art neuer politischer Werbung Slopaganda (aus slop für minderwertig und Propaganda): billig produzierte KI, die massenhaft über die sozialen Medien verbreitet wird.
Vannacci selbst weist alle Kritik zurück. Das Video aus dem Kolosseum sei doch nur ein „wunderschönes und offenkundig unrealistisches Video in Science-Fiction-Manier“. Zudem wird bei ihm Wert darauf gelegt, dass die Clips weder von der Partei noch auf deren Geheiß erstellt würden. Man teile sie nur – und wisse nicht einmal, wer dahinterstecke. Was Vannacci allerdings nicht daran hindert, auf Instagram weitere Videos des Imperators Robertus Vannaccius zu verbreiten. Er sieht darin übrigens ein wenig jünger aus und schlanker auch.

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