Nach Angaben des belgischen Gesundheitsinstituts Sciensano starben während der Hitzewelle mehr als 2.000 Menschen mehr als unter normalen Umständen zu erwarten gewesen wäre. Die Übersterblichkeit lag bei 48 Prozent. Zum Vergleich: In Frankreich betrug sie 23 Prozent, in den Niederlanden 13 Prozent – obwohl dort ähnlich hohe Temperaturen gemessen wurden.
Nach Einschätzung des Biostatistikers Geert Molenberghs (KU Löwen/Universität Hasselt) spielen dabei auch soziale Unterschiede eine wichtige Rolle. „Es gibt etwa einen großen Unterschied zwischen Flandern und der Wallonie. Dahinter steckt eine nicht zu leugnende sozioökonomische Komponente“, sagt er. Menschen in ärmeren Regionen seien deutlich stärker von der Hitze betroffen als Bewohner wohlhabenderer Gegenden. In einem großen, freistehenden Haus mit etwas Grün rundherum steige die Temperatur deutlich weniger stark als in einer kleinen Wohnung, in der viele Menschen lebten.
Auch ein Blick nach Frankreich stützt diese These. So lag die Übersterblichkeit in den dicht besiedelten Vororten von Paris mit ihren zahlreichen Sozialwohnungen laut „Het Nieuwsblad“ bei 81 Prozent. Für Molenberghs erklärt das jedoch nur einen Teil des Problems.
Denn selbst wenn ausschließlich Flandern betrachtet werde, falle die Übersterblichkeit mit 31 Prozent noch immer höher aus als in Frankreich oder den Niederlanden. „Dann müssen wir uns unsere ungeordnete Bauweise ansehen“, erklärte Molenberghs. Belgien sei im Durchschnitt dichter bebaut als seine Nachbarländer und verfüge über weniger Grünflächen, die für Abkühlung sorgen könnten. Die Niederlande verfolgten dagegen seit Jahren eine deutlich stärker geplante Raumordnung und wiesen unter den Nachbarstaaten die niedrigste hitzebedingte Übersterblichkeit auf.
Der Wissenschaftler verweist zudem auf statistische Besonderheiten. Frankreich verfüge über große Regionen im Süden und Südosten, deren Bevölkerung und Bauweise seit Langem an hohe Temperaturen angepasst seien. „Betrachtet man nur den Norden Frankreichs, dann ist die Region ähnlich stark betroffen wie Belgien“, sagte Molenberghs. Städte wie Marseille seien dagegen seit Jahrhunderten auf heiße Sommer eingestellt. (calü)

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