Die Geheimnisse des Aachener Karlsthrons

<p>Der Thron von Karl des Großen im Dom.</p>
Der Thron von Karl des Großen im Dom. | Foto: Oliver Berg/dpa

Sein Geist lebt fort im Weltkulturerbe Aachener Dom. In dem Zentralbau mit achteckiger Grundform und Säulenarkaden wurden im Mittelalter mehr als 30 deutsche Könige gekrönt.

Die mächtigen Säulen, die vergoldeten Decken und Wände, der Marmor und die ausladenden Kronleuchter geben dem Ort etwas Märchenhaftes, auch Byzantinisch-Exotisches. Hier sind der Karlsschrein und der Barbarossaleuchter zu bewundern, aber die Attraktion, von der sich die Besucher am meisten fasziniert zeigen, ist der Karlsthron.

Durch seine Schlichtheit wirkt er umso authentischer. Es ist kein vergoldeter Prachtthron mit Baldachin, wie der, auf dem König Charles einmal im Jahr die Thronrede verliest. Nein, hier im Aachener Dom drängen sich die Touristen vor einem archaischen Steinsitz, wie man ihn sich idealtypisch für das frühe Mittelalter vorstellen würde. Oder auch - andere Assoziation - wie er am Set von „Der Herr der Ringe“ stehen könnte. Der Thron von König Théoden mit seinem verschlagenen Berater Schlangenzunge zur Seite.

Der Thron erhebt sich auf einem Podest, das wiederum auf einem Arkadenumgang des Doms steht. Um dort hinzugelangen, muss man eine alte Wendeltreppe hinaufsteigen. Jeden Tag wechseln sich hier die Besuchergruppen ab, manche deutsch-, manche englisch- oder auch französischsprachig. 1,3 Millionen Besucher kommen jährlich.

Hat der König wirklich auf dem Thron gesessen?

Zahllose Mythen und Legenden ranken sich um den Karlsthron. Aber hat der legendäre Frankenherrscher wirklich je darauf gesessen? „Nein, ich glaube nicht“, sagt Dombaumeister Jan Richarz, fast so, als hätte er das Gefühl, dem Kaiser damit von der Fahne zu gehen. „Der Thron ist vermutlich später an diese Position gesetzt worden. Ausgeschlossen ist es aber auch nicht - der Wissenschaftler bleibt ja gern bei Wahrscheinlichkeiten.“

In jedem Fall wäre die Position für einen Thron sehr gut gewesen, weil sie vom Palast aus leicht zu erreichen gewesen wäre. „Aber da wir alle nicht genetisch untersuchen können, ob Karl da drauf gesessen hat, wird es schwierig werden, die Frage definitiv zu beantworten.“

Professor Harald Müller, Inhaber des Lehrstuhls für Mittlere Geschichte an der RWTH Aachen, kann sich dem Dombaumeister nur anschließen. „Unser Problem ist, dass sich in dem Thron ganz viele spätere historisch-symbolische Aufladungen übereinanderstapeln.“ Die älteste Quelle, die den Thron als Karlsthron erwähnt, stammt aus der Mitte des 11. Jahrhunderts, als Karl schon lange tot war. Da wird er der „Erzthron des Reiches“ genannt, auf dem alle deutschen Könige nach ihrer Krönung gesessen haben - mit Karl an der Spitze.

Wie die Windsors auf dem Balkon des Buckingham-Palastes

Warum überhaupt ein Thron in einer Kirche? „Es ist kein Thron, vor dem sich der Hofstaat versammelt, sondern ein Sitz, auf dem der König nach seiner Krönung Platz nahm und dem Gottesdienst beiwohnte“, erläutert Richarz. Und aufgrund der Position auf der Empore hoch über dem Kirchenraum habe man ihn dort dann auch gut sehen können. „Man muss sich das so vorstellen wie die Windsors auf dem Balkon des Buckingham-Palastes“, sagt Müller. „Es ist das Abschlussbild der Krönungszeremonie.“

Unstrittig ist also, dass viele Könige des Heiligen Römischen Reiches - so merkwürdig hieß Deutschland im Mittelalter - auf dem Thron gesessen haben. Aber eben nicht unbedingt Karl selbst. Ob der Thron überhaupt aus seiner Zeit um das Jahr 800 stammt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. „Das Ganze ist nicht ein einziges Stück, sondern setzt sich aus unterschiedlichen Teilen zusammen“, erklärt Müller.

„Wir haben den Marmorthron an sich, darin ist ein Sitz aus Brettern verborgen, der eine Bedeutung haben muss, und darunter befindet sich dann noch der Unterbau, der den Thron zusätzlich monumentalisiert. Von daher: selbst wenn man eine Komponente datieren kann, sagt das noch nicht unbedingt etwas darüber, wann dieser Thron zusammengesetzt worden ist.“

In eine Seite des Throns ist ein Mühle-Spielfeld eingeritzt

Der Zahn der Zeit ist an dem Thron nicht spurlos vorübergegangen. Im Zweiten Weltkriegwurde er zum Schutz vor Bombenangriffen mit einem Ziegelmantel umhüllt. Darunter war noch eine Lage Papier. „Und da Papier säurebelastet ist, ist diese Säure in den Marmor eingedrungen - und dadurch sieht er heute so gelblich aus“, erläutert Richarz. „Daran können wir leider auch nichts mehr ändern.“

In die eine Seite des Throns ist zudem ein Mühle-Spielfeld eingeritzt. Mühle spielte man schon in der Antike. Denkbar ist, dass für den Thron Marmorplatten aus römischen Bauwerken verwendet wurden und in eine davon eben das Spiel eingeritzt war. Genauso könnte es aber auch sein, dass das Spielfeld erst viel später eingekerbt wurde. Vielleicht war der Thron in kostbare Stoffe eingehüllt, sodass man die Verunstaltung sowieso nicht sehen konnte.

Fragen über Fragen also. Aber so ist es eigentlich immer bei uralten Attraktionen wie dem Thron oder auch den Heiligen Drei Königen im Kölner Dom und dem Stein vom Scone, der bei schottischen Krönungsritualen eine wichtige Rolle gespielt haben soll. „Die Bedeutung kommt eigentlich nie aus den Objekten selbst, sondern es ist immer die Frage, was die Betrachtenden daraus machen“, sagt Müller.

„Die Sinnzuschreibungen sind das Entscheidende.“ Richarz hält den Thron vor allem für einen „erstklassigen Zeitzeugen für die Geschichte des Doms, weil er alles mitgemacht hat“. Er zeige von der Substanz hier auf jeden Fall mehr Echtheit als so manches andere in dieser sehr alten Kirche. Und diese geheimnisvolle Ursprünglichkeit, die den Thron nach wie vor auszeichne, spürten die Menschen. „Ob Karl nun wirklich darauf gesessen hat oder nicht, das spielt dann auch kaum noch eine Rolle.“

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