Nach Hitzewelle: Belgien verbessert Hitzeschutz und Krisenvorsorge

<p>Ausreichend trinken, Schatten aufsuchen und körperliche Anstrengungen vermeiden: Nach der außergewöhnlichen Hitzewelle zuletzt wollen die Gesundheitsminister des Landes den Schutz der Bevölkerung vor extremer Hitze weiter verbessern und besonders gefährdete Menschen künftig gezielter unterstützen.</p>
Ausreichend trinken, Schatten aufsuchen und körperliche Anstrengungen vermeiden: Nach der außergewöhnlichen Hitzewelle zuletzt wollen die Gesundheitsminister des Landes den Schutz der Bevölkerung vor extremer Hitze weiter verbessern und besonders gefährdete Menschen künftig gezielter unterstützen. | Foto: belga

Anlass sind erste Auswertungen der interföderalen „Risk Management Group“ (RMG) sowie Daten des Gesundheitsinstituts Sciensano, die eine deutliche Übersterblichkeit während der Hitzewelle belegen. Demnach starben zwischen dem 18. Juni und dem 1. Juli landesweit 1.747 Menschen mehr als unter normalen Umständen zu erwarten gewesen wäre. Das entspricht einer Übersterblichkeit von 47,8 Prozent und ist laut Sciensano die höchste, die seit Beginn der Auswertungen im Jahr 2000 während einer Hitzewelle registriert wurde.

Den Angaben zufolge war die Übersterblichkeit in allen Altersgruppen festzustellen – auch bei Menschen unter 65 Jahren. In dieser Altersgruppe lag sie bei 61,3 Prozent beziehungsweise 280 zusätzlichen Todesfällen. Betroffen waren sowohl Bewohner von Wohn- und Pflegezentren als auch Menschen, die zu Hause leben. Besonders stark betroffen war die Wallonie mit einer Übersterblichkeit von 76 Prozent beziehungsweise 919 zusätzlichen Todesfällen. In Flandern lag sie bei 31,4 Prozent (682 zusätzliche Todesfälle), in der Region Brüssel-Hauptstadt bei 60,9 Prozent (159 zusätzliche Todesfälle). Warum die Wallonie deutlich stärker betroffen war, ist nach Angaben von Sciensano derzeit noch unklar. Der Höhepunkt der Hitzewelle wurde am 27. Juni erreicht. An diesem Tag lag die Übersterblichkeit bei 146,5 Prozent, was 641 zusätzlichen Todesfällen entsprach. Die Gesundheitsminister werten dies als deutliches Signal, die bestehenden Schutzmaßnahmen weiterzuentwickeln. Zugleich betonen sie, dass extreme Hitze künftig häufiger auftreten dürfte und deshalb eine bessere Vorbereitung notwendig sei. Nach Einschätzung von Sciensano trugen vor allem die lange Dauer der Hitzewelle, die hohen Temperaturen und die hohe Ozonbelastung zu der außergewöhnlich hohen Zahl der Todesfälle bei.

Nach Einschätzung der Minister funktionierte der bestehende Hitzeschutzplan grundsätzlich. Die verschiedenen Warnstufen wurden auf Grundlage der geltenden Temperatur- und Ozonwerte ordnungsgemäß aktiviert. Während der Alarmphase wurden unter anderem Notrufzentralen, Krankenhäuser und Notaufnahmen täglich beobachtet, zusätzliche Versorgungskapazitäten bereitgestellt und lokale Hitzeschutzpläne in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen umgesetzt. Zudem wurden die Bevölkerung verstärkt über Schutzmaßnahmen informiert sowie bei Veranstaltungen präventive Maßnahmen wie Trinkwasser, Schattenbereiche und medizinische Betreuung vorgesehen. Trotzdem sehen die Gesundheitsminister deutlichen Verbesserungsbedarf. Künftig sollen vor allem besonders gefährdete Menschen – etwa ältere Personen, die allein leben – gezielter erreicht werden. Bereits bestehende Initiativen von Gemeinden, Krankenkassen oder sozialen Organisationen, die in Hitzeperioden den Kontakt zu vulnerablen Menschen suchen, sollen deshalb ausgebaut und besser miteinander vernetzt werden. Ein weiterer Schwerpunkt betrifft die Gesundheitsversorgung. Während der jüngsten Hitzewelle stießen insbesondere die Notrufzentralen wegen des sprunghaften Anstiegs der Anrufe an ihre Grenzen. Künftig sollen die Personalkapazitäten frühzeitig an vorhersehbare Belastungsspitzen angepasst werden. Zudem prüft der föderale Gesundheitsminister Möglichkeiten, die Notrufnummer 1733 in Spitzenzeiten stärker mit den hausärztlichen Bereitschaftsdiensten zu verknüpfen, um die Notrufnummer 112 zu entlasten. Darüber hinaus sollen klimatisierte öffentliche Räume für besonders gefährdete Menschen geöffnet und die Risikoanalysen auch für kleinere Veranstaltungen verbessert werden. Langfristig soll der Hitzeschutzplan zu einem umfassenden Hitzevorsorgeplan weiterentwickelt werden. Grundlage dafür bilden die neuen Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Künftig sollen neben dem Gesundheitswesen auch Bereiche wie Sozialschutz, Bildung, Infrastruktur, Arbeitswelt, Mobilität und die Kommunalverwaltungen stärker in die Vorsorge einbezogen werden. Nach Ansicht der Minister ist eine Hitzekrise längst keine reine Gesundheitskrise mehr, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

DG-Gesundheitsministerin Lydia Klinkenberg (ProDG) unterstrich die Bedeutung eines abgestimmten Vorgehens: „Die jüngste Hitzewelle hat erneut gezeigt, wie wichtig ein vorausschauendes und koordiniertes Handeln aller Ebenen ist. Gerade weil die Klimakrise den Gesundheitsbereich übersteigt, werden wir in den nächsten Wochen auf allen Ebenen die Kräfte bündeln und analysieren, wo Handlungsbedarf besteht.“ Dabei spielten unter anderem der Schutz der Arbeitnehmer, die Kleinkindbetreuung, das Bildungswesen sowie Wohn- und Pflegezentren und Krankenhäuser eine wichtige Rolle. Die Interministerielle Konferenz hat die zuständigen Behörden beauftragt, die kurzfristigen Maßnahmen bis zur nächsten Hitzewelle umzusetzen. Ein erster Zwischenbericht über den Stand der Arbeiten soll im September vorgelegt werden. (red/sc)

Kommentare

Kommentar verfassen

0 Comment