Noch am Vortag hatte Pogacar den Etappensieg seinem Teamkollegen Isaac del Toro überlassen. Einen Tag später schlug der Titelverteidiger selbst zu. Am Schlussanstieg nach Les Angles wartete er bis zur finalen Phase, ehe er sich aus der Favoritengruppe löste. Der Angriff wirkte ebenso explosiv wie kontrolliert. Folgen konnte ihm auf den letzten Metern niemand. Vingegaard erkämpfte sich mit zwei Sekunden Rückstand Rang zwei, Richard Carapaz wurde zeitgleich mit dem Dänen Dritter.
Für Pogacar war es ein Doppelschlag: Etappensieg und Gelbes Trikot. In der Gesamtwertung liegt er nach drei Tagen zeitgleich mit Vingegaard, doch Sekundenbruchteile aus dem Zeitfahren gaben den Ausschlag zugunsten des Slowenen. Damit musste Vingegaard das Maillot jaune wieder abgeben. Pogacar feierte in Les Angles seinen 122. Profisieg und den 22. Tagessieg bei der Tour de France.
Dass UAE Emirates-XRG an diesem Tag nicht nur auf Kontrolle, sondern auch auf den Etappensieg fahren würde, stand nach Angaben Pogacars nicht von Beginn an fest. „Mitten in der Etappe haben wir entschieden, dass es möglich ist, um den Tagessieg zu fahren“, sagte der Slowene im Ziel. „Wenn wir gewinnen können und die Mannschaft sich supergut fühlt, dann müssen wir diese Chance nutzen. Wir haben es versucht, alles gegeben und es zu Ende gebracht.“
Auf die Frage, ob er nach seinem frühen Tour-Erfolg nicht zu hungrig sei, reagierte Pogacar mit einem Lächeln. „Nein, nicht so sehr. Ich habe alle 30 Minuten ein Gel gegessen.“ Es war eine Antwort, die locker klang, aber auch zeigte, wie planvoll UAE diesen ersten Test in den Bergen anging. Das Team bestimmte im Peloton über weite Strecken das Tempo, ließ die Ausreißer nie zu weit davonziehen und bereitete Pogacars Angriff systematisch vor.

Eine besondere Rolle spielte dabei erneut Isaac del Toro. Der Mexikaner, der am Sonntag selbst hatte jubeln dürfen, leitete in der Schlussphase den entscheidenden Antritt seines Kapitäns ein. Pogacar stellte den Beitrag seines Teamkollegen anschließend ausdrücklich heraus. „Das kommt dank ihm, dank Isaac“, sagte er. „Er hat dafür gesorgt, dass ich noch zusätzliche Kraft hatte. Er hat mehr als hundert Prozent gegeben. Eigentlich die ganze Mannschaft. Ich bin wirklich froh, dass wir so in die Tour gestartet sind.“
Auch Nils Politt leistete im UAE-Zug lange Arbeit. Der Kölner führte das Feld über weite Strecken an, wenn er nicht gerade seine Mannschaft mit Getränken versorgte. Elf Kilometer vor dem Ziel wurde mit dem Franzosen Alex Baudin der letzte Ausreißer gestellt. Danach übernahmen Pogacars Helfer endgültig die Kontrolle, ehe der viermalige Toursieger am Schlussanstieg selbst die Entscheidung herbeiführte. Die erste kleine Bergankunft bestätigte früh die erwartete Kräfteordnung. Pogacar und Vingegaard setzten sich erneut von der übrigen Konkurrenz ab. Remco Evenepoel behauptete zwar den dritten Platz im Gesamtklassement, hat nun aber 23 Sekunden Rückstand auf das zeitgleiche Spitzenduo. Florian Lipowitz, im Vorjahr Dritter der Tour, liegt nach Rang sieben auf der Etappe mit 53 Sekunden Rückstand auf Platz sieben der Gesamtwertung.
Begleitet wurde die Etappe von schwierigen äußeren Umständen. In rund 70 Kilometern Entfernung zu Les Angles wüten Waldbrände. Erst am Vorabend war entschieden worden, dass das Teilstück überhaupt stattfinden kann. Nach dem Grenzübertritt von Spanien nach Frankreich wurden Zuschauer an der Strecke nicht zugelassen, auch die Werbekarawane fuhr nicht wie gewohnt ins Mutterland der Tour ein. Zudem wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft.

Auch sportlich war das Rennen von Beginn an unruhig. Bei Temperaturen von teils mehr als 35 Grad wurde früh ein hohes Tempo angeschlagen. Erst nach rund zwei Stunden bildete sich eine größere Fluchtgruppe, doch ihr Vorsprung blieb überschaubar. Beim Übergang nach Frankreich betrug der Abstand zum Peloton nur noch knapp anderthalb Minuten. UAE Emirates-XRG ließ nie Zweifel daran, dass die Mannschaft die Etappe kontrollieren wollte, sobald sich die Chance auf den Tagessieg bot.
Für Pogacar bleibt das Gelbe Trikot trotz aller Routine etwas Besonderes. „Gelb ist ein Traum für jeden Fahrer, egal in welchem Alter“, sagte er. „Ich weiß nicht, wie oft ich dieses Trikot schon getragen habe, aber jedes Mal, wenn ich es über die Schultern bekomme, fühlt es sich noch immer wirklich speziell an. Ich weiß nicht, wie lange das dauern wird, aber ich versuche, jeden Moment zu genießen.“
Am Dienstag folgt die vierte Etappe von Carcassonne nach Foix. Das 181,9 Kilometer lange Teilstück ist hügelig und bietet sowohl Ausreißern als auch bergfesten Sprintern Chancen. Vier Bergwertungen stehen im Weg, zwei davon der zweiten Kategorie. Die Abfahrt ins Ziel könnte endschnellen Fahrern entgegenkommen. Wegen der hohen Waldbrandgefahr bleibt allerdings auch diese Etappe mit einem Unsicherheitsfaktor behaftet. (kupo/belga/sid)

HINTERGRUND
Evenepoel bleibt Dritter, verliert aber Zeit
Remco Evenepoel hat bei der ersten Bergankunft der Tour de France seinen dritten Platz in der Gesamtwertung verteidigt. Der Belgier vom Team Red Bull-Bora-hansgrohe konnte dem entscheidenden Antritt von Tadej Pogacar am Schlussanstieg nach Les Angles zwar nicht folgen, erreichte das Ziel aber ohne größeren Einbruch in der Favoritengruppe hinter dem slowenischen Weltmeister und Jonas Vingegaard. Evenepoel kam zeitgleich mit seinem deutschen Teamkollegen Florian Lipowitz ins Ziel. In der Gesamtwertung beträgt sein Rückstand auf Pogacar und Vingegaard nun 23 Sekunden. Für Evenepoel war die Etappe zwar kein Rückschlag, aber ein erster Hinweis auf die Kräfteverhältnisse in den Bergen. Pogacar und Vingegaard setzten sich auf den letzten Metern erneut leicht von der Konkurrenz ab. Der Belgier bleibt dennoch in Schlagdistanz und kann weiter auf Etappen hoffen, die seinem Profil entgegenkommen. (kupo/belga)

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