Carlo Ancelotti galt bei Real Madrid lange als der Mann, der lieber Kaugummi kaute, als in ein Spiel einzugreifen. Wenn seine Mannschaft Probleme bekam, wurde ihm regelmäßig vorgeworfen, viel zu spät zu reagieren. Diese WM hat bislang eine andere Geschichte geschrieben. Bereits im ersten Gruppenspiel gegen Marokko nimmt Ancelotti zur Pause Roger Ibanez und Casemiro vom Platz. Im Sechzehntelfinale gegen Japan entscheidet er sich für den umgekehrten Weg. Brasilien liegt zur Halbzeit zurück, Casemiro erwischt einen miserablen Tag und praktisch jeder rechnet mit seiner Auswechslung. Ancelotti lässt ihn trotzdem auf dem Feld. Acht Minuten später köpft derselbe Casemiro den Ausgleich. Brasilien gewinnt noch 2:1.
Mut zeigt sich nicht nur darin, einen großen Namen vom Platz zu nehmen, sondern manchmal auch darin, an ihm festzuhalten. Rudi Garcia bewies ebenfalls Mut. Belgien lag gegen den Senegal bis fünf Minuten vor Schluss 0:2 zurück. Viele hatten ihn bereits abgeschrieben. Der Nationaltrainer reagierte jedoch unmittelbar nach dem zweiten Gegentor. Mit Kevin De Bruyne und Jérémy Doku nahm er gleich zwei große Namen vom Platz. Belgien drehte das Spiel noch. Auf der Internetseite sorryrudi.be können Fans ihre Entschuldigung an den Nationaltrainer hinterlassen. So schnell können Urteile im Fußball kippen.

Auch Belgiens ehemaliger Coach Roberto Martinez, der heute Portugal trainiert, musste sich jahrelang anhören, zu unflexibel zu sein und zu lange an Cristiano Ronaldo festzuhalten. Im Sechzehntelfinale gegen Kroatien lag Portugal 0:1 zurück. Martinez wechselte gleich viermal. Später musste sogar Ronaldo runter. Der Superstar verließ angefressen den Platz. Martinez kümmerte das wenig, ihn interessierte nur das Weiterkommen. In der Nachspielzeit erzielte der eingewechselte Gonçalo Ramos den Siegtreffer. Es könnte eine Lehre dieser WM sein: Belohnt werden jene an der Seitenlinie, die den Mut haben, sich nicht von großen Namen beeindrucken zu lassen. Vom heimischen Sofa aus ist eine Entscheidung schnell kommentiert. Trainer dagegen müssen sie innerhalb weniger Sekunden verantworten. Sie kennen ihre Spieler, sehen sie im Training und wissen, wer gerade Vertrauen braucht oder an seine Grenzen kommt. All das bleibt Außenstehenden verborgen.
Urteilen ist leicht, entscheiden dagegen nicht.
In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die
Geschichten des Turniers –
auf und neben dem Platz.

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