Wahnsinn von Seattle: Rote Teufel stehen nach Sieg gegen Senegal im Achtelfinale

<p>Captain America machts! Youri Tielemans befördert Belgien per Elfmeter in der 120. Minute ins Achtelfinale.</p>
Captain America machts! Youri Tielemans befördert Belgien per Elfmeter in der 120. Minute ins Achtelfinale. | Foto: Photo News

Mal ganz tief durchatmen, bitte! 86 Minuten lang steht ein zum Teil katastrophales Belgien mit anderthalb Beinen auf der Gangway in den Flieger nach Zaventem, dann schaut der Geist von Rostow in Seattle vorbei. Wie beim 3:2 gegen Japan bei der WM 2018 in Russland melden sich die Roten Teufel erneut nach einem 0:2 aus dem Nichts zurück – und ziehen in der Verlängerung ins Achtelfinale ein. Dort wartet in der Nacht von nächster Woche Montag auf Dienstag (2 Uhr MESZ) entweder Gastgeber USA oder Bosnien & Herzegowina.

Belgien 3:2 Senegal (n.V.)

War Nationaltrainer Rudi Garcia bisher im Turnier für einige Personaländerungen zu haben, vertraute er gegen den Senegal auf exakt dieselbe Elf wie beim 5:1-Kantersieg gegen Neuseeland zum Gruppenabschluss. Sprich: Neben De Cuyper und Castagne bildeten Mechele und Theate weiterhin die Innenverteidigung, Ngoy blieb nach abgesessener Rotsperre auf der Bank. Davor startete erneut Vanaken neben Tielemans, auf den Flügeln ackerten Doku und der zuletzt starke Trossard, vor De Bruyne stürmte De Ketelaere.

<p>Jérémy Doku in Aktion</p>
Jérémy Doku in Aktion | Foto: Photo News

Doch erst einmal war vor allem die belgische Defensive gefordert. Wie bis dato maximal Ägypten beim 1:1-Auftaktremis zog der Senegal ein Power-Play auf und bewies sofort, warum er als das unangehmste „Los“ aller Gruppendritten galt. Nur unterbrochen von einem Trossard-Schuss setzte sich der Afrikameister (zumindest aus sportlicher Sicht) in der belgischen Hälfte fest – und sorgte für kollektives Herzrasen zwischen Kelmis und Ostende, als Mechele, Castagne und Courtois nacheinnader nicht gut aussahen und der überraschte Sarr den Ball nur an den Pfosten stolperte (14.).

<p>Nationaltrainer Rudi Garcia hatte zur Pause ganz schön viel anzusprechen.</p>
Nationaltrainer Rudi Garcia hatte zur Pause ganz schön viel anzusprechen. | Foto: Photo News

Aus der Distanz feuerte Gana die nächste Rakete ab, den „Löwen von Teranga“ gehörte eindeutig die Anfangsphase – und kurz vor der Trinkpause belohnten sie sich: Sarrs Kopfball flog noch ans Aluminium, Diarra staubte ab (25.). Hochverdient, mehr gab es dazu nicht zu sagen. Die drei Minuten „Hydration Break“ dürften für Rudi Garcia kaum ausgereicht haben, um alle Mängel anzusprechen.

<p>Mitte der ersten Halbzeit fingen sich die Teufel das 0:1.</p>
Mitte der ersten Halbzeit fingen sich die Teufel das 0:1. | Foto: Photo News

Seine Mannen bemühten sich nun um mehr Kontrolle, liefen aber fast in das 0:2 durch den Ex-Münchner Mané (37.). Bis zur Pause und nach einer Flitzer-Unterbrechung bekam Belgien endlich mal besseren Rhythmus in die Partie, Dokus abgefälschter Versuch landete beinahe im westafrikanischen Kasten (43.), De Cuyper zwang Diaw von weitem zu einer Glanzparade (45.) – der Halbzeitpfiff ertönte zum falschen Zeitpunkt.

<p>Erste halbe Stunde, Symbolbild: Belgien geriet ordentlich ins Stolpern.</p>
Erste halbe Stunde, Symbolbild: Belgien geriet ordentlich ins Stolpern. | Foto: Photo News

Sollte die Erlösung einmal mehr von der Bank kommen und den Namen Lukaku tragen? Zum Start in den zweiten Durchgang kam er für den nicht-existenten De Ketelaere. Für zwei Blitzeinschläge hatte der Rekordtorschütze bereits gesorgt, diesmal hatte er noch keinen einzigen Ball berührt, da erhöhte der Senegal auf 2:0. Niakhaté schickte Sarr mit einem überragenden Pass, und der blieb vor Courtois eiskalt (52.).

Ein Tor in exakt derselben Minute wie das zweite von Japan im WM-Achtelfinale fast auf den Tag genau vor acht Jahren. Wieder stand Belgien mit dem Rücken zur Wand, es brauchte ein „Je l´ai dit bordel“ – dabei war TV-Experte Philippe Albert nicht einmal im Stadion von Seattle... De Bruyne und Doku spielten bei einer möglichen Aufholjagd jedenfalls keine Rolle mehr: Beide mussten nach nicht einmal einer Stunde runter. Was für ein Doppelwechsel. Raskin und Lukebakio kamen. Mit dem Wechsel von Vanaken zu Moreira hatte (ein panischer?) Garcia wenig später sein gesamtes Mittelfeld ausgetauscht.

<p>Youri Tielemans und Leandro Trossard bekamen sich in die Haare. Später besorgten sie gemeinsam den späten Ausgleich.</p>
Youri Tielemans und Leandro Trossard bekamen sich in die Haare. Später besorgten sie gemeinsam den späten Ausgleich. | Foto: Photo News

Und dann kam die 69. Minute. Gegen Japan eröffnete Jan Vertonghens Kopfball dort die „Remontada“, diesmal passierte nichts – noch nicht. Proportional zu den Chancen auf den Einzug ins Achtelfinale kippte auch die Stimmung auf dem Platz: Beim Gang in die Trinkpause pflaumten sich Tielemans und Trossard an, schauten sich danach nicht einmal mehr in die Augen. Die Roten Teufel zerfielen – und erstanden doch wieder wie Phönix aus der Asche auf.

Erst traf Lukebakio beinahe per Traumtor (77.), dann war Lukaku doch endlich wieder zur Stelle und brachte die Hoffnung zurück (86.). Und nur Augenblicke das Unglaubliche: Trossard flankte, Tielemans köpfte ein – gibt es ein größeres „Ausgerechnet“? Auf jeden Fall gab es die Verlängerung, wer hätte das rund zehn Minuten zuvor noch für möglich gehalten?

<p>Mister Zuverlässig: Romelu Lukaku brachte die Aufholjagd auf den Weg.</p>
Mister Zuverlässig: Romelu Lukaku brachte die Aufholjagd auf den Weg. | Foto: Photo News

In der passierte erst einmal nicht allzu viel, bis der eingewechselte Lukebakio den Ball freistehend an die Latte setzte. Doch die Teufel erhielten nach langem VAR-Check eine zweite Chance: Im Vorfeld war Tielemans gefoult worden – Elfmeter für Belgien in der 120. Minute! Erst stand Lukaku bereit, dann übernahm Tielemans. Und Captain America schoss die Roten Teufel ins Achtelfinale. Wahnsinn!

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