Nicht nur im Stadion, sondern auch auf der Straße. Prominente tragen sie, Modemarken entdecken sie für sich, Influencer machen sie zum Trend. Das brachte mich zum Schmunzeln. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Fußballtrikots einmal als modisches Statement gelten könnten. Ich trage sie einfach gern. Sie sind bequem und im Sommer oft angenehmer als jedes T-Shirt. Über die Jahre ist eine kleine Sammlung zusammengekommen. Die meisten Stücke tragen das Weiß von Real Madrid – von den 80er-Jahren bis heute. Viele davon habe ich nicht einfach im Internet bestellt, sondern direkt im „Real Store“ des Bernabéu-Stadions gekauft. Günstiger wird es dadurch sicherlich nicht, doch für manche Dinge schämt man sich nur kurz. Real Madrid ist eben der beste Verein der Welt, auch wenn der Klub das zuletzt nicht immer gezeigt hat. Daneben gehören auch Trikots von Schalke 04 zur Sammlung. Der Trophäenschrank in Gelsenkirchen ist nicht ganz so prall gefüllt wie der von Real Madrid. Aber wer Fußball nur an Meisterschaften und Tabellenplätzen misst, hat das Prinzip Fansein ohnehin nicht verstanden.

Und Fußball hört beileibe nicht an Vereinsgrenzen auf. Gerade während einer Weltmeisterschaft greife ich gerne zu Nationaltrikots. Da ist das klassische England-Shirt der WM 1982. Dazu kommt das legendäre Oranje-Trikot der EM 1988 mit seinem markanten Kachelmuster, das sich bis heute von den einfarbig orangefarbenen Trikots der Niederlande abhebt. Mit diesem Trikot gewann Oranje 1988 seinen einzigen großen Titel. Marco van Bastens Volleyschuss im Finale gegen die damalige UdSSR ist und bleibt für mich der schönste Treffer aller Zeiten. Auch das Portugal-Trikot der EM 2000 um Luís Figo gehört dazu. Die Portugiesen begeisterten damals mit ihrem Offensivfußball ganz Europa, stürmten bis ins Halbfinale und scheiterten dort erst unglücklich an Frankreich. Rechtzeitig zur laufenden WM kam noch das helle Auswärtstrikot Spaniens dazu – schnörkellos und genau nach meinem Geschmack. Bei Trikots zählt nun mal nicht nur die Optik, sondern auch das, was man mit ihnen verbindet.

Dieser Gedanke findet sich auch in der Recherche von „L'Echo“ wieder. Damien Eck, der in Brüssel ein Geschäft für Vintage-Fußballtrikots betreibt, berichtet gegenüber der Zeitung, dass längst nicht mehr nur eingefleischte Fans nach Trikots suchen. Immer häufiger kämen Frauen und junge Leute in seinen Laden. Entscheidend sei oftmals gar nicht mehr nur der Verein, sondern die Geschichte dahinter oder einfach ein Design, das bis heute begeistert. Auch bei der Arbeit trage ich gerne mal ein Fußballtrikot, solange keine Interviews, Termine oder Pressekonferenzen anstehen. Aber wer weiß? Wenn die Erkenntnisse aus der Recherche von „L'Echo“ stimmen, muss ich meine Garderobe schon bald gar nicht mehr umstellen. Vielleicht sitze ich irgendwann im Real-Trikot vor der DG-Regierung. Modisch wäre dagegen dann wohl kaum noch etwas einzuwenden.
In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.

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