Das hat unweigerlich etwas von einem genervten Elternteil, das dem pubertierenden Nachwuchs die letzten Sekunden zum Zimmeraufräumen diktiert.
Aber bleiben wir fair: Der Grundgedanke hat etwas zutiefst Vernünftiges. Jeder Fußballfan hat schon einmal miterlebt, wie ein Torwart der führenden Mannschaft ab der 89. Minute plötzlich von einer akuten, beinahe rührenden Trägheit befallen wird. Aus einem dynamischen Spitzensport wird dann schlagartig eine philosophische Studie über die Schwerkraft. Der Keeper sinkt wie vom Blitz getroffen zu Boden, bleibt liegen, steht meditativ wieder auf, legt den Ball hin, überlegt es sich anders, nimmt ihn wieder auf und prüft erst einmal ausgiebig die Windrichtung. In solchen Momenten wird Zeitschinden zur Kunstform. Und wer ehrlich ist: Es sind genau diese Szenen, die selbst Fans der führenden Mannschaft nur schwer als Beitrag zur Schönheit des Spiels verkaufen können.

Aber: Warum ausgerechnet acht Sekunden? Und warum bricht ausgerechnet hier die helle Panik vor dem Sekundenzeiger aus? Der Fußball pflegte jahrzehntelang ein bemerkenswert entspanntes, fast schon romantisches Verhältnis zur Zeit. Anders als beim Basketball oder Handball tickt die Uhr einfach unbarmherzig weiter. Die Zeit vergeht mal schnell, mal langsam, mal linear, mal kreativ.
Und plötzlich wird auf dem Rasen gezählt wie beim Boxen nach einem Knockout.
Während der Torwart also mit der Stoppuhr im Nacken den Ball abschlagen muss, herrscht an anderer Stelle weiterhin eine bemerkenswerte Gelassenheit gegenüber dem Faktor Zeit.
Irgendwo in einem klimatisierten Raum wird minutenlang im Millimeterbereich eine kalibrierte Linie verschoben, um ein Zehenspitzen-Abseits ausfindig zu machen. Auf dem Platz stehen derweil 22 gut bezahlte Profis ratlos in der Gegend herum und versuchen, die Zeit totzuschlagen, die an anderer Stelle so vehement gerettet werden soll. Dort zählt kein Schiedsrichter laut mit. Niemand hebt warnend die Finger. Niemand ruft: „Noch zwei Sekunden Jungs, dann müsst ihr euch entschieden haben!“
Die Zeit im Fußball ist eben relativ. Sie vergeht unterschiedlich schnell, je nachdem, wer sie gerade verbraucht.
Der Torwart ist dabei zum Falschparker unter den Zeitsündern geworden: ein Ärgernis, gewiss. Aber während er für ein paar Sekunden Behinderung das Knöllchen bekommt, staut sich nebenan der gesamte Spielbetrieb vor einer Baustellenampel, die partout nicht auf Grün springen will. Natürlich ist das nicht ganz dasselbe. Der Torwart entscheidet bewusst über jede Sekunde, die er verstreichen lässt. Die anderen Verzögerungen entstehen oft aus dem ehrlichen Bemühen um Fairness. Aber gerade deshalb wirkt die neue Regel so bemerkenswert: Nicht weil sie falsch wäre, sondern weil sie ausgerechnet dort mit der Stoppuhr anrückt, wo das Problem vergleichsweise überschaubar erscheint.
Es regiert die Vermessung. Der moderne Fußball liebt es, alles in Zahlen zu gießen: Laufwege, Passquoten, „Expected Goals“ und nun eben die Verweildauer des Leders im Torwarthandschuh. Vielleicht ist das der Preis der Gerechtigkeit. Vielleicht ist es aber auch nur der nächste Versuch, einem Spiel seine wunderbare Unberechenbarkeit auszutreiben.
Acht Sekunden sind eben eine Ewigkeit, wenn man den Ball in der Hand hält. Und ein Wimpernschlag, wenn im Kölner Keller von Dallas nach einer kalibrierten Linie gesucht wird.
In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.

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