Erinnerung an die „Schande von Gijón“: Der neue WM-Modus enthält einen Konstruktionsfehler

<p>Algerische Fans zeigen während des WM-Spiels Deutschland gegen Österreich am 25. Juni 1982 Geldscheine. Die „Schande von Gijón“ führte dazu, dass die letzten Gruppenspiele bei Weltmeisterschaften seit 1986 zeitgleich ausgetragen werden.</p>
Algerische Fans zeigen während des WM-Spiels Deutschland gegen Österreich am 25. Juni 1982 Geldscheine. Die „Schande von Gijón“ führte dazu, dass die letzten Gruppenspiele bei Weltmeisterschaften seit 1986 zeitgleich ausgetragen werden. | Foto: Wolfgang Weihs/dpa

Ausgerechnet Österreich und Algerien stehen sich dabei gegenüber. Die Ironie der Geschichte könnte kaum größer sein. Beide Mannschaften wissen vor ihrem Duell am Sonntagmorgen genau, welches Ergebnis zum Weiterkommen reicht – ja sogar, welcher Gegner in der K.o.-Runde wartet.

Vielleicht wird Kansas City ein ganz normales Fußballspiel. Doch darum geht es nicht. Die eigentliche Frage lautet: Warum schafft die FIFA schon wieder einen Modus, der über Wunschgegner, Rechenspiele und Absprachen diskutieren lässt? Die Erinnerungen führen zurück zur WM 1982 in Spanien. Dort nahm einer der größten Skandale des internationalen Fußballs seinen Lauf. Dabei beginnt alles wie ein Märchen: Algerien nimmt erstmals an einer Weltmeisterschaft teil und trifft in der Vorrunde auf Deutschland, Österreich und Chile. Der Außenseiter überrascht mit einem sensationellen 2:1 gegen Deutschland, verliert dann 0:2 gegen Österreich, wahrt aber mit einem 3:2-Sieg gegen Chile die Chance auf die zweite Finalrunde. Weil Algerien seine Partien bereits absolviert hat, muss die Mannschaft tatenlos zusehen. Deutschland und Österreich wissen vor ihrem direkten Duell genau, welches Ergebnis beide weiterbringt: Ein deutscher Sieg mit einem oder zwei Toren Unterschied reicht beiden.

Nach elf Minuten trifft Horst Hrubesch zum 1:0. Die folgenden rund 80 Minuten gehen als „Schande von Gijón“ in die Fußballgeschichte ein. Deutschland stellt jeden Offensivdrang ein, Österreich ebenfalls. Der Ball wandert ohne Tempo und ohne Risiko durch die eigenen Reihen. Angriffe werden eingestellt, Torchancen gar nicht erst gesucht. Das Ergebnis wird nur noch über die Zeit gebracht. Die Empörung ist gewaltig. Der legendäre ORF-Kommentator Edi Finger spricht von der „größten Verbrüderung zwischen Deutschland und Österreich seit März 1938“. Die spanische Zeitung „El Comercio“ behandelt die Begegnung im Polizeibericht, als wäre sie ein Verbrechen gewesen. Tatsächlich wird kein Regelwerk verletzt, der Geist des Sports dagegen sehr wohl. Die FIFA zieht danach Konsequenzen. Seit der WM 1986 werden die letzten Gruppenspiele zeitgleich angepfiffen. Das Problem schien damit gelöst.

Doch mit der auf 48 Mannschaften aufgeblähten WM zeigen sich neue Schwächen. Weil auch die acht besten Gruppendritten weiterkommen und die möglichen Gegner schon vor dem letzten Gruppenduell feststehen, entsteht ausgerechnet bei Österreich gegen Algerien wieder eine Konstellation, die an 1982 erinnert. Ein Unentschieden kann beiden helfen, eine Niederlage kann unter Umständen sogar den günstigeren Gegner bringen. Ein guter Wettbewerb darf Mannschaften gar nicht erst in Versuchung führen. Darin liegt der eigentliche Konstruktionsfehler: Die FIFA hat 44 Jahre nach der „Schande von Gijón“ wieder einen Modus geschaffen, der solche Diskussionen möglich macht.


In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der WM auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.

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