Portugal wartet vergeblich auf Cristiano Ronaldo

<p>Für Superstar Cristiano Ronaldo könnte die letzte größte Herausforderung seiner Karriere nicht mehr auf dem Platz liegen, sondern in der Frage, wann eine Legende Platz für die nächste Generation macht.</p>
Für Superstar Cristiano Ronaldo könnte die letzte größte Herausforderung seiner Karriere nicht mehr auf dem Platz liegen, sondern in der Frage, wann eine Legende Platz für die nächste Generation macht. | Foto: Photo News

Schon bei der WM 2022 wurde er auf die Bank gesetzt. Sein Ersatz Gonçalo Ramos erzielte im Achtelfinale beim 6:1 gegen die Schweiz drei Tore. Die Botschaft war eindeutig: Portugal verfügt längst über genügend Qualität, um auch ohne seinen Superstar erfolgreich zu sein. Die Diskussion begleitete auch die EM 2024 und ist nie ganz verstummt.

Nach dem WM-Auftaktspiel gegen den Kongo ist sie mit voller Wucht zurück. Kein Schuss auf das Tor, kaum Einfluss auf das Spiel, kaum Dynamik. Selbst die Kongolesen gaben hinterher zu verstehen, dass es keiner besonderen Bewachung bedurfte. Aus einer Legende wird über Nacht vielleicht keine Lachnummer. Aber sein Name wirkt inzwischen größer als seine Leistungen auf dem Platz.

Es fällt schwer, sich Cristiano Ronaldo auf der Bank vorzustellen. Als Portugal-Fan möchte man, dass er noch einmal den Unterschied macht, noch einmal ein Spiel entscheidet und noch einmal seinen legendären „Siuuu“-Jubel auspackt. Doch die größte Gefahr für sein Vermächtnis sind nicht seine Kritiker, sondern die Bilder, die er selbst produziert. Dass Ronaldo weitermachen will, ist verständlich. Große Sportler finden selten selbst den richtigen Zeitpunkt für den Abschied. Die Verantwortung liegt bei Trainer und Verband. Eine Nationalmannschaft ist kein Museum für große Namen. Portugal fehlt seit Jahren der Mut zu einer Entscheidung, die sportlich längst überfällig ist. Die Geschichte erinnert an Captain Ahab aus Herman Melvilles Roman „Moby Dick“. Besessen jagt er dem einen Ziel hinterher, das ihm noch fehlt. Ronaldos Moby Dick ist der WM-Titel. Die Gefahr besteht, dass Portugal auf dieser Reise mitgezogen wird, obwohl längst unklar ist, ob sie noch in die richtige Richtung führt. Natürlich wäre es eine schöne Geschichte, wenn „CR7“ nun im nächsten Spiel am Dienstag gegen Usbekistan aufläuft, trifft und es damit allen zeigt. Doch diese Geschichte erzählt sich Portugal seit Jahren. Sein Stammplatz lebt inzwischen mehr vom Mythos als von dem, was er auf dem Platz zeigt. Deshalb gehört Ronaldo auf die Bank. Manchmal zeigt sich Größe nicht im Weitermachen, sondern im Loslassen.


In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.

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