Die knallharten Fragen an Mauricio Pochettino kamen diesmal von einem blauen Pelzmonster. Grobi aus der Sesamstraße hatte sich als Reporter ins Camp der US-Fußballer geschlichen, um ihrem Trainer auf den Zahn zu fühlen. Ob er schon versucht habe, sein Team mit Snacks für die WM-Mission zu motivieren, wollte das zottelige Plüschtier wissen. Vielleicht mit Schokokuchen?
Pochettino spielte zwar schmunzelnd mit, aber der Argentinier setzt lieber auf markige Ansagen, um seine Spieler heiß zu machen. „Donald Trump hat mich kürzlich gefragt, ob wir Weltmeister werden können. Ich habe geantwortet: 'Natürlich, Mr. President'“, sagte Pochettino vor dem WM-Auftakt am Freitag (21 Uhr) in Los Angeles gegen Paraguay. „Beim Nationalteam haben wir eins im Kopf: Wir wollen die WM gewinnen. Warum nicht?“, schob er bei BeIn Sports nach.
Worte, an denen sich der Gastgeber messen lassen muss. Doch so ist die Mentalität im Land von NBA, NFL und NHL sowie des Olympiasiegers im Basketball und Eishockey. „Es ist erstaunlich, wie viele Amerikaner mich fragen: Haben wir eine Chance?“, berichtete Englands Fußball-Ikone Gary Lineker bei The Athletic. „Ich antworte dann: Nein, ihr habt null Chancen auf den Titel - das ist unmöglich, denn ihr habt noch nicht die richtigen Spieler.“
Da gäbe es zwar den Ex-Dortmunder Vorzeigeprofi Christian Pulisic von der AC Mailand. Doch auch er weiß: Ein „LeBron James of Soccer“, wie Pulisic gelegentlich bezeichnet wurde, ist er nicht. Erklären lässt sich dieser allgemeine Mangel an US-Superstars mit den Strukturen. Während Colleges mit ihren Elite-Programmen die Profiklubs der NBA oder NFL jährlich mit Talenten versorgen, läuft es im Fußball anders.
„Der Jugendfußball in diesem Land ist ein Desaster. Du hast diese Jugendvereine, die verrückte Gebühren verlangen, es geht nur ums Gewinnen. Die Kinder werden vernachlässigt“, sagte US-Rekordtorschütze Landon Donovan in der Rich Eisen Show: „Und jetzt sehen wir die Früchte dessen.“ Bis heute ist der Viertelfinaleinzug 2002 das beste WM-Ergebnis der USA in der modernen Fußball-Ära. 1930, bei der ersten WM, hatten die Vereinigten Staaten im Halbfinale gestanden.
Zwar lockt die Major League Soccer (MLS) mit Stars wie Lionel Messi oder Thomas Müller mehr Zuschauer als in der Vergangenheit in die Arenen und vor den Fernseher. Zumindest im Vergleich zu den schwierigen Anfängen in den Neunzigerjahren, als die Liga den kurzen Hype durch die WM 1994 nicht nachhaltig in die Stadien übersetzt bekam. Und doch kann der „Soccer made in USA“ auch nach 30 Jahren MLS nicht mit dem Fußball-Kernmarkt Europa mithalten.
„Fußball gewinnt dort zwar an Beliebtheit, ist aber immer noch eine Randsportart“, sagte Lineker. Entsprechend war das erste WM-Spiel gegen Paraguay zuletzt noch nicht ausverkauft. Pochettino gibt derweil alles, um die Menschen für seine Mannschaft zu begeistern. Bei einem Training zu Wochenbeginn griff er gar persönlich zum Mikrofon und heizte den 5500 Fans mit „USA, USA“-Rufen ein. Zumindest hat er es nicht mit Schokokuchen versucht. (sid/tf)

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