„Vor allem jene Studenten, die aus finanziellen Gründen arbeiten müssen, geraten in ein gefährliches Paradox: Sie brauchen den Job, um ihr Studium zu finanzieren, haben wegen der hohen Arbeitsbelastung aber immer weniger Zeit zum Lernen“, erklärt die progressive Denkfabrik Minerva unter Berufung auf eine aktuelle Untersuchung des Brussels Institute for Social and Population Studies (Brispo).
Für die Studie wurden die Antworten von 3.433 Studenten ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass Studentenarbeit in Belgien in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Begünstigt wird diese Entwicklung auch durch die jüngste Anhebung der zulässigen Arbeitszeit für Studenten auf 650 Stunden pro Jahr.
Die Mehrheit der Befragten gab an, vorrangig für Freizeitaktivitäten oder zum Sparen zu arbeiten. Gleichzeitig erklärten vier von zehn Studenten, dass sie mit ihrem Einkommen sich selbst oder ihre Familie finanziell unterstützen. Drei von zehn arbeiten vorwiegend, um die Kosten ihres Studiums zu decken.
Besonders betroffen sind Studenten aus sozial schwächeren Verhältnissen, Menschen mit Migrationshintergrund, ältere Studenten sowie jene, die alleine wohnen. Sie arbeiten im Durchschnitt deutlich mehr Stunden als andere Studierende. So kommen Studenten belgischer Herkunft laut der Studie auf durchschnittlich 15 Arbeitsstunden pro Woche. Bei Studenten aus Nicht-EU-Ländern sind es im Schnitt sogar 21 Stunden.
Gerade diese Gruppe berichtet häufiger von einem Konflikt zwischen Studium und Arbeit. Wer arbeiten müsse, um sein Studium zu finanzieren, gefährde durch den hohen Zeitaufwand oft genau dieses Studium, so die Forscher.
Hinzu kommt, dass die meisten Studentenjobs nur wenig mit dem eigentlichen Studienfach zu tun haben. Lediglich ein Viertel der arbeitenden Studenten kann im Job Kenntnisse oder Fähigkeiten einsetzen, die im Hochschulstudium vermittelt werden.
Studenten, die aus finanzieller Not arbeiten, berichten zudem häufiger von schlechten Arbeitsbedingungen. Sie sehen sich öfter mit unfreundlichen Kunden, Vorurteilen, hoher körperlicher Belastung, verbaler Gewalt oder unerwünschten sexuellen Annäherungen konfrontiert. Auch die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust ist in dieser Gruppe stärker ausgeprägt.
Die Forscher ziehen daher ein klares Fazit: Eine intensive Erwerbstätigkeit neben dem Studium birgt erhebliche Risiken – insbesondere für Studenten mit einem ohnehin verletzlichen sozioökonomischen Hintergrund. Die dauerhafte Ausweitung auf 650 Arbeitsstunden pro Jahr erhöhe den Druck auf das psychische Wohlbefinden und die Bildungschancen vieler junger Menschen.
Als Gegenmaßnahme empfehlen die Wissenschaftler, finanzielle Hürden im Hochschulbereich abzubauen und Studenten weniger abhängig von Erwerbsarbeit zu machen. Zudem müsse die Finanzierung des Studiums kritisch überprüft werden.
Ferner plädieren die Forscher dafür, Studentenjobs stärker an die jeweiligen Studiengänge anzubinden und den Schutz arbeitender Studenten auszubauen. Nötig sei eine systematische Kontrolle der Arbeitsbedingungen – speziell in Branchen, in denen Studenten besonders häufig beschäftigt werden. (belga/calü)

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