„Der blaue Sack enthält keinen Müll, sondern einen wichtigen Rohstoff, den wir nutzen müssen. Recycling in Europa muss sich wirtschaftlich lohnen. Wenn wir diesen Markt in Europa zum Laufen bringen, Wertschöpfung schaffen und weniger abhängig von Importen werden, dann ist das nicht nur gute Industriepolitik, sondern auch gute Umwelt- und Klimapolitik. Dafür brauchen wir faire Wettbewerbsbedingungen, verlässliche Regeln und einen Markt, in dem sich der Einsatz von Rezyklaten auch wirtschaftlich rechnet“, erklärt Pascal Arimont zum Hintergrund des Besuchs.
„Wer die Kreislaufwirtschaft in Europa stärken will, muss sicherstellen, dass Recyclingunternehmen unter verlässlichen und wettbewerbsfähigen Bedingungen agieren können und Kapazitäten nachhaltig aufgebaut werden. Dazu bedarf es heute einheitlicher Regeln und einer deutlich höheren Planungssicherheit“, ergänzt Claudy Lejeune.
Belgien und Europa verfügten im Recyclingbereich über viel Know-how und starke Unternehmen. Gleichzeitig stehe die Branche unter Druck. Hohe Energiekosten, regulatorische Unsicherheiten, Marktfragmentierung und internationaler Wettbewerbsdruck würden die europäische Kunststoff- und Recyclingwirtschaft belasten. Investitionen würden erschwert, Recyclingkapazitäten gerieten unter Druck.
Die Entwicklung ist längst messbar: Zwischen 2018 und 2022 ist die Kunststoffproduktion in Europa um 13,3 Prozent zurückgegangen, 2023 folgte ein weiterer Rückgang um 8,3 Prozent. Zugleich war 2024 das Jahr mit dem schwächsten Wachstum der Recyclingkapazitäten seit Jahren. In mehreren Mitgliedstaaten kam es zu Betriebsschließungen. Bis Ende 2025 sollen dadurch im Vergleich zu 2023 fast eine Million Tonnen jährliche Recyclingkapazität verloren gegangen sein.
Hinzu komme eine wachsende Preisschere zwischen Primärkunststoffen und Recyclingmaterial. Europäische Recycler konkurrieren mit günstiger Neuware auf dem Weltmarkt, tragen selbst aber hohe Kosten für Sammlung, Sortierung, Verarbeitung und Nachweisführung. Ist Neuware billiger und bleibt die Nachfrage nach Rezyklaten unsicher, geraten Absatz, Investitionen und Recyclingkapazitäten weiter unter Druck, so Arimont. In der Branche wachse deshalb die Forderung nach faireren Wettbewerbsbedingungen gegenüber Importen und nach einer besseren Absicherung des europäischen Rezyklatemarkts.
Auch wirtschaftlich seien die Anreize oft widersprüchlich. Im Rahmen der EU-Kunststoffabgabe zahlten die Mitgliedstaaten 800 Euro pro Tonne nicht recycelter Kunststoffverpackungsabfälle. EU-weit würden so jedes Jahr rund sieben Milliarden Euro nach Brüssel fließen. Frankreich habe deshalb ein Bonussystem für den Einsatz von Rezyklaten eingeführt, mit Prämien von 300 bis 800 Euro pro Tonne. Je nach Material und Anwendung seien sogar bis zu 1.000 Euro pro Tonne vorgesehen.
Der Besuch in Evergem habe deutlich gemacht, wo europäische Vorgaben in der Praxis funktionierten und wo politische Rahmenbedingungen verbessert werden müssten. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch der so genannte „Circular Economy Act“, den die Europäische Kommission für September 2026 angekündigt hat. Er soll Hindernisse im Binnenmarkt abbauen, Regeln stärker harmonisieren und den Einsatz recycelter Materialien erleichtern. Ziel sei, dass diese Materialien im europäischen Binnenmarkt stärker als echte Rohstoffe zirkulieren können.
Die Eindrücke des Besuchs bei PreZero in Evergem sollen nun in die weitere politische Arbeit auf europäischer Ebene einfließen.

Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren