Der mächtigste Mann im Iran, der die Islamische Republik Jahrzehnte mit harter Hand geführt hat, ist tot. Wie geht es nach der Tötung von Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei im Iran weiter? Dessen Tod reicht den Angreifern jedenfalls nicht: Die USA und Israel bombardieren weiter Ziele im Iran.
Sie wollen einen nachhaltigen Machtwechsel erreichen. Doch das Herrschaftssystem stellt sich neu auf - und die mächtigen iranischen Revolutionsgarden geloben Vergeltung.
Wie bedeutend war Chamenei für den Iran?
Chamenei hat den modernen Iran in seinen fast vier Jahrzehnten an der Macht seit 1989 geprägt wie niemand sonst. Als oberster Führer hatte Chamenei in allen wichtigen Fragen das letzte Wort, Regierung und Präsident waren ihm untergeordnet. Der schiitische Ajatollah war auch die oberste religiöse Autorität der Islamischen Republik. Unter seiner Führung entwickelten sich die Revolutionsgarden zur führenden Streitmacht des Landes und bauten ihre Auslandseinheit aus. Mit der sogenannten „Widerstandsachse“ setzte Teheran auf verbündete Milizen im Irak, im Jemen, in Syrien, dem Libanon und in den palästinensischen Gebieten. Sie war eine militärische Abschreckung gegen den Erzfeind Israel. Auch das umstrittene Atomprogramm und die Produktion ballistischer Raketen wurden unter Chameneis Führung vorangetrieben.
Was bedeutet sein Tod für den Iran?
Chameneis Tod markiert eine Zäsur für den Iran - eine epochale Veränderung, deren Konsequenzen noch nicht absehbar sind. Die Situation ist im Fluss, nicht zuletzt angesichts der amerikanischen und israelischen Angriffe, die gerade erst begonnen haben. Das Herrschaftssystem der Islamischen Republik ist erschüttert. Aber wankt es oder bricht es gar mittelfristig in sich zusammen? Zumindest letzteres scheint Experten zufolge kurzfristig unwahrscheinlich: Das Herrschaftssystem hat sich in den fast 50 Jahren seit der Revolution massiv gefestigt und kontrolliert über seinen vielschichtigen Sicherheitsapparat das öffentliche Leben mit harter Hand. Die Islamische Republik könne „den Verlust mehrerer Schlüsselfiguren verkraften“, genauso wie mehrtägige Luftangriffe, schrieb etwa Thomas Juneau, Professor an der kanadischen Universität Ottawa, auf der Plattform X. Zudem soll Chamenei nach den israelischen und amerikanischen Angriffen im vergangenen Jahr die Erstellung mehrschichtiger Nachfolgepläne für einen erneuten Kriegsfall angeordnet haben, um ein Machtvakuum zu vermeiden. Solange sich die Nachfolger auf Polizei, Militär, Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen stützen können, um mögliche Proteste zu unterdrücken und es keine Palastrevolte innerhalb der Führungszirkel gibt, dürfte das System Bestand haben.
Wer hat jetzt im Iran das Sagen?
Vorübergehend soll staatlichen Medien zufolge ein Dreier-Gremium die Führung des Landes übernehmen: Präsident Massud Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und ein Jurist des sogenannten Wächterrats. Wer später zum Nachfolger Chameneis ernannt werden soll, ist offen. Spekuliert wurde in der Vergangenheit etwa über Chameneis Sohn Modschtaba, der jedoch wenig in der Öffentlichkeit aufgetreten ist. Unumstritten unter Experten ist jedoch, dass ein neuer Religionsführer zunächst kaum die gleiche Autorität genießen wird wie Chamenei, der das System jahrzehntelang aufgebaut und geleitet hat.
Welche Szenarien gibt es für die weitere Entwicklung?
Aktuell kann niemand mit Gewissheit sagen, wie der Iran in einer Woche, einem Monat oder in einem Jahr aussehen wird. Es gibt jedoch Szenarien, die als mehr oder minder wahrscheinlich gelten. Hier eine Auswahl:
- Kontinuität: Irans Führung stellt sich neu auf, die Sicherheitskräfte unterdrücken mögliche Proteste, Teheran verkraftet die Luftschläge und erhöht mit anhaltenden Gegenschlägen die Kosten für die Angreifer. Dann würden die Staaten in der Region unruhig werden und sich um eine Vermittlungslösung bemühen, meint etwa Iran-Experte Vali Nasr, Professor an der US-Universität Johns Hopkins, auf X. Falls US-Präsident Donald Trump keinen schnellen Sieg vermelden kann, dürfte er nach einem Ausweg suchen, um nicht in einen langen Krieg verstrickt zu werden, so die Argumentation.
- Massenproteste: Schon in der Nacht auf Sonntag kam es Berichten zufolge im Iran angesichts von Chameneis Tod mancherorts zu Freudenfeiern. Ob es isolierte Einzelfälle waren oder verbreiteter Jubel, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Massenproteste im Inland parallel zu den Angriffen aus dem Ausland könnten die neue Führung zusätzlich unter Druck setzen. Die Iraner haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie trotz großer Risiken bereit sind, gegen die Führung der Islamischen Republik zu protestieren. Bislang haben die Sicherheitskräfte, die loyal zur Führung stehen, die Proteste aber immer wieder brutal unterdrückt - zuletzt im Januar, als Tausende getötet wurden. Zudem ist Irans Opposition keine schlagkräftige Organisation, sie ist zersplittert.
- Palastrevolte: Theoretisch könnte im komplexen Herrschaftssystem der Islamischen Republik auch ein Flügel aufbegehren und die Macht an sich reißen, etwa seitens des Militärs oder der mächtigen Revolutionsgarden. Bislang schien die Führungsriege allerdings immer treu zum System der Islamischen Republik zu stehen, Risse waren nicht erkennbar.
- Neues Gesicht, neuer Kurs: Experten zufolge wäre es auch denkbar, dass die USA und Israel ihre Angriffe fortsetzen, bis eine etwas gemäßigtere Person die Führung in Teheran übernimmt und sich auf einen Dialog mit den Angreifern einlässt, insbesondere mit Blick auf das Atomprogramm und die Produktion ballistischer Raketen.
- Schah-Sohn für den Übergang: Der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Persien, Reza Pahlavi, bringt sich als Übergangsführer ins Spiel. Er wolle dem Ruf der Iraner folgen und den Weg hin zu einer neuen Verfassung freimachen, erklärt er. Dann solle es freie Wahlen unter internationaler Aufsicht geben. Pahlavi ist eine der bekanntesten Figuren der Opposition im Exil - wie groß sein Rückhalt im Land tatsächlich ist, ist unklar.
- Regionaler Krieg: Der Iran-Experte Ali Vaez von der Denkfabrik Crisis Group schrieb auf X, Vergeltungsmaßnahmen des Irans würden wahrscheinlich nicht nur direkt, sondern asymmetrisch erfolgen und möglicherweise mehrere Fronten gleichzeitig entfachen. „Wenn die Hisbollah aus dem Libanon heraus voll einsteigt, wenn Milizen US-Stützpunkte im Irak und in Syrien angreifen oder wenn die Huthi im Roten Meer eskalieren, ist dies kein bilateraler Konflikt mehr, sondern ein regionaler Krieg, der sich über den gesamten Nahen Osten ausbreitet.“ Falls der Iran die Straße von Hormus, durch die ein bedeutender Teil der globalen Ölversorgung fließt, blockieren sollte, würde auch die Weltwirtschaft unter Druck geraten. Ein Anstieg der Energiepreise wäre in dem Szenario kaum zu vermeiden.
Wie ist die Lage im Iran aktuell?
Abgesehen von offiziellen Mitteilungen dringen nur wenige Informationen nach außen. Die Behörden verhängten eine Internetsperre. Die auf Netzsperren spezialisierte Organisation Netblocks berichtete, es sei ein „fast vollständiger Internetausfall“. Es gab aus dem Land nach der Bestätigung von Chameneis Tod Berichte über Freudenfeiern und Trauer. Angesichts anhaltender Angriffe war es aber zunächst schwer, ein genaueres Bild der Lage zu bekommen. Augenzeugen berichteten am Samstag per SMS, dass sich in der Millionenmetropole Teheran lange Schlangen an Tankstellen gebildet hätten. Viele Menschen versuchten, die Hauptstadt zu verlassen. Viele Geschäfte waren geschlossen.
Welche Angriffsziele verfolgt Israel?
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu begründet die Angriffe auf den Iran mit dem Schutz vor einer existenziellen Bedrohung durch Teheran. Gemeint ist damit Irans Atom- und Raketenprogramm. Es dürfe „nicht zugelassen werden, dass sich das mörderische Terrorregime mit Atomwaffen ausrüstet, die es ihm ermöglichen würden, die gesamte Menschheit zu bedrohen“, sagte Netanjahu.
Was ist das Ziel der USA?
US-Präsident Trump will nach eigenen Angaben Amerikanerinnen und Amerikaner verteidigen - vor einer Bedrohung durch die iranische Führung. Er zielte zudem in einer Videobotschaft auf das iranische Atomprogramm ab: „Sie dürfen nie eine Atomwaffe besitzen.“ Zudem ermutigte Trump die Iraner zu einem Machtwechsel. „Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen“, sagte er. „Das wird wahrscheinlich für Generationen eure einzige Chance sein.“ Er fügte hinzu: „Wenn wir fertig sind, übernehmt eure Regierung.“ Er forderte die Revolutionsgarden, Streitkräfte und auch Polizei auf, ihre Waffen niederzulegen.
Warum haben sich USA und Israel jetzt zu Angriff entschlossen?
Die Verhandlungen in Genf über das iranische Atomprogramm brachten bislang keinen Durchbruch. Die USA zogen in den vergangenen Wochen massiv Marine- und Luftstreitkräfte im Persischen Golf zusammen. Trump hatte Teheran ein Ultimatum bis Anfang März gestellt. (dpa/sc)

Kommentare
Was ist das Ziel der USA?
Der Chefredakteur des Spiegel, Dirk Kurbjuweit, schreibt heute in seiner Rubrik die Lage am Sonntag:
“Der Angriff auf Iran legt endgültig offen, welches Projekt US-Präsident Trump verfolgt: Es heißt Regime change, Regimewechsel, es gilt national wie international und hat verschiedene Ausprägungen in der Brutalität und Konsequenz. Völkerrecht und Verfassung spielen dabei kaum eine Rolle. Aber was ist die Linie, die alles verbindet?
Die Liste der Projekte, die sich unter dem Begriff Regimewechsel einordnen lassen, ist nach nur 13 Monaten Amtszeit erschreckend lang:
In Iran will Trump mit Bombern und Raketen die Mullahs stürzen und das Atomprogramm beenden.
In Venezuela ließ er den Präsidenten entführen und möchte sich Zugriff auf die Ölförderung verschaffen.
Grönland will er den USA einverleiben.
Die liberalen Demokratien in Europa will er unterminieren, indem er rechtsnationale Parteien unterstützen lässt.
Die EU will er spalten, indem er einen Autokraten wie Viktor Orbán in Ungarn fördert.
In den USA will er ein autoritäres Regime etablieren.
Zu Trumps Motiven zählen Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen der USA, nicht aber Demokratisierung. Dagegen sprechen vor allem seine Absichten zu Hause und in Europa.
Dem Projekt Regime change fehlt die verbindende Idee, das übergeordnete Ziel. Am ehesten lässt sich seine Politik so beschreiben: Trump versucht sich die Welt so zu bauen, wie er sie haben will. Es ist ein persönliches Projekt, kein staatsmännisches. In dieser Konsequenz gab es das schon lange nicht mehr.”
Vergessen hat Kurbjuweit die Bestrebungen, Kanada zum 51. US-Bundesstaat zu machen und den Nachbarn und Verbündeten zu demütigen und mit Strafzöllen in die Knie zu zwingen. Dennoch bringt er es auf den Punkt.
Es geht Trump weder um Demokratie im Iran noch um die Lage der Menschen dort. Ginge es ihm um das Schicksal von Menschen, würde er mit Blick auf die Situation in der Ukraine und in Russland, mit Putin anders umgehen. Interessant auch die Aussagen von Trump, Hegseth, Noem, Vance und Co. aus den vergangenen Monaten, Jahren und Jahrzehnten zur Interventionspolitik der USA und Regimechange-Bestrebungen ins Gedächtnis zu rufen.
Welch’ ein perfides Schmierentheater, mit dem Potential, den Nahen Osten (und die Welt) weiter zu destabilisieren.
Millionen Iraner können es kaum erwarten, dass etwas gegen das Mullah-Regime unternommen wird, egal was, Hauptsache es passiert irgend etwas.
Millionen Iraner sind in der Geiselhaft dieser islamischen Diktatur, und schreien nach Freiheit.
@Leonard:
Wo bleibt der Protest der Linken gegen das brutale Vorgehen des iranischen Politik gegen das eigene Volk mit abertausenden von Toten? Anstatt Trump zu "verteufeln", sollte das islamische Regime in Teheran als Inbegriff diktatorischer und terroristischer Grausamkeit verurteilt werden!
Um Antwort wird gebeten...
ein beachtlicher Kommentar von D. L.
Dies "america first" ist längst zu einer Hegemonie von Amerika in der Welt geworden.
Dies zeigt schon die 1/3 Erhöhung der bereits beträchtlichen -in der Welt Milliarden über anderen Staaten- Militärausgaben der Vereinigten Staaten.
Dies ändert auch nichts daran, dass Trump sich von Netanjahu an der Nase vorführen lässt. Trump ist ihm nicht gewachsen.
Ihrem Kommentar und der darin geäusserten Meinung kann ich voll und ganz zustimmen
Donald Trump's Motive für seinen Feldzug gegen die Mullahs mögen noch so verwerflich sein, was die Iraner sehr wahrscheinlich selber wissen, aber das wird sie zu Recht nicht daran hindern, ihm schon jetzt, ungeachtet des Ausgangs, dankbar zu sein. Alljene, die den Iranern diese Dankbarkeit übel nehmen, und sogar insgeheim auf ein Scheitern des Regimechange hoffen, sollten sich aufgrund der offen zutage tretenden Heuchelei in Grund und Boden schämen. Denn ihnen ist die nachvollziehbare Abneigung gegen Trump, die ich teile, wichtiger als die Sehnsucht der Iraner nach einem freien Leben in Würde.
"Wie geht es im Iran nach Chameneis Tod weiter?"
So lautet hier die Überschrift.
Eine berechtigte Frage, deren Beantwortung in diesem Stadium des erneuten USA-Israel-Iran-Krieges größtenteils Spekulation sein dürfte.
Dennoch lohnt sich in Rückblick auf frühere ¨ähnliche Operationen der USA.
"Konflikte Vereinigte Staaten von Amerika - Gemischte Bilanz: Regimewechsel durch die USA
(DW 02.03.2026)
Während der Konflikt zwischen dem Iran, den USA und Israel eskaliert, zeigt der Rückblick auf Regimewechsel unter anderem in Libyen, dem Irak, Afghanistan, welche Folgen die Interventionen der USA hatten."
Einfach googeln.
Die drei genannten Beispiele stimmen jedenfalls nicht optimistisch.
Auch nicht, dass kein Szenario bekannt ist, wo allein Luftschläge, also ohne Einsatz von Bodentruppen, ein Regime zu Fall gebracht hätten.
Selbst das Deutsche Reich wurde nicht durch die Bombardierung etwa von Hamburg und Dresden gestürzt.
Kein anderer Staat hat in seiner Geschichte eine ähnlich Latte von verdeckten oder offenen Interventionen in anderen Ländern vorzuweisen, von seiner Gründung bis heute.
"Liste von Militäroperationen der Vereinigten Staaten" (Wikipedia)
Kleine Quizfrage:
Wer sagte das: ""Der Übergang von der Diktatur zur Demokratie wird Zeit brauchen, aber er ist jede Anstrengung wert" ... "Unsere Koalition bleibt so lange, bis unsere Arbeit getan ist. Dann werden wir gehen und einen freien Irak hinterlassen."
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