Aus einem Hubschrauber seilen sich Soldaten ab. Sie springen auf das Deck eines Öltankers, klettern die Treppe empor und stürmen die Brücke. Die Aufnahmen einer Wärmebildkamera werden Anfang Januar auch im russischen Fernsehen gezeigt - und rufen in Moskau gewaltigen Ärger hervor.
Denn zu sehen ist nicht etwa ein erfolgreicher Handstreich russischer Marinesoldaten im bereits vier Jahre währenden Krieg gegen die Ukraine, sondern das Aufbringen des unter russischer Flagge fahrenden Schiffs „Marinera“ im Nordatlantik durch die US-Kriegsmarine.
Aus Washington wird die Aktion mit dem Verstoß gegen Sanktionen begründet. Das Schiff gehöre zu Venezuelas Schattenflotte und sei knapp drei Wochen von der US-Küstenwache verfolgt worden. Die Angaben dazu, in welchem Auftrag der Tanker tatsächlich unterwegs ist, sind widersprüchlich. Zumindest hatte die Besatzung erst wenige Tage zuvor die russische Fahne an die Bordwand gemalt. Moskau entsandte nach Medienangaben zum Schutz ein U-Boot und andere Schiffe als Geleitschutz, die Amerikaner waren freilich schneller.
Es ist nicht der einzige russische Öltanker, der in den vergangenen Wochen festgesetzt wurde. Die zunehmende Jagd auf Russlands Schattenflotte vergrößert die Probleme der Petrolindustrie Moskaus - und damit der gesamten Wirtschaft.
Export nach Indien bereitet Moskau Kopfschmerzen
Russlands Ölexport ist der Internationalen Energie Agentur (IEA) zufolge im Januar um 350.000 Barrel pro Tag im Vergleich zum Vormonat zurückgegangen - trotz Rekordabsätzen in China. Vor allem Indien hat deutlich weniger abgenommen als zuletzt. Im Dezember war es noch mehr als das Doppelte, im Januar 2025 sogar das 3,5-fache der Menge, die die russischen Ölkonzerne nun absetzen konnten. Zum Teil ist dies auch auf das Einfuhrverbot der EU für Benzin zurückzuführen, das aus russischem Rohöl gewonnen wurde.
Während Russlands Außenamtssprecherin Maria Sacharowa beinahe beschwörend erklärte, es gebe keine Anzeichen dafür, dass Delhi die beiderseits nützliche Partnerschaft reduzieren wolle, sind Experten skeptisch: Sergej Frolow, Partner der Consultingagentur NEFT Research, sprach von einem strukturellen Wendepunkt in der russisch-indischen Ölpartnerschaft. Das Geschäftsmodell mit dem Einkauf billigen russischen Rohöls und dem Weiterverkauf von Treibstoff an die EU habe sich überlebt, meint er.
Auch US-Präsident Donald Trump beansprucht seinen Anteil an der Entwicklung. Er hatte Indien wegen des Ölhandels mit Russland unter Druck gesetzt. Anfang Februar erklärte er, Delhi habe sich bereit erklärt, auf russisches Öl zu verzichten. Im Gegenzug setzte er die zuvor erhobenen Strafzölle gegen das Land wieder aus.
Speicher voll, Förderung rückläufig
Für Russland hat dies ernste Konsequenzen. Die Speicher an Land sind voll. Inzwischen werden selbst die Tanker als Lagerraum genutzt. Die Folge: die Förderung ist ebenfalls rückläufig. Im Januar blieb Russland um 300.000 Barrel unterhalb der OPEC+-Förderquote. Neubohrungen nach Ölquellen sind ebenfalls auf einem Tief. Das bedeutet weniger Förderung in Zukunft.
Das wiederum sind schlechte Nachrichten für den russischen Haushalt. Die Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas sind im Januar 2026 auf einen Tiefststand seit der Corona-Pandemie gefallen. Gazprom schreibt nach dem Wegfall des europäischen Markts tiefrote Zahlen.
Nach Angaben des russischen Finanzministeriums sind im Januar 393 Milliarden Rubel (etwas weniger als 4,4 Milliarden Euro) an Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor in den Haushalt geflossen - das sei etwas weniger als die Hälfte des Vorjahresertrags, teilte die Behörde mit. Der Trend hält demnach auch im Februar an.
Russischer Haushalt gerät ins Trudeln
Der Verkauf fossiler Energieträger bildet traditionell das Rückgrat des russischen Etats. Die Ausgaben sind infolge des Kriegs riesig. Rund 180 Milliarden Euro sind für Militär, Rüstung, nationale Sicherheit und Polizeiorgane eingeplant - das entspricht knapp 40 Prozent der Gesamtausgaben.
Das Haushaltsdefizit könnte angesichts der wegbrechenden Einnahmen in diesem Jahr drei bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen, schätzt die Consultingagentur Finam. Anfang 2027 seien womöglich die jahrelang aufgebauten Geldreserven im nationalen Wohlstandsfonds aufgebraucht.
Die Ausgaben für den Krieg, der am 24. Februar in das fünfte Jahr geht, wird Kremlchef Wladimir Putin nicht drücken. Dafür hat das Finanzministerium schon angedeutet, an anderer Stelle sparen zu wollen. Damit dürfte sich die Unwucht der russischen Wirtschaft verstärken. Denn während die Rüstungsindustrie in den vergangenen Jahren dank staatlicher Subventionen und Großaufträge boomte, gibt es in anderen Sektoren schon seit geraumer Zeit Krisenzeichen.
Krisensektoren mehren sich
Kohlebergbau, Bau- und Stahlindustrie seien von zahlreichen Pleiten betroffen, sagte der Chef des Industriellen- und Unternehmerverbandes, Alexander Schochin, jüngst. Auch Auto- und Landmaschinenbau stecken in einer tiefen Krise. Dem Lada-Produzenten Avtovaz half selbst der Rückzug westlicher Produzenten vom russischen Markt nicht, die chinesische Konkurrenz ist erdrückend.
Eigentlich sollte in dieser Phase die Zentralbank der Wirtschaft unter die Arme greifen und den mit 15,5 Prozent immer noch hohen Leitzinssatz senken. Angesichts der Haushaltsprobleme werde die Notenbank aber wohl vorerst keine weiteren Schritte in diese Richtung unternehmen, vermuten Experten. Zumal die Inflation weiter Kopfschmerzen bereitet. Zum Jahresbeginn sind die Preise in Russland wegen der Erhöhung der Mehrwertsteuer - sie soll bei der Kriegsfinanzierung helfen - noch einmal deutlich gestiegen.
Die Aussichten für Wirtschaft und Bevölkerung sind damit alles andere als rosig. Ihnen droht im schlimmsten Fall das Szenario einer Stagflation. Das heißt: die Wirtschaft schwächelt, aber die Preise steigen weiter. Zugleich verliert Russland wegen der Sanktionen bei Hochtechnologien immer weiter den Anschluss. Es ist ein hoher Preis, den das Land für seinen Eroberungskrieg in der Ukraine zahlt. (dpa)

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