Trauer um Weltmeister Mill: Mit großem Herzen und hängenden Stutzen

<p>Frank Mill vom Team Weltmeister '90 im Rahmen des „Spiel der Legenden“ in Leipzig. Die Weltmeister von 1990 hatten das verspätete Vereinigungsspiel zum 20. Jahrestag der deutschen Fußball-Einheit gegen die Auswahl der ehemaligen DDR mit 1:2 verloren.</p>
Frank Mill vom Team Weltmeister '90 im Rahmen des „Spiel der Legenden“ in Leipzig. Die Weltmeister von 1990 hatten das verspätete Vereinigungsspiel zum 20. Jahrestag der deutschen Fußball-Einheit gegen die Auswahl der ehemaligen DDR mit 1:2 verloren. | Foto: dpa

Frank Mill war ein Dribbelkünstler sondergleichen und ein stiller Weltmeister, seine Stutzen hingen so weit unten wie bei sonst niemandem. Und weltweit berühmt wurde er ausgerechnet durch ein Tor, was er spektakulär verpasste. Der „Franky“ war nicht nur ein Kind des Ruhrpotts, sondern auch ein Kind der Bundesliga, ein Original, von dem der deutsche Fußball nun wieder eines weniger besitzt: Am Dienstagmorgen erlag Mill den Folgen eines Herzinfarkts. Er wurde 67 Jahre alt.

„Der ist mit allen Abwassern gewaschen“, sagte einst sein Dortmunder Teamkollege Norbert Dickel über den ausgebufften Angreifer, er meinte es aus tiefstem Herzen nett: Mill war ein feiner Fußballer und ein feiner Kerl, einer, der den Fußball der Essener Straßen in sich und in die Bundesliga trug.

Dort debütierte Mill 1976 für seinen Jugendverein Rot-Weiss Essen als gerade 18-Jähriger, 1996 bestritt er für Fortuna Düsseldorf sein letztes Bundesliga-Spiel. 20 Jahre, 386 Spiele, 123 Tore, für Essen, Gladbach, Dortmund, Düsseldorf – Mill hinterließ Spuren im Fußball-Westen.

„Frank war nicht nur einer der größten Fußballer, die Rot-Weiss Essen je hervorgebracht hat – er war auch ein feiner Mensch: bodenständig, authentisch und voller positiver Energie“, sagte RWE-Vorstand Alexander Rang in einer ersten Würdigung. Und sprach vielen aus dem Herzen.

Mill hätte wohl die Achseln gezuckt. „Auf ewig verewigt – was bedeutet das schon?“, fragte er, als er 1988 das 25.000 Tor der Bundesliga-Geschichte erzielt hatte. Und in der Tat: Es bedeutete Mill nicht allzu viel. In den lauten Achtzigern war er neben vielen Fußball-Alphatieren ein Meister der Zurückhaltung. Was ihn vielleicht die ganz große Karriere kostete.

Er gehörte zwar zur Weltmeister-Mannschaft von 1990, die nun nach dem 2024 verstorbenen Andreas Brehme ihr zweites Mitglied verlor. Einen Einsatz in Italien gönnte ihm Franz Beckenbauer nicht. 17-mal spielte Mill zwischen 1982 und 1990 für Deutschland, nur bei der Heim-EM 1988 durfte er ran, stand im Halbfinale gegen die Niederlande in der Startelf – prompt ging es schief, auch ihm wurde das bittere 1:2 angekreidet.

<p>Die deutschen Weltmeister von 1990 mit Frank Mill stehend als Vierter von links</p>
Die deutschen Weltmeister von 1990 mit Frank Mill stehend als Vierter von links | Foto: dpa

Das blieb hängen, mehr als Olympia-Bronze, das er im gleichen Jahr in Seoul holte. Mill war nicht unbedingt ein Fußball-Glückskind, nahm das aber gleichmütig hin. Auch wenn es manchmal schwer war. So wie nach jenem 9. August 1986.

Am ersten Bundesliga-Spieltag 1986/87 und in seinem ersten Spiel nach dem Wechsel von der Gladbacher zur Dortmunder Borussia umkurvte Mill Bayern-Keeper Jean-Marie Pfaff, doch statt ins große Tor schob er den Ball gegen den schmalen Pfosten. Gäbe es einen Rückblick auf 60 Jahre Bundesliga in nur fünf Szenen – diese gehörte dazu.

„Die nächsten Wochen wurden richtig böse für mich. An jeder Ecke musste ich mich verarschen lassen“, sagte Mill. Das Tor verfolgte ihn weltweit: „Mindestens einmal pro Woche werde ich darauf angesprochen“, berichtete er 2013: „Die Szene werde ich nie abschütteln können.“ Die BVB-Fans hatten ihren Franky dennoch lieb – spätestens seit dem DFB-Pokal-Sieg 1989.

In Düsseldorf ließ Mill seine Karriere ausklingen, bei der Fortuna wurde er danach kurzzeitig und glücklos Manager. Danach zog sich Mill vom großen Fußball zurück, blieb aufmerksamer und beliebter Beobachter. Im Mai 2025 erlitt Mill in Mailand einen schweren Herzinfarkt. Er kämpfte, wie einst auf dem Platz als Hängesocke ohne Schienbeinschoner, verbissen. Am Dienstag verlor er den Kampf. (sid/tf)

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