Wie entfesselt stürmte Tadej Pogacar mit Rivale Jonas Vingegaard im Windschatten die steile Rampe von Saint-Hilaire hinauf, dann rauschte der Ausnahmekönner in einem packenden Finale im Stile eines Sprinters zu seinem Jubiläumssieg. Der slowenische Titelverteidiger hat bereits am vierten Tag der 112. Tour de France mit seinem 100. Karriere-Erfolg eine eindrucksvolle Machtdemonstration gezeigt, auch wenn das Gelbe Trikot im Sekundenkampf mit Klassiker-Spezialist Mathieu van der Poel noch warten muss.
Der Straßenrad-Weltmeister siegte nach 174,2 Kilometer von Amiens nach Rouen in der Heimat des fünfmaligen Tour-Siegers Jacques Anquetil vor van der Poel und Vingegaard. Damit liegt er nun gleichauf mit van der Poel, der aber weiter in Gelb bleibt. Für Pogacar ist es bereits der 18. Tour-Etappensieg seiner Karriere - diesmal gewann er im Regenbogen-Trikot des Weltmeisters.
Pogacar wieder in einer eigenen Liga: „100 Siege sind toll. Ich bin super glücklich und stolz.“
„Bei der Tour zu gewinnen, ist unglaublich, in dem Trikot umso mehr. 100 Siege sind toll. Ich bin super glücklich und stolz“, sagte Pogacar und fügte hinzu: „Alle waren am Limit. Ich habe am letzten Anstieg attackiert, Jonas ist mir gefolgt, und alles kam wieder zusammen. Mit so vielen guten Fahrern weiß man nie, was passiert.“ Pogacar fuhr am Dienstag mal wieder in einer eigenen Liga. Seinen explosiven Attacken konnte am bis zu 16 Prozent steilen letzten Anstieg nur Jonas Vingegaard folgen. Danach nahmen die beiden Topstars aber das Tempo raus, so dass es zum Sprint kam. Pogacar hat damit in der Gesamtwertung dank der Zeitgutschriften einen kleinen Vorsprung von acht Sekunden auf seinen dänischen Rivalen herausgeholt.
Das erste Kletter-Duell der Tour-Favoriten lieferte aber einen Vorgeschmack auf die langen Bergpässe in den Pyrenäen und Alpen. Vingegaard, der nach eigener Aussage in der besten Form seiner Karriere ist, bietet sich aber schon am Mittwoch beim Einzelzeitfahren über 33 Kilometer in Caen die Chance, das Blatt zu wenden. „Morgen ist der richtige Test. Wir kämpfen um das Gelbe Trikot“, sagte Pogacar schon mit Blick auf die nächste Herausforderung.
Der am Dienstag insgesamt gut aufgelegte Remco Evenepoel musste beim letzten Anstieg und mitten in der Pogacar-Show abreißen lassen und verlor drei Sekunden auf den überragenden Slowenen – seine Vorstellung machte trotzdem Hoffnung auf den dritten belgischen Etappensieg beim Einzelzeitfahren am Mittwoch.
„Fortschritt“: Van Aert mit erstem Ausrufezeichen
Der Rückstand auf Pogacar beträgt zur Mitte der ersten Woche 58 Sekunden. „Nicht unmöglich“, so Evenepoel. Ein erstes Ausrufezeichen setzte auch der bislang eher unauffällige Wout van Aert mit einer insgesamt bärenstarken Teamleistung von Visma - Lease a bike. Seite an Seite mit Victor Campenaerts riss er das Feld kurz vor dem Finale auseinander. Auf dem letzten Anstieg musste auch van Aert die Konkurrenz auf Platz elf ziehen lassen, freut sich aber darüber, sich „etwas besser“ zu fühlen. „Ich konnte das Finale fahren, das ist ein Fortschritt“, sagte er.

Im Gegensatz zum Vortag dominierten die sportlichen Schlagzeilen das Geschehen, auch wenn das Peloton auch am Dienstag nicht von weiteren Stürzen verschont blieb. Auf der vierten Etappe mussten sich die Sprinter zurücknehmen, dafür war das Finale mit je zwei Anstiegen der dritten und vierten Kategorie zu steil. Spannung garantiert auch die fünfte Etappe beim Kampf gegen die Uhr. Wenn der Tour-Patron überhaupt eine Schwäche hat, dann wohl im Einzelzeitfahren. Bei der Dauphiné-Rundfahrt hatte Pogacar zuletzt 28 Sekunden auf Vingegaard und 48 Sekunden auf Remco Evenepoel verloren. (mn/sid)

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