Zwischen den Erzfeinden Israel und Iran ist auch am zweiten Tag nach Beginn des Krieges keine Deeskalation in Sicht. Israel wurde nach Angaben der Streitkräfte im Morgengrauen erneut mit Raketen und Drohnen angegriffen. Auch in Irans Hauptstadt Teheran war in der Nacht Berichten zufolge wieder die Luftabwehr aktiv. Augenzeugen und örtliche Medien meldeten Explosionen im Zentrum und Nordosten der Millionenstadt.
In Israel kamen infolge der erneuten Raketenangriffe der Islamischen Republik Medienberichten zufolge drei Menschen ums Leben. Dutzende weitere hätten teils schwere Verletzungen erlitten, meldete die „Times of Israel“ am Morgen. Die meisten Raketen seien laut einem Militärsprecher abgefangen worden. Die USA helfen laut unbestätigten Medienberichten Israel bei der Raketenabwehr.
Explosionen im Raum Tel Aviv
Im Zentrum des Landes, darunter im Raum Tel Aviv, habe es jedoch Einschläge gegeben, teils seien Trümmer abgefangener Geschosse zu Boden gestürzt, berichtete die Zeitung. Mehrere Gebäude sind stark beschädigt. Am Morgen meldete die Armee einen erneuten Angriff aus dem Iran mit Drohnen. Die Luftabwehr sei aktiviert. Erneut heulten zuvor in mehreren Gebieten die Sirenen. Die Angriffe auf Ziele im Iran würden fortgesetzt, teilte die Armee mit.
Irans Attacken sind eine Antwort auf den Großangriff, den Israel in der Nacht auf Freitag gestartet hatte. Dabei wurden nach offiziellen iranischen Angaben Dutzende Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt. Die meisten Opfer seien Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, sagte Irans UN-Botschafter Amir Saeid Iravani vor dem UN-Sicherheitsrat in New York.
Israels Verteidigungsminister: Iran hat rote Linie überschritten
Der Iran habe mit Angriffen auf zivile Ziele eine rote Linie überschritten und werde einen „sehr hohen Preis“ zahlen, drohte Israels Verteidigungsminister Israel Katz. Ein ranghoher israelischer Sicherheitsbeamter wurde in heimischen Medien mit der Aussage zitiert, Israel werde iranische Öl-Anlagen ins Visier nehmen, wenn der Iran Bevölkerungszentren in Israel angreifen sollte.
Der Iran reagierte umgehend auf die Drohungen: Dann würden wichtige Wirtschafts- und Energiezentren in Israel „sofort und weitaus zerstörerischer und verheerender“ angegriffen, schrieb die als Sprachrohr der iranischen Elitestreitkräfte bekannte Nachrichtenagentur Fars. Zuvor hatte bereits Irans Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei auf X geschrieben: „Die Streitkräfte der Islamischen Republik werden diesem verruchten zionistischen Feind gewiss vernichtende Schläge versetzen.“
IAEA: Anlage für Uran-Anreichung teilweise zerstört
Israel ist die einzige Atommacht in der Region und nahm vor allem Irans Atomprogramm ins Visier. Getroffen wurden nach israelischen Angaben mehr als 100 Ziele unter anderem in den Millionenstädten Teheran, Tabris und Schiras sowie die Uran-Anreicherungsanlage Natans.
Der oberirdische Teil der Anlage in Natans, in der Uran auf bis zu 60 Prozent angereichert werde, sei zerstört worden, sagte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, im UN-Sicherheitsrat. Für Kernwaffen wird ein Reinheitsgrad von gut 90 Prozent benötigt.
Der Iran habe zudem mitgeteilt, dass auch die Atomanlagen in Isfahan und Fordo angegriffen worden seien, sagte Grossi. Bisher verfüge die IAEA aber nur über Informationen, dass es militärische Aktivitäten rund um diese Anlagen gegeben habe. Zu möglichen Schäden gebe es noch keine Erkenntnisse.
Führende iranische Militärs getötet
Laut iranischen Angaben wurden zudem führende Köpfe des eigenen Militärs getötet, darunter der Kommandeur der mächtigen Revolutionsgarden, Hussein Salami, der Generalstabschef Mohammed Bagheri und der Kommandeur der Luftstreitkräfte der Revolutionsgarden, Brigadegeneral Amir Ali Hadschisadeh.
Zudem wurden iranischen Berichten zufolge mindestens sechs führende Wissenschaftler und Professoren aus den Bereichen Nuklearforschung und Physik bei Angriffen auf ihre Wohnungen in Teheran getötet.
UN-Chef fordert Ende der gegenseitigen Angriffe
UN-Generalsekretär António Guterres rief beide Länder eindringlich zur Deeskalation auf. „Israelische Bombardierung iranischer Nuklearanlagen. Iranische Raketenangriffe auf Tel Aviv. Genug der Eskalation“, schrieb er auf X. Frieden und Diplomatie müssten sich durchsetzen.
Danach sieht es jedoch derzeit nicht aus. Ein ranghoher iranischer Beamter sagte dem US-Sender CNN, der Iran werde seine Angriffe auf Israel verstärken und die regionalen Stützpunkte aller Länder ins Visier nehmen, die Israel verteidigen.
Warnung vor Flächenbrand
„Noch nie war die Region so nah an einem ausgewachsenen Flächenbrand wie jetzt“, sagte Ali Vaez, Leiter der Iran-Abteilung beim Thinktank International Crisis Group, dem arabischen Sender Al-Dschasira. Zwar sei unklar, wie viele Waffen und Verteidigungssysteme ihres Erzfeindes die Israelis zerstört hätten. Der Iran verfüge aber definitiv weiterhin über Angriffspotenzial - und habe nicht nur eines der am weitesten entwickelten und umfangreichsten Arsenale von Marschflugkörpern im Nahen Osten, sondern auch starke Verbündete in der Region wie die Huthi-Miliz im Jemen.
Auch die palästinensische Terrororganisation Hamas und die libanesische Hisbollah-Miliz werden maßgeblich von Teheran unterstützt. „Wenn das so weitergeht, kann es also sehr schnell sehr hässlich werden“, warnte Vaez.
Israels Großangriff habe dem iranischen Machtapparat einen schweren Schlag versetzt, „aber das heißt nicht, dass es die Art von Lähmung oder Implosion des Regimes bedeutet, die sich Israel erhofft“, erklärte Vaez. Falls die Opferzahlen weiter steigen und auch in Israel lebende Amerikaner getötet werden sollten, werde es zudem „sehr schwierig“ für die US-Regierung sein, sich nicht stärker in den militärischen Konflikt einzuschalten.
„Wir stehen erst am Anfang“
Israel und andere Staaten wie die USA wollen den Iran am Bau einer Atombombe hindern. Teheran bestreitet, dieses Ziel überhaupt zu verfolgen - und beharrt darauf, Kernenergie allein für zivile Zwecke nutzen zu wollen.
Der israelische Generalstabschef Ejal Zamir erklärte den Großangriff mit Blick auf Irans Atomprogramm so: „Wir haben diese Operation begonnen, weil die Zeit gekommen ist“ – es gebe kein Zurück mehr. „Wir können es uns nicht leisten, auf einen anderen Zeitpunkt zu warten, wir haben keine andere Wahl.“
„Wir stehen erst am Anfang eines Ereignisses, das sich wahrscheinlich stark von früheren direkten Zusammenstößen zwischen Israel und dem Iran unterscheiden wird“, sagte Danny Citrinowicz vom israelischen Institut für Nationale Sicherheitsstudien dem „Wall Street Journal“. Die Folgen des jetzigen Konflikts könnten seiner Ansicht nach weitreichend und bedeutend für die Zukunft des Irans und der Stabilität der gesamten Region sein.

Kommentare
Gestern Abend konnte man auf CNN, BBC und auch teilweise bei NTV live "bewundern", wie Tel Aviv bombardiert wurde. Da sitzt man gemütlich im Sessel, vielleicht noch mit einem Glas Wein und einer Tüte Chips und schaut zu, wie eine Stadt bombardiert wird. Ist das nicht pervers?
Herr Radermacher, Teheran wurde nicht zum ersten Mal von Israël bombadiert. Schon vergessen? Und auch scon vergessen wieviele hochrangige iranische Militärs von Israël exekutiert wurden? Israël hat den Iran mehrmals unprovoziert angegriffen, schon vergessen?
Vor dem Hintergrund, dass das iranische Terror-Regime seit Jahrzehnten droht, Israel und seine Bevölkerung auszulöschen (und nebenbei alle anderen "Ungläubigen" auf der ganzen Welt) und das Land vollständig zu vernichten, und dass das iranische Terror-Regime seit langer Zeit trotz internationaler Verpflichtungen, dies nicht zu tun, nach der Atombombe trachtet, somit eine globale Gefahr darstellt, ist der Einwurf "unprovoziert" wohl eine äußerst kühne Wortwahl...
Ich glaube, Herr Radermacher hat über den aktuellen Krieg zwischen Israel und dem Iran hinaus unsere generelle Haltung zu solchen Konflikten und dem damit verbundenen Leid im Sinn.
Ja, wir sitzen beim Abendessen oder danach „gemütlich im Sessel mit einem Glas Wein“ und konsumieren „life“ unsere tägliche Ration an Gewalt und Zerstörung.
Nur, was sollen wir denn konkret anders machen? Wenn der Herr Radermacher uns schon vorwirft, „pervers“ au sein“, dann hat er dazu doch bestimmt seine eigenen Ideen?
Im Grunde ist unsere Haltung nicht neu. Unvergessen die Verse aus Goethes „Faust“:
„Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit, in der Türkei, / Die Völker aufeinander schlagen. /
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus / Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; / Dann kehrt man abends froh nach Haus, /Und segnet Fried und Friedenszeiten.“
Auch Katastrophentourismus gab es schon vor unserer Zeit:
„Als die Unionsarmee im Juli 1861 aus Washington ausmarschierte, um sich dem Feind am Bull Run zu stellen, folgte ihnen eine Schar ziviler Kutschen. Die Herren (und ihre Damen!) brachten Champagner und Picknick-Mittagessen mit, in der Erwartung, die glorreichen Kämpfe aus sicherer – aber dennoch spannender – Entfernung beobachten zu können.“
Die Union hat die Schlacht allerdings verloren.
Auf der Welt gibt es schätzungsweise und je nach Kriterien über 120 bewaffnete Konflikte vom kleinen periodischen Scharmützel bis zum Ukrainekrieg und eben dem zwischen Israel und dem Iran.
Wie sollen wir damit umgehen?
Herr Schleck, ich habe mit dieser unglücklichen Äußerung "pervers" keinen Menschen gemeint, sondern die Art und Weise der Fernsehberichterstattung.
Ich schlage mal vor das Sie, Herr W. Radermacher, im mittleren Osten ziehen und Israel mithelfen den Irak zu besiegen.
Sie haben wohl auch "vergesssen" wie lange Israel die Palästinenser terrorisiert.
Israel geht es doch nur darum sich immer mehr Land zuzueignen...egal auf welche Art & Weise...geholfen durch die USA die ebenfalls nur ihren eigenen Vorteil & Nutzen sieht.
Danke, lieber Herr Piersoul. Es geht idT um "Eretz Israël", gemäss dem Oded Yinon Plan (es gibt bei Amazon u.a. ein Buch zu diesem ganz offiziellen Plan). Lybien, der Irak, Syrien mussten dran glauben, und jetzt ist eben der Iran dran. Nur, wie wir inzwischen sehen, werden die politischen Millenaristen (Bébé Satanyahoo und Freunde) damit ihrem Land kein Gefallen tun, denn Israël wird womöglich zerstört werden. Bleibt ja dann das Problem der Diaspora...
Aber so oder so ist es das Ziel dieser Verrückten, denn die Welt muss "erneuert werden, weil sie den falschen Weg gegangen ist, damit/bevor der Mashiah kommt" - es heisst "tikkun olam" in der judaistischen Theologie.
Da ich nicht weiss ob hier Links erlaubt sind verweise ich auf meinen Artikel in Réseau International, von vor 2 Wochen
"Trump, de deux choses l’une". Gruss.
Pulverfass Nahost,
Alle mischen sich ein.
Womit kann man sich schnell und getarnt bereichern?
Leidtragene wie immer, unschuldige, hilflose und von allen im Stich gelassene
Frauen, Männer und Kinder.
Wenn ich diese verzweifelten mit Tränen gefüllten Blicke sehe, läuft es mir kalt den
Rücken runter.
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