Üppige Terrassen mit Traumblick aufs Mittelmeer, ein Infinity-Pool, ein großzügiger Wellnessbereich, ein hauseigener Golfplatz - im Nobelressort „The Romanos“ könnten die IOC-Mitglieder um ihren Noch-Präsidenten Thomas Bach vortrefflich ausspannen. Doch das griechische Ferienparadies für dickere Geldbeutel bildet nur die Kulisse für ein Arbeitstreffen mit Langzeitwirkung: Am Donnerstag wird hier der neue Kopf des Internationalen Olympischen Komitees gewählt.
Am Mittwoch wurden zunächst zahlreiche Pflichtthemen einer jeden Vollversammlung abgehandelt, unter anderem der Bericht der Ethikkommission oder der Stand der Finanzen - wie immer ohne alarmierende Botschaft, vielmehr wurde Bach von verschiedener Seite gedankt für seine Führung. Alles steht im Zeichen der Abstimmung, bei der drei der 109 IOC-Mitglieder entschuldigt fehlen werden. Tatsächlich abstimmen dürfen im ersten Wahlgang (Donnerstag, ab ca. 15 Uhr) aufgrund gewisser Restriktionen nicht einmal 90 Mitglieder.
Zum ersten Mal seit zwölf Jahren fühlt sich Thomas Bach „entspannt und erleichtert“. Sagt er zumindest selbst. Denn: Zum ersten Mal in seiner Zeit als Anführer der olympischen Bewegung habe er „kein existenzielles Problem zu bewältigen“, keine Krise zu lösen und keine Olympischen Spiele zu retten. Dafür sind in Zukunft andere zuständig, Thomas Bach hat seinen Teil getan, ihm bleibt nur noch eine Aufgabe: die Übergabe der Macht.
Bis zum 23. Juni wird diese – es stehen sechs Männer und eine Frau zur Wahl – sich gedulden müssen, dann erfolgt der Stabwechsel. Und sollte es nicht die von Bach protegierte Kirsty Coventry werden, verliert der deutsche Präsident auf der griechischen Halbinsel Peloponnes schlagartig an Einfluss. Sebastian Coe oder Juan Antonio Samaranch haben zumindest andere Vorstellungen von Führung, Finanzen und Gepflogenheiten.
Bach weiß das, versucht die Vorstöße seiner möglichen Nachfolger jedoch als Wahlkampfgetöse abzutun. „Das ist doch normal: Wenn sich jemand um die IOC-Präsidentschaft bemüht, sucht er nach einer Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge zu machen“, sagt Bach. Er habe „dasselbe vor zwölf Jahren getan“, damals, als er in Buenos Aires seine Karriere als Sportfunktionär krönte.
1991 war Bach ins IOC aufgenommen worden, 2013 wurde er zum Präsidenten gewählt, im Sommer 2025 wird er ausscheiden. Sein Erbe lässt er sich nicht kleinreden, das IOC sei, sagt Bach, für die Zukunft bestmöglich aufgestellt, trotz aller Krisen, die er als Präsident habe bewältigen müssen. Kritik an seiner Amtsführung, an der Konzentration der Macht an der Spitze und der Entwertung der Vollversammlung kontert der 71-Jährige.
„Wenn es eine russische Invasion in der Ukraine gibt, können Sie nicht sagen: ‚Okay, warten wir ab und sehen, was die Session in neun Monaten dazu sagt.‘ Bei einer Pandemie können Sie nicht warten. Sie müssen reagieren. Und wenn man eine Krise auf der koreanischen Halbinsel hat und drei Monate später die Olympischen Spiele stattfinden, kann man nicht warten“, erklärte Bach.

Coe will nun die IOC-Mitglieder stärker einbinden, Samaranch sogar auf die Medien zugehen, Bach sieht aber keine Alternative zu seinem Weg. „Wir hatten keine andere Wahl“, sagt er. Überhaupt: Für Selbstkritik sei weder Zeit noch Anlass. Immerhin: „Vielleicht war ich manchmal zu schnell mit Veränderungen, um vor der Welle zu bleiben. Vielleicht habe ich manchmal zu sehr und zu lange an das Gute in manchen Menschen geglaubt“, erklärt Bach.
Wladimir Putin dürfte dazu gehören. Der russische Dopingbetrug und der Angriffskrieg auf die Ukraine belasten Bachs Präsidentschaft, für den oft nachsichtigen Umgang mit Russland musste er sich lange rechtfertigen. Mit der Wiedereingliederung in den Weltsport dürfen sich nun andere herumschlagen, auch mit US-Präsident Donald Trump und dessen wirren Vorstellungen von Fairplay auf allen Ebenen.
Thomas Bach hat fertig. Als Präsident. Als IOC-Mitglied. Als die alles dominierende Führungskraft, zu der er sich aufgeschwungen hat. Die Finanzen hatte Bach stets im Griff, die meisten Mitglieder auch. Als Ehrenpräsident dürfte er dem IOC erhalten bleiben, auch ein Wohnsitz soll in Lausanne bleiben, doch der Lebensmittelpunkt mit seiner Frau Claudia in der fränkischen Heimat liegen.
Zum Abschluss zitiert Bach einen seiner Vorgänger, den Sportfunktionär Willi Daume, Präsident des Deutschen Sportbundes und Nationalen Olympischen Komitees. Der habe einst gesagt: „Die olympische Bewegung ist eine permanente Krise.“ Eine, um die sich Bach nun nicht mehr kümmern muss.
Fragen und Antworten zur Präsidentschaftswahl im IOC
Was steht an?
Die 144. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees und damit die Wahl des zehnten Präsidenten in der IOC-Geschichte – oder der ersten Präsidentin. Die Entscheidung über die Nachfolge des Deutschen Thomas Bach bestimmt die Session in einem Luxusressort in Costa Navarino auf der Peloponnes in Griechenland (18. bis 21. März). Sie findet am Donnerstag (20. März) statt.
Wer sind die Favoriten?
Nach einem kurzen „Wahlkampf“ hinter verschlossenen Türen ist die vorherrschende Meinung: Alles läuft auf ein Duell zwischen dem Briten Sebastian Coe und dem Spanier Juan Antonio Samaranch hinaus. Außenseiterchancen haben höchstens Kirsty Coventry (Simbabwe) und David Lappartient (Frankreich). Prinz Feisal al-Hussein (Jordanien), Johan Eliasch (Großbritannien) und Morinari Watanabe (Japan) wären Sensationssieger.

Wie läuft die Wahl ab?
Der neue Präsident oder die neue Präsidentin braucht die absolute Mehrheit der Stimmen. Dafür kann es mehrere Wahlgänge geben, vor jedem fliegt der Kandidat mit den wenigsten Stimmen raus. Der amtierende Präsident Bach verzichtet auf sein Stimmrecht und leitet die Wahl, er hat aber die Möglichkeit, bei zweimaligem Gleichstand im letzten Wahlgang seinen Nachfolger zu bestimmen. Die Wahl wird nicht live übertragen, elektronische Geräte im Saal sind nicht erlaubt. Ausgeschlossen von der Wahl sind auch die Kandidaten selbst sowie ihre Landsleute im IOC.
Welche Aufgaben warten nach der Wahl?
Die tektonischen Verschiebungen in der Weltpolitik werden auch die neue Führungskraft im IOC beschäftigen. Vor den Sommerspielen 2028 in Los Angeles warten die Auseinandersetzung mit Donald Trumps US-Regierung, die Debatte um Russlands Wiedereingliederung in den Weltsport und die Suche nach neuen Märkten. Das Businessmodell des IOC steht unter Druck, die Zukunft der Winterspiele infrage, dazu gibt es Klärungsbedarf beim Thema Transgender. Und: Nach zwölf Bach-Jahren geht es auch um eine offenere und transparentere Kultur unter den 109 Mitgliedern und ihrem Verhältnis zu den Medien.
Was macht Bach nach der Wahl?
Zunächst bleibt der gebürtige Würzburger bis zum 23. Juni im Amt, erst danach verlässt er sein Büro – und auch das IOC, in das er 1991 aufgenommen worden war. Zwölf Jahre lang führte Bach die Ringe-Organisation und schnitt sie auf sich zu. Den Status als Ehrenpräsident dürfte er bekommen, doch sein Einfluss wird schwinden. (sid/tf)

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