Der Bundestag hat den auch wegen einer möglichen Unterstützung durch die AfD heftig diskutierten Gesetzentwurf der CDU/CSU-Fraktion zur Begrenzung der Migration abgelehnt. Sitzungsleiterin Petra Pau teilte mit, das „Zustrombegrenzungsgesetz“ habe in zweiter Lesung keine Mehrheit gefunden. Damit entfiel die dritte Lesung mit der Schlussabstimmung. Nach Angaben von Pau gaben 693 Abgeordnete ihre Stimmen ab: 338 Ja-Stimmen, 350 Nein-Stimmen und 5 Enthaltungen. Zuvor hatten neben Vertretern von CDU/CSU auch Abgeordnete der AfD, der FDP, des BSW und Fraktionslose Zustimmung signalisiert. SPD und Grüne hatten die Pläne heftig kritisiert. Kritiker hatten gewarnt, die „Brandmauer“ anderer Parteien zur AfD falle, wenn ein Gesetz verabschiedet werde, für das AfD-Stimmen maßgeblich gewesen wären.
Aus der Unionsfraktion gab es nach Angaben des Bundestags keine Gegenstimmen. Allerdings gaben 12 Unionsabgeordnete ihre Stimme nicht ab. Aus der FDP-Fraktion, die zuvor ebenfalls ihre Zustimmung signalisiert hatte, gab es zwei Gegenstimmen und fünf Enthaltungen. 16 FDP-Abgeordnete gaben keine Stimme ab. Die AfD stimmte bei einer nicht abgegebenen Stimme ansonsten geschlossen für das Gesetz. SPD und Grüne stimmten geschlossen dagegen - bei vier beziehungsweise zwei nicht abgegebenen Stimmen. Wie viele Abgeordnete aus Krankheitsgründen fehlten, war nicht bekannt.
Baerbock spricht von „Schande“
Am Mittwoch hatte ein Antrag der CDU/CSU für Zurückweisungen von Migranten an den deutschen Grenzen, der keine bindende Wirkung hat, eine Mehrheit gefunden. Ihm hatten Vertreter von CDU/CSU, AfD, FDP sowie fraktionslose Abgeordnete zugestimmt, was Empörung auslöste. Zehntausende Menschen gingen allein am Donnerstag auf die Straße – unter anderem in Berlin, Freiburg, Hannover und München. Auch aus den eigenen Reihen gab es Gegenwind für die Union: Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel schaltete sich ein und nannte es „falsch“, erstmalig eine Mehrheit mit Stimmen der AfD zu ermöglichen.
Es gehe nun darum „die Schande von Mittwoch“ zu korrigieren, hatte Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) in der Debatte am Freitag gesagt. SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich rief Merz zu: „Der Sündenfall wird Sie für immer begleiten. Aber das Tor zur Hölle, ja, ich sage es, das Tor zur Hölle können wir noch gemeinsam schließen.“
Hitzige Verhandlungen und gegenseitige Vorwürfe
Die Debatte zum Gesetzentwurf begann mit einer Verspätung von dreieinhalb Stunden. Die FDP schlug zunächst vor, den Entwurf in die Ausschüsse zurückzuschicken und so einen möglichen erneuten Beschluss mit entscheidenden Stimmen der AfD zu verhindern. Es folgten hektische Beratungen zwischen CDU/CSU, SPD, Grünen und FDP, die allerdings keine Einigung erbrachten. Die FDP verzichtete daraufhin auf ihren Vorschlag. FDP-Fraktionschef Christian Dürr sagte, er habe SPD und Grünen angeboten, dass die FDP einem rot-grünen Gesetzentwurf zur Migration zustimme, wenn diese im Gegenzug den Unions-Entwurf mittragen. Dieses Kompromissangebot sei aber abgelehnt worden. Dürr kündigte an, dass die FDP dem Unions-Gesetzentwurf zustimmen wolle.
Unionsfraktionschef Friedrich Merz wies den Vorwurf einer Zusammenarbeit mit der AfD bei den Abstimmungen über eine schärfere Migrationspolitik erneut strikt zurück. Zur Forderung von SPD-Fraktionschef Mützenich, er solle sich dafür entschuldigen, dass er der AfD die Hand gereicht habe, sagte der CDU-Vorsitzende und Unionskanzlerkandidat in der Debatte über den Gesetzentwurf seiner Fraktion: „Von meiner Partei aus reicht niemand der AfD die Hand.“ Der parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion, Bernd Baumann, warf der Union einen unglaubwürdigen Kurs in der Migrationspolitik vor. Baumann sagte im Bundestag, Merz wolle vorangehen, er fange aber an zu zaudernund zu tänzeln und verhandle mit Rot-Grün. Außerdem hätten Unions-Ministerpräsidenten bereits angekündigt, dem „Zustrombegrenzungsgesetz“ im Bundesrat nicht zuzustimmen.
FDP-Vize Wolfgang Kubicki warf den Grünen eine unmoralische Migrationspolitik vor. „Wer glaubt, andere mit moralischen Appellen beeindrucken zu können, während er selbst nichts tut, um offenkundige Probleme im Land anzugehen, der zeigt nur eins: Es geht ihm nicht ums Land, es geht ihm nur um sich selbst“, sagte Kubicki.
Entwurf mit strengeren Regelungen
Kern des Gesetzentwurfs war eine Aussetzung des Familiennachzugs zu Geflüchteten mit eingeschränktem Schutzstatus. Zu dieser Gruppe gehören in Deutschland viele Syrerinnen und Syrer. Außerdem sollten die Befugnisse der Bundespolizei erweitert werden. Sie sollte, wenn sie etwa an Bahnhöfen Ausreisepflichtige antrifft, selbst für eine Abschiebung sorgen können. Die Union drang in ihrem Entwurf überdies darauf, das Ziel einer „Begrenzung“ des Zuzugs von Ausländern wieder ins Aufenthaltsgesetz aufzunehmen. (dpa/sc)

Kommentare
In der WIRTSCHAFTSWOCHE, kann man einen langen Artikel über die derzeitige Strategie eines Friedrich Merz lesen: "Friedrich Merz kann es nicht"
Da Links hier verboten sind, einfach googeln.
Dieser Merz schafft es übrigens, seine Meinung zu einer Zusammenarbeit mit der AfD nach dem Wahlspruch des seligen DR. Adenauer zu drehen: "Wat stört mich mein Jeschwätz von jestern?"
"Merz und die Brandmauer – eine Geschichte in Zitaten" (SPON 31.01.25)
Und wer sich ein Bild von der Eignung einer Agnes Weidel als zukünftiger Bundeskanzlerin machen möchte, dem sei das Tagesschau-Interview mit der Journalistin Jessy Wellmer empfohlen. Auf Youtube abzurufen.
Mehr als stereotype Sprüche klopfen kann die Dame nicht.
Kanzler Merz als Trump-Verschnitt ("Einen Tag, nachdem ich Bundeskanzler geworden bin, werde ich ... vollständige Kontrolle an allen Außengrenzen...) und Vizekanzlerin Weidel, eine Horrorvision.
@Schleck:
Das vollständige Zitat von Konrad Adenauer lautet:
"Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Nichts hindert mich, weiser zu werden."
Die deutsche Politik sollte weiser d.h. realistischer werden.
Herr Schleck, die Dame heisst Alice Weidel.
Alice oder Agnes, das ändert nichts am Inhalt meines Beitrags.
Jeder weiß, wer gemeint ist.
Trotzdem danke für die Richtigstellung.
Wichtiger als solche Nebensächlichkeiten wäre es aber gewesen, der Herr Wahl hätte uns seine Sicht der Dinge mitgeteilt. Aber kennen wir die nicht schon?
Bei der Gelegenheit möchte ich beim Administrator nachfragen, wo denn meine Antwort an Herrn Scholzen von gestern Morgen abgeblieben ist.
Leider ist meine Antwort auf den Kommentar von Herrn Scholzen vom 04..02. aus irgendeinem Grund nicht erschienen. Hier eine Kurzfassung:
Nach dem Bruch der Ampelkoalition unterbreitet Friedrich Merz SPD und Grünen einen Vorschlag: »Wir sollten vereinbaren, dass wir nur die Entscheidungen auf die Tagesordnung des Plenums setzen, über die wir uns zuvor mit Ihnen von der SPD und den Grünen in der Sache geeinigt haben.« So könne man »eine zufällige oder tatsächlich herbeigeführte Mehrheit« mit der AfD vermeiden. »Denn das hätten diese Damen und Herren von Rechtsaußen doch gern, dass sie plötzlich die Mehrheiten besorgen.« (SPON s.o.)
Inzwischen ist Herr Merz inzwischen anscheinend "weiser" oder "realistischer" geworden, da eine solche vorauszusehende Mehrheitsbeschaffung durch die AfD ihm jetzt keine Bauchschmerzen mehr bereitet hat.
Selbst das Schlitzohr Adenauer hätte da gestaunt über eine solche Biegsamkeit seiner Epigonen.
Friedrich Merz hatt Recht, wenn er sagt, dass eine richtige Entscheidung nicht deshalb falsch wird, weil die Falschen zustimmen.
Den Grünen und der SPD ist die Brandmauer offenkundig wichtiger als gute Politik.
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