Nordrhein-Westfalen erlebt den stärksten Rückgang der Zahl der Studierenden seit fast 20 Jahren – und das, obwohl es zuletzt wieder etwas mehr Studienanfänger gab, berichtet die „Aachener Zeitung“. Demnach sank die Gesamtzahl zum Wintersemester 2023/24 gegenüber dem Vorjahr um 4,4 Prozent auf 710.019. Das sei das stärkste Minus seit 2004 gewesen, teilte das Statistische Landesamt mit. Damals schrumpfte die Zahl um 12,1 Prozent, nachdem Studiengebühren für Langzeitstudenten eingeführt worden waren. Im vorigen Jahr dürfte der Start des Deutschlandtickets einen großen Anteil daran haben, zeigt sich die „Aachener Zeitung“ überzeugt. An der FH Aachen sank demnach die Zahl der Studierenden in diesem Zeitraum um 694 bzw. fünf Prozent auf rund 13.300 Studenten. An der RWTH Aachen gab es nach eigenen Angaben ein Minus von „nur“ 3,8 Prozent auf 45.284 Studierende. Mit knapp 9.000 Erstsemestern schrieben sich aber 5,9 Prozent weniger als im Wintersemester des Vorjahres ein. Die Entwicklung bei den Erstsemestern ist damit an der RWTH deutlich schlechter als im NRW-Trend, wo sich mit 105.684 Menschen 2,3 Prozent mehr als 2022 neu an einer Hochschule einschrieben. Trotz dieser Entwicklung spricht die Aachener Universität nur von einem „leichten Rückgang“ und einem „weiterhin konstant hohen Niveau“ der Studierenden- und Erstsemesterzahlen, meldet die Zeitung. Ein Ende der Entwicklung sei damit aber vermutlich noch nicht erreicht. Es sei „davon auszugehen, dass aufgrund der demografischen Entwicklung und des fehlenden Abiturjahrgangs 2026 die Studierendenzahlen weiter zurückgehen werden“, erklärte ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums gegenüber der „Aachener Zeitung“. 2026 wird es wegen der Rückkehr zu G9, also der Umstellung auf die längere Schulzeit bis zum Abitur, kaum Abiturienten geben.
Bei den Naturwissenschaften schneidet Aachen deutlich besser ab als der Landesdurchschnitt.
Ein spezielles Problem haben derweil die Naturwissenschaften: Unter den am häufigsten belegten Studienfächern gab es die stärksten Rückgänge NRW-weit in Physik (minus 23,3 Prozent), Mathematik (minus 15,2) und Chemie (minus 13,8). In diesen Fächern ist die Entwicklung an der RWTH Aachen deutlich besser: Das Fach Physik verlor dort 4,5 Prozent Studierende, Mathematik 5,6, Chemie mit 6,3 Prozent anteilig die meisten. An der FH Aachen blieb die Zahl der Chemiestudenten unterdessen konstant. Zarte Zuwächse gab es in Nordrhein-Westfalen beispielsweise bei der Allgemeinmedizin und in der Psychologie. An der RWTH meldeten die Fächer Materialwissenschaften und Werkstofftechnik, Rohstoffe und Entsorgungstechnik, Kommunikationswissenschaft und Wirtschaftswissenschaften gegen den Trend einen Zuwachs an Erstsemestern. An der FH Aachen legten Wirtschaftsingenieurwesen, Wirtschaftsinformatik, Holzbau, Gesundheitstechnik, Biotechnologie und Ingenieurbau zu. „Bei den Naturwissenschaften stehen die Universitäten vor der Herausforderung, mehr junge Frauen und Männer für ein Studium zu gewinnen. Durch die Krisenjahre ist diese Herausforderung noch einmal größer geworden“, sagte der Rektor der RWTH Aachen, Ulrich Rüdiger, laut Zeitung. Womöglich hätten junge Leute ein unklares Bild davon, in welche Berufe sie ihr naturwissenschaftliches Studium führt. Generell gehen Beobachter aber davon aus, dass die Inflation und die gegenwärtigen Krisen großen Einfluss haben: Junge Menschen suchen Sicherheit, die ihnen eher ein Job zu bieten scheint als das Studium. Gleichzeitig herrscht Fachkräftemangel. Das bringt manche Betroffene dazu, ein Studium abzubrechen oder frühzeitig zu beenden, etwa schon mit dem Bachelor-Abschluss.
Entwicklung lässt sich vor allem durch ein Umsteigen der „Ticketstudenten“ erklären.
Der größte Faktor dürfte aber das Deutschlandticket sein. „Ticketstudenten“, die bloß wegen des Semestertickets für den Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen eingeschrieben waren, dürften 2023 umgestiegen sein. Zuletzt beendeten fast 16.000 Menschen ein Zweitstudium (-24,3 Prozent). Das allein machte fast die Hälfte des gesamten Rückgangs aus, rechnet die „Aachener Zeitung“ vor. „Ticketstudenten“ fallen in diese Gruppe hinein, sie belegen auch häufiger naturwissenschaftliche Fächer. An den Universitäten könnte der Trend zu weniger Studierenden für die jungen Leute durchaus auch mit einigen positiven Auswirkungen verbunden sein, meint RWTH-Rektor Ulrich Rüdiger. So nannte er in diesem Zusammenhang „weniger volle Hörsäle, Mensen, Bibliotheken sowie weniger Konkurrenz bei der Suche nach Wohnraum.“ Nachteile drohen dagegen beim Geld: Zuwendungen für Hochschulen sind an Zahlen gekoppelt. (mcfly)

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