Norris gehorchte. Und dafür gab es auf dem Hungaroring gute Gründe. Er hatte beim Start von der Pole aus die Führung schnell an Oscar Piastri abgeben müssen. Dann holte McLaren allerdings Norris zuerst an die Box zum Reifenwechsel, obwohl der hinter Piastri lag. Dieser hatte dadurch einen Nachteil – und sich nach seinem Pitstop hinter dem Teamkollegen wieder eingereiht. „Ich hatte es einfach nicht verdient zu gewinnen“ betonte Norris, der wie nun auch sein Stallrivale weiterhin bei einem Grand-Prix-Sieg steht.
„Lando wusste auch, dass es für ihn selbst die richtige Entscheidung war“, erklärte Teamchef Andrea Stella: „Wenn er um die WM kämpfen will, muss er das ganze Team, auch Oscar, hinter sich haben. Manchmal braucht man etwas mehr Weisheit, auch wenn das Visier unten ist.“
Im Klassement liegt Norris weiterhin auf Platz zwei. Der 24-Jährige aus Bristol ist Verstappens erster und größter Herausforderer. McLaren stellt derzeit nach Einschätzung aller das schnellste Auto. Norris' Rückstand auf den niederländischen WM-Spitzenreiter beträgt allerdings immer noch 76 Punkte – hätte Norris vor Piastri gewonnen, wären es 69 gewesen.
„Wenn Red Bull und Max wieder solche Fehler machen und wir uns weiter verbessern und Wochenenden wie diese haben, können wir es drehen“, meinte Norris. Und schon am kommenden Wochenende können er und Piastri, der WM-Fünfter ist, gleich nachlegen. Und in Spa-Francorchamps würde ein weiterer Rückschlag Verstappen besonders schmerzen, seine Mutter ist Belgierin und der Grand Prix in den Ardennen fast ein weiteres Heimrennen.
Seit drei Rennen ist er nun schon ohne Sieg. Fünfter in Österreich beim Heim-Grand-Prix seines Arbeitgebers nach einer Kollision mit Norris, Zweiter in Silverstone hinter dem wieder erstarkten Rekordweltmeister Lewis Hamilton und Fünfter in Budapest. Dort fuhr er gegen Ende seines Frust-Auftritts auch noch auf den Mercedes des Briten auf und malträtierte nach der Zieldurchfahrt das Lenkrad seines RB20. „Wenn ich keine Emotionen mehr zeige, brauch' mir auch keine Gedanken mehr über mich und darüber zu machen, was ich tue“, sagte Verstappen. Und die, die ihn kritisieren, „können sich alle verpissen“.
Auffallend war aber auch in der verbalen Nachlese, dass Verstappen über eigene Fehler nicht sprach. Schon im Rennen hatte er zigfach das eigene Team teils harsch und nicht jugendfrei kritisiert. Vor allem die Strategie machte ihn richtig wütend.
Jetzt, wo die Dominanz vor allem der vergangenen zwei Jahre dahin scheint im Red Bull, zeigt sich auch wieder der knallharte, kompromisslose Rennfahrer Verstappen. Und so wirkte er auf der Strecke auf einmal wieder, wie er vor seiner dominanten Zeit meist wirkte: aggressiv und reizbar und nicht mehr so kontrolliert, eher mal ungestüm. „Verstappen mit einem Kamikaze-Manöver“, schrieb „Le Parisien“ aus Frankreich. Ein „Alptraum-Rennen“, attestierte Italiens Blatt „Tuttosport“ dem 26-Jährigen.
Am Sonntag in Belgien wird sich zeigen, ob Verstappens Wutauftritt nur eine Momentaufnahme war oder zum Dauerzustand im WM-Kampf der restlichen Saison wird. Dann braucht Norris erst recht jeden Punkt. (dpa/leo)

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