„Unglaublicher Tag“: Pogacar krönt Traum-Wochenende in den Pyrenäen

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Kurz machte er sich noch frisch, dann holteTadej Pogacar (hinten)zur Attacke gegen Jonas Vingegaardaus. | Foto: Photo News

Als Tadej Pogacar die mögliche Vorentscheidung der Tour de France mit erhobenen Armen feierte, quälte sich Jonas Vingegaard noch mit bleichem Gesicht die letzten Kehren zum Plateau de Beille hinauf. Mit einem Doppel-Triumph in den Pyrenäen verpasste Pogacar dem Titelverteidiger zwei krachende Niederlagen – das angestrebte Double aus Giro und Tour ist vor der Schlusswoche mehr Realität als Fantasie.

Durch die Solo-Siege in Pla d'Adet am Samstag und auf der mit 4.800 Höhenmetern brutalen Königsetappe liegt Pogacar im Klassement enorme 3:09 Minuten vor Vingegaard. „Ich konnte mir fast nicht vorstellen, dass es so kommt – es war ein unglaublicher Tag“, sagte der ebenfalls abgekämpft wirkende Pogacar. „Bei Jonas' Attacke war ich ein wenig am Limit, aber dann habe ich gemerkt, dass er nicht die Beine hat, um das durchzuziehen. Es sieht sehr gut aus, es ist eine komfortable Führung.“

Für Vingegaard, der auf den letzten Metern den Kopf hängen ließ, rückt das Tour-Triple nach 2022 und 2023 hingegen in weite Ferne. „Wir hatten den Plan, Pogacar zu attackieren. Aber er war immer noch zu stark. Wir müssen das akzeptieren“, sagte Sportchef Grischa Niermann. „Die Tour ist erst in Nizza zu Ende. Wenn er nächste Woche immer noch stärker ist, dann akzeptieren wir das auch.“ Vingegaard hatte nach seinem schweren Sturz im April ohnehin nur eine sechswöchige Vorbereitung für die Tour absolvieren können.

<p>Unantastbar: Tadej Pogacar macht einen weiteren Schritt Richtung Gesamtsieg.</p>
Unantastbar: Tadej Pogacar macht einen weiteren Schritt Richtung Gesamtsieg. | Foto: Photo News

Etwa 10,5 Kilometer vor dem Ziel kam der erwartete Antritt von Vingegaard. Aus der auf sechs Fahrer reduzierten Top-Gruppe folgte nur Pogacar dem gleichmäßig hohen Tempo des Dänen. Der Slowene machte am Hinterrad des Titelverteidigers einen souveränen Eindruck, zeigte nicht den Ansatz von Schwäche. Im Gegenteil. Fünfeinhalb Kilometer vor dem Ziel folgte der Konter, dem Vingegaard nichts mehr entgegenzusetzen hatte.

Das nahezu 1.800 Meter hoch gelegene Plateau de Beille, ein Anstieg von 15,8 Kilometern mit durchschnittlich fast acht Prozent Steigung, war 1998 erstmals Ziel einer Tour-Etappe. Damals gewann der spätere Gesamtsieger Marco Pantani, dem damals als bisher letztem Profi das Double aus Siegen bei Giro und Tour gelang. Pogacar, der die Italien-Rundfahrt im Mai gewonnen hatte, will es der Radsport-Ikone in diesem Jahr nachmachen. Die Chancen stehen nach zwei Dritteln bestens.

Pogacar nimmt den Cavendish-Rekord ins Visier.

Am Samstag hatte der 25-Jährige bereits ein Statement gesetzt und den Tagessieg seines großen Rivalen am Mittwoch gekontert. Der Slowene sicherte sich auf der 14. Etappe mit einer taktischen Meisterleistung den Tagessieg und nahm Vingegaard 39 Sekunden ab. Remco Evenepoel bekam beim Ausscheidungsrennen mit drei Anstiegen, darunter der legendären Col du Tourmalet, sogar 1:10 Minuten aufgebrummt. Insgesamt befindet sich Evenepoel nun 5:19 Minuten hinter Pogacar, ließ seinen Vorsprung auf die hintere Konkurrenz aber anwachsen (5:35 Minuten auf Joao Almeida).

Im Anschluss offenbarte Pogacar seinen langfristigen Traum, irgendwann Rekord-Etappensieger der Tour zu werden. Die Bestmarke von 35 Erfolgen stellte Sprint-Superstar Mark Cavendish erst bei dieser Ausgabe auf. „Als ich gesehen habe, wie Mark Cavendish all diese Etappen gewonnen hat, da dachte ich, er ist von einem anderen Planeten. Das ist nicht erreichbar. Doch wenn du deine Träume jagst, dann kannst du sie auch einfangen“, sagte Pogacar. Gewinnt er in den nächsten sieben Jahren im Schnitt etwas mehr als drei Etappen, steigt er zum neuen Rekordhalter auf.

<p>Remco Evenepoel verlor ordentlich Zeit auf Pogacar, baute seinen Vorsprung auf die hintere Konkurrenz aber aus.</p>
Remco Evenepoel verlor ordentlich Zeit auf Pogacar, baute seinen Vorsprung auf die hintere Konkurrenz aber aus. | Foto: Photo News

Bereits zu Hause befindet sich der Brite Thomas Pidcock (Ineos Grenadiers). Der Mountainbike-Olympiasieger war einen Tag nach der Aufgabe von Pogacar-Helfer Juan Ayuso der nächste prominente Corona-Fall der Tour.

Evenepoel: „Pogacar ist unschlagbar“

„Heute haben Tadej und Jonas bewiesen, dass sie die Besten sind. Und Tadej ist noch ein Level höher, er fährt auf einem anderen Planeten. Ich glaube, Visma hat verstanden, dass er unschlagbar ist“, staunte Remco Evenepoel am Sonntag über seine beiden Kontrahenten: „Mir fehlte die Explosivität in den Beinen, um bei den Beiden zu bleiben. Ich habe versucht, Jonas zu folgen, aber er hielt einen hohen Rhythmus bei. Dann habe ich mich auf den Abstand zu den hinteren Fahrern konzentriert“, so Evenepoel.

Nach den zwei harten Etappen in den Pyrenäen legen die Radprofis am Montag eine Pause ein. Danach steht noch eine Sprint-Etappe in Nimes an, ehe sich der Tour-Tross langsam auf den Weg in Richtung Alpen macht. Die Rundfahrt endet am 21. Juli mit einem Einzelzeitfahren in Nizza. (sid/dpa/belga/tf)

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