Remco Evenepoel witzelte im Ziel gelöst mit Fürst Albert von Monaco und freute sich königlich über seinen Zeitfahr-Coup bei der Tour de France: Mit einem Höllenritt durch die Weinberge der Bourgogne hat Belgiens Rad-Wundknabe den slowenischen Teufelskerl Tadej Pogacar bezwungen. Trotz eines Schreckmoments kurz vor dem Ziel feierte der Weltmeister seinen ersten Etappensieg bei der Tour und rückte nahe an den Mann in Gelb heran.
„Ich habe heute jeden Meter genossen, auch wenn es hart war. Ich bin super glücklich“, sagte der 24-Jährige vom Team Soudal Quick-Step, der zwei Kilometer vor der Ziellinie aber heftig zusammenzuckte und bang sein Rad checkte: „Ich dachte, ich hätte einen Platten. Ich bin über etwas drübergefahren – das hat mich echt sehr erschreckt.“
Der zweimalige Tour-Champion Pogacar (25/UAE Team Emirates) verpasste als letzter Starter die Bestzeit des Tour-Debütanten Evenepoel um zwölf Sekunden. Der designierte Nachfolger von Rad-Idol Eddy Merckx setzte sich bei idealen Bedingungen und Volksfeststimmung in Gevrey-Chambertin nach 25,3 km mit einem beeindruckenden Temposchnitt von 52,587 km/h durch. In der Gesamtwertung liegt er nun 33 Sekunden zurück.
„Ich sehe, dass ich besser geworden bin im Zeitfahren“, sagte Pogacar: „Das gibt mir viel Selbstvertrauen. Im vergangenen Jahr habe ich noch fast 1:40 Minuten verloren, dieses Mal habe ich Zeit auf Jonas und Primoz (Roglic) gewonnen. Das ist sehr gut für mich.“ Vor zwölf Monaten hatte er im Tour-Zeitfahren noch eine empfindliche Niederlage gegen Vingegaard eingesteckt. Die 1:38 Minuten Rückstand auf nur 22,4 Kilometern kamen damals einer Demütigung gleich, die beim Superstar Spuren hinterlassen hatte.

„Das Zeitfahren in Combloux war ein Moment, wo ich mental eingebrochen bin“, gestand Pogacar ein. Nun ist ihm die Revanche geglückt, das erste Double aus Giro d'Italia und Tour seit Marco Pantani vor 26 Jahren rückt näher. Schon bei seiner Kletter-Gala am Dienstag zum Alpen-Riesen Col du Galibier hatte der Slowene seine Extra-Klasse gezeigt und Vingegaard und Co. düpiert.
Den kleinen Rückstand auf Evenepoel konnte er verkraften, denn der Spezialist ist nicht sein Hauptgegner – das räumte auch der ehrlich ein: „Tadej ist nahezu unerreichbar“, sagte Evenepoel und fügte hinzu: „Wir haben nicht an die Zeitabstände in der Gesamtwertung gedacht, es ging um den Etappensieg. Diese Mission haben wir erfüllt.“
Dritter wurde Primoz Roglic (+34 Sekunden). Der slowenische Kapitän von Red Bull-Bora-hansgrohe bleibt damit auf Podiums-Kurs. Der dänische Topstar Jonas Vingegaard (Visma-Lease a Bike) war erneut konkurrenzfähig und wurde mit 37 Sekunden Rückstand Vierter – das Niveau von Evenepoel und Pogacar hat er nach seinen schweren Sturzverletzungen aus dem April aber noch nicht. Vingegaard ist Gesamtdritter (+1:15) vor Roglic (+1:34).
Drei Tage nach dem ersten Favoriten-Showdown auf der ersten Alpenetappe über den Galibier lieferten sich die Topstars erneut einen packenden Schlagabtausch. Nach dem einzigen Anstieg des Tages am Côte de Curtil-Vergy bei Kilometer 14,4 lag Pogacar aber bereits 13 Sekunden vor Vingegaard, der in diesem Jahr auch aufgrund seines schweren Sturzes bei der Baskenland-Rundfahrt nur drei kleinere Zeitfahren absolvierte. Ganz anders dagegen Pogacar, der nach 2023 alles auf den Prüfstand stellte und Helm, Material und Sitzposition optimierte – offenbar mit großem Erfolg.
Noch schneller flog nur Evenepoel trotz des kurzfristigen mechanischen Problems über die Strecke. Der Weltmeister im Kampf gegen die Uhr hatte sich explizit auf diese Prüfung vorbereitet, mehrmals die Strecke besichtigt. Am Ende wurde der 24-Jährige mit dem ersten Etappensieg der Tour belohnt. Dabei hatte er einen kleinen Nachteil: Sein weißes Trikot als bester Jungprofi war weniger aerodynamisch als sein speziell konzipierter WM-Dress.
Eine der Helden der noch jungen 111. Tour hatte das Zeitfahren um 13.05 Uhr – fast vier Stunden vor Pogacar – eröffnet: Der Brite Mark Cavendish war nicht nur seit Mittwoch Rekord-Etappensieger der Tour, sondern seit Donnerstag auch Gesamtletzter.
Somit durfte der 39-Jährige unter großem Jubel als erster der 174 Starter auf die Strecke, ließ es dort auch eher gemächlich angehen. 4:30 Minuten betrug „Cavs“ Rückstand auf den Sieger, er war immerhin noch deutlich schneller als sein Sprintrivale Fabio Jakobsen als Tagesletzter (+6:17). Beide verfolgen aber ohnehin andere Ziele – es warten noch einige Sprints, der nächste womöglich schon am Samstag in Colombey.

Laurenz Rex am Sonntag im Blickpunkt
Laurenz Rex beendete das Zeitfahren mit 5:14 Minuten Rückstand auf Tagessieger Remco Evenepoel. Der Raerener fuhr in Gevrey-Chambertin als 161. über die Ziellinie. Am Sonntag könnte Rex groß auftrumpfen: Aike Visbeek, „Performance Manager“ von Intermarché, betonte zu Tour-Beginn, dass das Streckenprofil der neunten Etappe perfekt zum 24-Jährigen passen würde. (sid/dpa/tf)

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