Den Durchbruch schaffte er mit dem Album „Silence“ (1979), das in der schwarz-weißen Zeichnung, der Thematik und in der über das Bild hinaus wirkenden atmosphärischen Zweitwelt des Fantastischen einen Meilenstein für die Gattung darstellt. Für das Erleben des taubstummen Bauernknechtes Silence hat Comès auf seine Vennheimat zurückgegriffen, die er in einem Dutzend seiner Werke als Bühne oder Inspiration benutzt. Bei der Einweihung in Bosfagne war neben Bürgermeister Stoffels, einigen Familienangehörigen und Freunden auch der Schriftsteller Albert Moxhet aus Theux zugegen.
Seelenverwandtschaft des Zeichners
Didier Comès und des Ardennen-Forschers Albert Moxhet.
Im Rückblick kommt mir diese schlichte Feier am Fuß des Venns als symptomatisch vor: Damals war noch nicht abzusehen, dass Moxhet von 2016 bis 2022 eine Trilogie über das Werk von Comès verfassen würde: „l’encrage ardennais“ – wobei „encrage“ auf die Tinte des Zeichners verweist, zugleich aber auch an „ancre“ denken lässt, sprich die Verankerung des Werks von Comès in der Geisterwelt der Ardennen. Genau an diesem Punkt erweist sich die Seelenverwandtschaft des Zeichners Comès und des Ardennen-Forschers Moxhet. Man ist gerührt bei der Vorstellung, dass mit dieser Trilogie Moxhets Arbeitsplan erfüllt wurde. Die kongeniale Hommage an den vor elf Jahren verstorbenen Freund (März 2013) konnte trotz mancherlei gravierender gesundheitlicher Beschwerden abgeschlossen werden, und Albert Moxhet könnte wie der athenische Staatsmann Solon (595 v.Chr.) sagen: „Welches der Ziele, die ich mir gesetzt habe, wäre denn vor der Verwirklichung unerreicht liegen geblieben …“ Insofern wäre also den Parzen zu danken, die Alberts Lebensfaden erst nach der Vollendung seines bedeutsamsten Werkes durchtrennt haben (was natürlich voraussetzt, dass man an die Parzen glaubt).
Von Albert Moxhet wird nicht allein der meisterhafte Gipfel, der krönende Abschluss in Erinnerung bleiben. Vor dem Hinscheiden mit 83 Jahren liegen Jahrzehnte eines literarischen Schaffens, das in dieser Fülle und Vielseitigkeit seinesgleichen sucht. Die Auflistung der zahllosen Interessenbereiche, die dieser „touche-à-tout“ berührt und mitgestaltet hat, ist phänomenal. Ausgangspunkt seiner Kompetenz und seiner nicht versiegenden Neugier und Originalität war die universitäre Ausbildung als Romanist.
Albert war ein Sprachmeister der Perfektion. Der Klarheit seiner gedanklichen Konzeption entsprach ein perfekt beherrschtes Instrument des Ausdrucks. So ist der Begriff „touche-à-tout“ unbedingt zu ergänzen: alles, was er sich als Thema oder künstlerische, wissenschaftliche Thematik aneignete, kam immer auch als ein Optimum daher. Das gilt für seinen Journalismus, die Kennerschaft in der bildenden Kunst, die Erforschung der „heidnischen“ Kultur in Eifel und Ardennen, wie sie vor der sich invasiv gebärdenden katholischen Überdachung im europäischen Rahmen funktionierte.
Von dieser heute in den Schatten getretenen Lebensphilosophie und -praxis zeugen allenfalls die spärlichen noch sichtbaren Spuren – eben jene, die sowohl Didier Comès als auch Albert Moxhet fasziniert haben. Mehrere Alben von Comès befassen sich mit dem Schamanentum, der Magie, der Beschwörung – und dem „Bodenpersonal“: Zauberern, Hexen, Wahrsagern und Traumdeutern.
Die beiden haben mit ihren tastenden Vorstößen archäologische Arbeit geleistet, bei der sie nicht etwa diese überwundene Welt verteufeln, sondern ihre konstruktiven und ordnungsmäßigen Kräfte aufspüren. Silence, dem die Sprache nicht gehorcht, ist von einer Sagenfrau im Dorf geschützt, er ist einfachen Gemüts, aber er ist unschuldig, gut, ohne Harm. Vielleicht darf man sagen, dass die beiden – der Zeichner und der Sprachvirtuose – Tiefenpsychologie dieser anderen Wirklichkeit betrieben haben.
In einem Porträt von Albert Moxhet muss unbedingt auch seine bewundernswerte Sensibilität für mindestens zwei Musenbereiche hervorgehoben werden. Einmal die Feinheit, Reinheit und Perfektion der Sprache. Als Literaturzeitschrift fühlten wir uns lückenlos in unserm poetischen Anliegen verstanden. Er war ein enger Mitarbeiter für alle französischen Belange – Übersetzung, Textkorrektur, Lektorat, Lesungen. Für Robert Schaus, der die Hälfte seines poetischen Werkes auf Französisch geschrieben hat, war er Berater, Ermutiger und Kollege im Austausch. Meine eigenen Übersetzungen der fünf Tulle-Bücher ins Französische hat er akribisch begutachtet, eine Mammutarbeit, ein Freundesdienst. Sensibilität – diese feine Veranlagung bewies Albert ebenfalls für die Kunst.
Die meisten zeitgenössischen Maler und Künstler Ostbelgiens sind von ihm begleitet worden. Er war bei den Vernissagen anwesend, schrieb Künstlerporträts, veröffentlichte Ausstellungsberichte. Für „Krautgarten“ verfasste er oft den Vorstellungsartikel oder war Mitautor bei Kunstbüchern der Region. Was ihn ehrt, sind seine Fürsorge, seine Solidarität und sein Einsatz an der Seite von bedrohten oder vernachlässigten Bereichen der Kulturpolitik in Ostbelgien, nämlich der Poesie und der Kunst. Er hatte ein feines Empfinden für Gerechtigkeit.
Man müsste weit ausholen, wollte man der Bandbreite seines Werkes gerecht werden. Das sind 40 Bücher, darunter auch zahlreiche in Zusammenarbeit mit andern Autoren entstandene, unzählige journalistische Beiträge über Kulturereignisse, insbesondere aus der Welt der Kunst, Vorworte, Vorträge, Organisation von Ausstellungen.
Ans Ende seiner sprachlichen Kreativität hat André Moxhet die Comès-Trilogie gestellt. Es sind seine umfangreichsten Publikationen. All seine Beschäftigung mit Comès hat eine glückliche Lösung mit der Unterbringung des künstlerischen Erbes im Museum „En Piconrue“ in Bastogne gefunden. Dem geht die großherzige Entscheidung der Familie voraus, dem Museum den gesamten Fundus zu überlassen.
Albert Moxhet hat dort, im Herzen der Ardennen, eine geistige Bleibe gefunden, indem die Stadt Bastogne ihn 2016 zum Ehrenbürger ernannte.
Bruno Kartheuser ist ehemaliger Herausgeber der Literaturzeitschrift „Krautgarten“.

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