»Große Erdbeben sind auch in Belgien möglich«

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             »Große Erdbeben sind auch in Belgien möglich«
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Am Ende des Korridors, in einer Tiefe von 48 Metern, wird klar: Es handelt sich weder um ein Verlies noch um einen Geheimgang. Vielmehr sind hier hochsensible Messgeräte untergebracht, denen keine noch so geringfügige Erdbewegung entgeht. In Membach unterhält das Königliche Observatorium – mit Sitz in Brüssel – eine von landesweit 40 seismologischen Messstationen. »Viele Jahre lang gab es in Belgien nur eine dieser Stadionen, in Uccle. Erst in den 70er Jahren sind andere hinzugekommen, u.a. hier in Membach«, erklärt Dr. Van Camp, Wissenschaftler am Königlichen Observatorium.

Beben durch Stauseen

Seit 1975 werden hier, zwischen dem Flusslauf der Weser und der Gileppe-Talsperre, seismologische Daten erhoben. »Als Anfang der 70er Jahre der Gileppe-Stausee künstlich angehoben wurde, hat man gleichzeitig diesen Tunnel gegraben und diese Messstation eingerichtet«, erklärt Dr. Van Camp. Der Hintergrund: Damals grassierte – bedingt durch entsprechende Hinweise aus dem Ausland – die Angst, Stauseen könnten Erdbeben begünstigen. Von der Hand zu weisen ist diese Sorge nicht: 1967 löste beispielsweise der Koyna-Stausee in Indien ein Erdbeben der Stärke 6,3 aus. 200 Menschen kamen um.

Dass solche Naturkatastrophen bei einem vergleichsweise kleinen Stausee wie der Gileppe-Talsperre nicht zu befürchten sind, ist Dr. Van Camp und seinen Mitarbeitern egal. Sie freuen sich, in Membach über eine seismologische Messstation zu verfügen, die seit ihrer Errichtung kontinuierlich erweitert und modernisiert wurde. Mehrere Seismographen übermitteln in Echtzeit ihre Daten an die Zentrale in Brüssel. Bis zu 125 Mal pro Sekunde überprüfen die Geräte die Bodenerschütterung.

Wie präzise die Seismographen messen, demonstriert Dr. Michel Van Camp mittels eines Selbstversuchs: Mehrmals hüpft der Wissenschaftler auf dem Betonboden der Messstation, und jedes Mal schert die Kurve auf dem Monitor gut sichtbar aus. »In Uccle beispielsweise weisen die seismographischen Aufzeichnungen große Unterschiede zwischen Tag und Nacht auf, bedingt durch den Berufsverkehr. Auch hier in Membach werden die Messdaten durch die benachbarte Straße beeinflusst.« Kurzum: Jedes »Erdstößchen« wird registriert.

Das letzte Erdbeben, dass in weiten Teilen Ostbelgiens spürbar war, ereignete sich im April 1992. Das Epizentrum befand sich damals im niederländischen Roermond, und das Beben hatte eine Stärke von 5,9 auf der Richterskala. Es war das schwerste Erdbeben im Rheinland seit 1756. Ähnlich große Auswirkungen hatte 1983 ein Erdbeben in Lüttich, das zwar mit einem Wert von 4,7 auf der Richterskala weniger stark ausfiel, aber nur sechs Kilometer unterhalb der Erdoberfläche entstand, was die Wirkung verstärkt.

Erdbeben von Verviers

Das mit Abstand schwerste Erdbeben in der Region ereignete sich 1692 in Verviers. Damals gab es noch keine verlässlichen seismologischen Messungen, aber die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Beben eine Stärke von 6,5 auf der Richterskala hatte. Dafür spricht, dass das Erdbeben von Verviers sogar in Südengland Schäden angerichtet hat. Für dieses und andere Erdbeben im Ardenner Raum haben die Wissenschaftler keine fundierte Erklärung. »Die Erdstöße in Belgien bleiben ein Rätsel«, sagt Dr. Van Camp. Denn weder liegt das Land über einer Nahtstelle zweier Erdplatten, noch wird es von großen Gräben durchquert. Einziges Erklärungsmuster der Wissenschaftler, eher eine Vermutung, ist der Rheingraben, der sich zwischen Basel und der Nordsee erstreckt.

Anhand der historischen Daten kann Dr. Michel Van Camp eines ganz sicher sagen: »Große Erdbeben sind auch in Belgien möglich.« Er schätzt, dass sich hierzulande schwere Erdstöße, ab einer Stärke von 6,0 auf der Richterskala, alle drei bis vier Jahrhunderte wiederholen.

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