Aus für den „Colombian Milds“

„Ein Städter findet auf diesem Boden keinen Halt“, sagt Eugenio Hidalgo und deutet die steilen, pflanzenbedeckten Abhänge hinab, die seine Farm „La Candelaria“ umgeben. Deshalb stelle er nur Bauern aus der Region zur Erntehilfe ein – für sie sei das unwegsame Gelände kein Hindernis.

Kolumbiens Kaffee-Produktion ist in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel gesunken.

Hidalgo ist Kaffeefarmer in der Sierra Nevada, einer Gebirgskette im Norden Kolumbiens. Die Höhe ist aufgrund des Klimas für den Anbau der edlen Arabica-Bohnen von Vorteil, die Ernte wird dadurch aber sehr erschwert. Für Hidalgo ist das noch das geringste Problem.

Dreißig Erntehelfer hatte der Eigentümer der Finca, wie die Kaffeefarmen in Kolumbien genannt werden, im vergangenen Jahr angeheuert – bei der letzten Ernte im Februar konnte er nur noch fünf bezahlen.

Sinkende Kaffeepreise führten dazu, dass in Kolumbien immer weniger Kleinbauern vom Kaffeeanbau leben können. Weltweit ist das Land vom zweiten Platz nun hinter Vietnam mit seinen billigeren Sorten und Indonesiens Spezialitäten auf Rang vier abgerutscht, der Gigant Brasilien bleibt an erster Stelle. Kolumbiens Produktion ist in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel gesunken. „Viele meiner Nachbarn haben aufgehört, Kaffee zu pflanzen“, sagt Hidalgo wehmütig. Die meisten seien auf Tourismus oder illegalen Marihuanaanbau umgestiegen. Dabei hat der Kaffeeanbau in der Sierra Nevada Tradition. Viele Bauern blieben sogar, als rechte Paramilitärs in den 1980er Jahren mit Entführungen und Erpressungen begannen.

Hidalgos Bruder wurde damals von bewaffneten Gruppen ermordet. Für den 45-Jährigen ein Grund mehr, zu bleiben. Generationen seiner Familie sind mit der Finca verbunden.

Vor rund 70 Jahren begann sein Großvater dort mit dem Kaffeeanbau. Damals war es ein gutes Geschäft, heute komme er damit nicht mehr über die Runden. Deshalb betreibt er zusätzlich ein Hostel auf der Finca und baut Avocados und Bananen an.

Seit dem Ende des internationalen Kaffeeabkommens 1989 ist Kaffee den Regeln des Marktes unterworfen. Die Kaffeeproduktion weltweit stieg, die Preise fielen. Zudem habe ein Freihandelsabkommen mit den USA ab 2011 den Kaffeemarkt für multinationale Konzerne geöffnet, sagt Duván Ramírez, Dekan der Wirtschaftsfakultät der Universität Manizales.

„Spekulationen an den internationalen Märkten und die Abhängigkeit vom Dollar führen derzeit zu internen Preisen für Rohkaffee, die die Produktionskosten der Kaffeebauern nicht decken können“. In den vergangenen beiden Jahren hat der Preisverfall von über 50 Prozent Agrarstreiks im ganzen Land ausgelöst.

Einige Kleinbauern verarbeiten den Kaffee selbst und könne so den Wert steigern und den Anbau wieder rentabel machen.

Die Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos hat mit einem Subventionsprogramm (PIC) für den Kaffeesektor reagiert, dass derzeit aber ausgesetzt ist. Die Farmer-Bewegung „Dignidad Cafetera“ (Würde der Kaffeebranche) fordert die Reaktivierung des Programms unter anderem zur Schuldenbekämpfung und der Erneuerung von mit Pilz befallenen Pflanzen. Sie drohten erneute Streiks an, falls der Präsident nicht auf die Forderungen reagiere. „Ohne PIC könnten viele Farmer ihr Land verlieren“, meint Fakultätsdekan Ramírez.

Er sieht zudem die nationale Kaffeefarmerföderation (FNC) kritisch: „Der gesamte nationale Kaffeesektor wird von der Föderation kontrolliert.“ Die Vereinigung wurde vor 93 Jahren von den Farmern gegründet. Heute seien ihre Funktionäre aber nur auf den eigenen Profit aus, meint Hidalgo. Die Rohkaffeequalität werde von Kontrolleuren der mit der FNC verbundenen Kooperativen häufig als schlechter eingestuft, um die Preise zu drücken. „Die Vorwürfe sind haltlos“, sagt FNC-Sprecher Luis Fernando Samper.

In den letzten Jahren haben einige Kleinbauern begonnen, Kaffee selbst weiterzuverarbeiten, anstatt das Rohprodukt zu verkaufen.

So könne man den Wert steigern und den Anbau wieder rentabel machen. Um selber zu rösten, müsse jedoch eine Lizenz von FNC eingeholt werden – und die sei an strenge Auflagen gebunden.

Eugenio Hidalgo hat mit einer lizenzierten Rösterei im letzten Jahr rund 20 Prozent seiner Produktion konsumfertig verkauft. Sein Ziel ist es, die Farm wieder über den Kaffeeanbau zu unterhalten, am liebsten mit eigenem Coffee-Shop. „Wenn die Föderation mir Steine in den Weg legt, muss ich sie eben wieder wegräumen, auch wenn es lange dauert.“ Aber den edelsten Kaffee der Welt aufgeben, das will er auf keinen Fall.

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