Tobias Escher analysiert: Japans kluger Matchplan macht Belgien das Leben schwer



Kaum einer hätte jedoch für möglich gehalten, dass der schwere Gegner für Belgien bereits im Achtelfinale kommt. Japan machte Belgien das Leben lange Zeit schwer. Das lag nicht zuletzt am taktischen System. Japans Trainer Akira Nishino hatte den perfekten Matchplan gebastelt gegen die belgische Offensivpower. Japan begann in einem 4-2-3-1-System, zeigte sich im Spiel gegen den Ball aber variabel: Sie wechselten immer wieder zwischen 4-4-2- und 4-3-3-Staffelungen.

Japan achtete penibel darauf, dass Eden Hazard und Kevin de Bruyne keine Zuspiele erhalten. Auf dieser Seite verteidigte Japan daher höher. Japans Rechtsaußen Genki Haraguchi lief Belgiens Dreierkette intensiv an, während Takashi Inui auf der anderen Seite etwas tiefer verblieb – das 4-4-2 wurde in diesen Situationen zum 4-3-3. Japan lockte Belgien auf die Seite, auf der de Bruyne und Hazard nicht waren.

Belgiens Defensive war mit diesen Verlagerungen überfordert.

Auch in der Offensive präsentierten die Japaner Lösungen, die abgestimmt waren auf die belgische Spielweise. Belgien verteidigt bei dieser Weltmeisterschaft meist in einem passiven 5-2-3. Die Außenverteidiger verbleiben tief, die Außenstürmer rücken in die Mitte. Die Folge: Die gegnerischen Außenverteidiger haben keinen Gegenspieler. Japan nutzte dies, um über die Außenverteidiger das Spiel aufzubauen. Oft nutzten sie diese Schwachstelle explizit aus, indem sie das Spiel mit Verlagerungen von einem Außenverteidiger zum anderen einleiteten.

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Belgiens Defensive war mit diesen Verlagerungen überfordert. Überhaupt übten die Mittelfeldspieler nur wenig Druck auf ihre Gegenspieler aus. Japan konnte immer wieder mit flachen Pässen ins offensive Mittelfeld gelangen und von dort Torchancen einleiten. Offensiv funktionierte das belgische Spiel wiederum besser: Sie umspielten das japanische Pressing über die halbrechte Seite und fanden anschließend mit langen Bällen Eden Hazard. Er zeigte eine feine Partie als Ballhalter und Dribbler.

Nach dem japanischen Führungstreffer riskierten die Belgier mehr. Die Außenverteidiger rückten nun deutlich weiter nach vorne, auch Kevin de Bruyne agierte offensiver. Vor dem 0:2 fehlte der Superstar von Manchester City dadurch allerdings in der Defensive. Danach entfalteten die Belgier aber ihre volle Angriffswucht: Belgien kam über die offensiven Außenverteidiger nach vorne und schlug zahlreiche Flanken in den Strafraum. Der eingewechselte Marouane Fellaini bot sich im Strafraum als zweiter Stürmer an – und traf per Kopf.

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Am Ende entschied die Kondition das Spiel. Die Japaner konnten das hohe Pressing nicht aufrechterhalten, wichen weiter und weiter zurück. Beim Konter zum entscheidenden 3:2 fehlte ihnen die Kraft, um die wuchtig nach vorne startenden Belgier zu verfolgen. Lukaku öffnete mit seinem cleveren Lauf von rechts ins Zentrum den Raum für das entscheidende Zuspiel auf Außen.

Die Belgier beweisen: Auch wenn der Gegner perfekt eingestellt ist, können sie dank ihres starken Ballbesitzspiels und ihrer individuellen Klasse ins Spiel zurückfinden. Der fehlende Druck auf die gegnerischen Außenverteidiger bleibt allerdings die große taktische Baustelle des Teams. Brasiliens Außenspieler um Superstar Marcelo könnte diese Schwachstelle bestrafen. Vielleicht lässt sich Roberto Martinez aber auch von Japan inspirieren – und hebt sich den perfekten taktischen Plan für das Viertelfinale auf.*Tobias Escher (40), freier Journalist und Taktikexperte, analysiert für das GrenzEcho während der WM die Spiele der Roten Teufel.

*Tobias Escher (40), freier Journalist und Taktikexperte, analysiert für das GrenzEcho während der WM die Spiele der Roten Teufel.

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