Tobias Escher analysiert: Belgien mit Plan, Frankreich mit Bollwerk



In den ersten vier WM-Spielen hatte er stets auf dasselbe System vertraut: eine offensive 3-4-3-Formation. Gegen Brasilien wich Martinez von dieser Taktik ab und passte sein System an den Gegner an. Mit Erfolg: Romelu Lukaku als ungewohnter Rechtsaußen und Kevin De Bruyne als falsche Neun waren wichtige Säulen beim 2:1-Erfolg.

Gegen Frankreich entschied sich Martinez, die Mannschaft erneut umzubauen. Wie schon gegen Brasilien wollte er die Schwachstellen des Gegners auskosten. Frankreich agiert in diesem Turnier stets mit derselben Formation: Didier Deschamps stellt sein Team in einem 4-2-3-1 auf. Rechtsaußen Kylian Mbappe agiert in diesem System wesentlich offensiver als Linksaußen Blaise Matuidi. Frankreich möchte im Konter die Geschwindigkeit von Mbappe nutzen, Matuidi sichert auf der anderen Seite ab.

Martinez reagierte auf diese französische Eigenart: Jan Vertonghen hielt sich als Linksverteidiger zurück und deckte Mbappe. Eden Hazard wiederum rückte ganz nach Linksaußen. Er sollte den Raum hinter Mbappe besetzen, den dieser bei seinen offensiven Ausflügen freilässt.

Das Führungstor durch einen Standard spielte den Franzosen in die Karten.

Dies war nicht die einzige taktische Gemeinheit, die sich Martinez ausdachte. Während Hazard auf der linken Seite häufig auf sich allein gestellt war, besetzte Belgien die rechte Seite gleich mit mehreren Spielern. Rechtsverteidiger Nacer Chadli rückte weit nach vorne, Rechtsaußen Kevin de Bruyne konnte dadurch in die Mitte ziehen. Belgien versuchte, das Spiel über die rechte Seite einzuleiten und dann nach links zu verlagern. Entweder stand dort Hazard frei. Oder aber Marouane Fellaini zog aus dem Mittelfeld in den Strafraum, um Flanken zu verwerten.

Fellaini hatte eine zweite wichtige Aufgabe: Hatte Frankreich den Ball, nahm er Paul Pogba in Manndeckung. Er sollte dafür sorgen, dass Manchester Uniteds Superstar kein Tempo aufnehmen kann. Diese Aufgabe erfüllte er mit Bravour. Allerdings vernachlässigte das belgische Mittelfeld die Deckung von Antoine Griezmann, der aus dem Raum vor der Abwehr zu gefährlichen Dribblings ansetzen konnte.

In der Halbzeitpause justierte Frankreichs Coach Deschamps seine Taktik nach. Frankreich lud Belgien nun dazu ein, den ersten Pass nach Rechtsaußen zu spielen. Chadli wurde dort von seinen Mitspielern isoliert, gerade der defensiv auftretende Blaise Matuidi leistete hier viel Arbeit. Im Mittelfeld erwiderte Pogba die Manndeckung auf Fellaini. Er verfolgte seinen Mannschaftskameraden aus Manchester, sobald dieser in den Strafraum zog; Frankreichs Viererkette mutierte zur Fünferkette. Dadurch konnte wiederum Frankreichs Rechtsverteidiger Benjamin Pavard Hazard in enge Manndeckung nehmen. Belgiens Offensivstrategie der ersten Halbzeit – auf rechts das Spiel einleiten, den Ball nach links schlagen – funktionierte nicht mehr.

Der Traum vom WM-Titel, er endete mit einer taktischen Fehlleistung.

Das Führungstor durch einen Standard (51.) spielte den Franzosen in die Karten. Sie vertrauten fortan gänzlich ihrer Defensive. Martinez stellte sein System erst spät um: Auch nach der Einwechslung von Dries Mertens (60.) verblieb Belgien im 4-3-3, De Bruyne rückte zurück ins Mittelfeld. In den letzten zehn Minuten nahmen sich Hazard und De Bruyne alle Freiheiten der Welt, ihre Dribblings waren aber nicht ins System eingebunden. Einzig freier Spieler war zumeist der Rechtsaußen, dem nichts Anderes als eine Flanke blieb – Flanken, die Frankreichs starke Innenverteidigung sofort wieder herausköpfte.

Was gegen Brasilien noch funktioniert hatte, ging gegen Frankreich schief. Martinez‘ Idee, sich taktisch an den Gegner anzupassen, funktionierte nur in der ersten Halbzeit. Nachdem Deschamps seinen Plan entschlüsselt hatte, fehlte den Belgiern ein Plan B, um das Spiel zu drehen. So mussten sie am Ende hilflos zusehen, wie die Franzosen das Ergebnis über die Zeit brachten. Der Traum vom WM-Titel, er endete mit einer taktischen Fehlleistung.

*Tobias Escher (40), freier Journalist und Taktikexperte, analysiert für das GrenzEcho während der Fußball-WM die Spiele der Roten Teufel.

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