Ostbelgien im Rückblick: Paul Bolle verwaltete sein „Bollenien“


Er war kein Ostbelgier und nur vorübergehend hier aktiv, und dennoch bleibt sein Name mit einer ungewöhnlichen Aufgabe verknüpft, die er gekonnt und mit der Würde eines erfahrenen Hauptdarstellers in einem nur einmal aufgeführten Akt erfüllte: Paul Bolle.

Der 1890 in Hasselt geborene Armeeangehörige hatte den Ersten Weltkrieg als Leutnant erlebt. 1940 zog er als Oberstleutnant in den Krieg, zu dessen Ende er in deutsche Gefangenschaft geriet. Erst im Juni 1945 kehrte er in die Heimat zurück. In der Kriegsgefangenschaft verhalf er mehr als 70 Kameraden zur Flucht. Im April 1946 wurde Paul Bolle als Oberstleutnant in den Ruhestand versetzt.

In Brüssel fiel Anfang 1949 die Wahl auf Paul Bolle, als es galt, in Erwartung einer endgültig belgisch-deutschen Grenzregelung einen Befehlshaber für die Betreuung der nach dem Krieg an Deutschland abgetretenen Grenzorte Bildchen, Lichtenbusch, Leykaul, Lammersdorf, Losheim und Hemmeres zu benennen. Gegenstand des Auftrags war es lediglich, spätere, kleine Grenzkorrekturen vorzubereiten.

Bolle nahm als „Militärbefehlshaber der anzugliedernden Gebiete“ den Auftrag an. Dieser war ihm wohl auch in Anbetracht seiner ausgezeichneten Deutschkenntnisse angetragen worden. Er trat endgültig in den Ruhestand, als er am 1. März 1959 von diesem Sonderauftrag entbunden wurde. Er verließ Ostbelgien und starb im Jahr 1971 in Brüssel.

Der Generalmajor hatte 1949 bis 1958 seine Mission von Bildchen aus mit Bravour erfüllt und mag später wohl auch schmunzelnd an diese Jahre zurückgedacht haben, als er die Sonderverwaltung des nur 1.350 Hektar großen und rund 700 Einwohner zählenden Grenzstreifens leitete.

Paul Bolle war jedoch nicht als Hauptdarsteller in einem Possenspiel berufen worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten in Brüssel sowohl Stimmen eine Ausdehnung nach Deutschland hin gefordert, während andere jeglichen Gebietszuwachs ausschlossen. Letztlich wurden nur die genannten Orte einstweilen belgischer Verwaltung unterstellt. Die Regierung in Brüssel erließ eine Proklamation für die Einverleibung derselben in das Königreich Belgien unter Vorbehalt einer Entscheidung des späteren Friedensvertrages. Paul Bolle wurde der Chef für die vorerst „auf Eis“ gelegten Gebiete. Hierfür stattete ihn die Regierung mit allen Vollmachten aus: Innenminister, Außenminister, Verteidigungsminister … usw. Es war im Grunde ein Bündel diktatorischer Vollmachten. Der Militärkommandant übte diese jedoch mit einem – übereinstimmend bestätigt – besonnenen Auftreten aus.

In Anlehnung an den Befehlshaber wurde das kleine Gebiet scherzhaft „Bollenien“ genannt. Diese Bezeichnung hält sich heute noch. Für einige Zuständigkeiten durfte Bolle auf die Zuarbeit von erfahrenen Ostbelgiern zurückgreifen. Für die Zivilverwaltung stand ihm Gouder de Beauregard, Kelmis, zur Verfügung. Ein Zollbeamter aus Dolhain befasste sich mit Zollfragen. Der Eupener Rechtsanwalt René Wintgens präsidierte das Sondergericht.

Als am 13. August 1958 in Bonn die Ratifikationsurkunden über die Rückkehr der Gebiete zur Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet wurden, war dies der Schlussstrich unter „Bollenien“. Die Bewohner dieser Orte hatten sich jedoch mit der Sonderregelung, die ihren Lebensstandard begünstigte, längst angefreundet. Begeisternde Heimkehrfeiern fanden nicht statt. Das GE: „Hemmeres wurde schlafend deutsch. Die Einwohner legten sich als belgisch Verwaltete zu Bett und standen als frischgebackene Deutsche wieder auf.“ Bollenien gab‘s nicht mehr. (hw)

Über „Bollenien“ ist in Erinnerungen und Analysen (auch im GE) berichtet worden, u.a. von Dr. Herbert Ruland. Die ausführlichste Darstellung dieses Vorgangs hinterließ Kurt Fagnoul in dem Buch „Die annullierte Annexion“, Aktuell Verlag 1985.


Sie möchten den kompletten Artikel lesen?
Zugang zu allen digitalen Inhalten bereits ab 10,90 € pro Monat
Jetzt bestellen
Bereits abonniert?