Kulturgeschichte zum Anfassen in Kelmis

Raymond Lenaerts steht auf der Balustrade und sorgt für den allerletzten Feinschliff seiner Abteilung. Schöffe Jean Ohn riskiert einen Blick. Putzfrauen und Handwerker schwirren noch durch den Bau. Aus Bergisch Gladbach und sogar aus dem dem fernen England – präziser aus Nenthead in Cumbrien, wo ebenfalls große Blei- und Zinkvorkommen abgebaut wurden – sind schon Neugierige gekommen.

Inzwischen ist die neue Museumschefin Céline Ruess dabei geschickt zwischen den Sprachen jonglierend die Journalisten durch das neue Museum Vieille Montagne zu schleusen. Und was sie zeigt, kann sich sehen lassen. Kelmis ist um ein Schmuckstück reicher. „Wir wollen ein Museum zum Mitmachen sein“, sagt sie und zieht an einem Griff. In einem Rohr verbirgt sich ein Galmeistein. Der Stoff, aus dem Geschichte und Reichtum des Ortes entstanden sind, begegnet dem Besucher auf Schritt und Tritt, sei es als roher Stein, sei es als geschliffene Platte, die durch den Schleifvorgang erst ihre Schönheit offenbart.

Das Museum bietet einen Streifzug durch die Geschichte des Bergbaus am Altenberg. Urkunden der Kaiser und Herzöge dokumentieren die Herrschaft. Zeitgenössische Zeitungsseiten in deutscher, englischer, französischer und niederländischer Sprache beweisen, dass das durch die Kongresse in Wien und Aachen geschaffene Kuriosum „Neutral-Moresnet“ im 19. Jahrhundert ein Thema auf den Unterhaltungs-, aber auch auf den politischen Seiten in Prag und London war.

Bilder und Stiche, meist durch die Vieille Montagne beauftragt, zeigen das Leben am Altenberg. Ein Ölporträt zeigt die Situation um 1830, als Arbeiter auch über Tage das wertvolle Erz schürften. An einer Wand ist eine Dauerleihgabe des Zinkhütter Hof aus Stolberg aufgebaut. Die Stolberger haben Teile ihres Zinks nach Kelmis abgegeben und setzen jetzt mehr auf den Schwerpunkt Messing. Jetzt haben der Blaubeerpflücker, Eimer, Gießkannen, Einkochtöpfe und anderes den Weg an die Göhl gefunden.

„Zink war eben im 19. Jahrhundert ein billiges und vielseitiges Material“, sagt Céline Ruess. In einem Raum steht ein großer Arbeitstisch. Hier werden irgendwann Kinder sein, die dort mit Erz und anderen Dingen arbeiten und so praktisch etwas über das Material und das Leben am Altenberg und seine Minen in alter Zeit erfassen. Doch jetzt muss sich das Museum erst einmal etablieren, bevor es mit der Museumspädagogik losgeht. Aber immerhin: Schulklassen können sich jetzt schon dank freiem Eintritt ihr Haus erobern.

Auch sprachlich ist das Museum auf der Höhe der Zeit. Während in manch anderem belgischem Museum alles ein- oder maximal zweisprachig ist, sind in Kelmis das Englische und die drei Landessprachen sowohl auf Tafeln als auch bei den zahlreichen Audioerklärungen präsent. Für ein lebendiges Museum steht auch die Arbeit des Dorf- und Geschichtsvereins Kelmis. Auf der Balustrade stellen Raymond Lenaerts und seine Mitstreiter die Eisenbahn von Kelmis dar. Denn noch vor 60 Jahren hielten Züge am heutigen Museum, das nicht nur Direktionsvilla war, sondern auch das Bahnhofsgebäude beherbergte. Es war eine Stichstrecke, die weiter westlich auf die Hauptstrecke traf. Schätze sind Uhren des alten Bahnhofs in Herbesthal, ein gusseisener Kilometerpfahl und ein Leitungstester, der im Aussehen mit seiner Wählscheibe an ein Telefon erinnert.

Am Nachmittag war es dann so weit. Feierlich wurde das neue Museum seiner Bestimmung übergeben. Roger Baltus von der Vieille Montagne erinnerte daran, dass das Unternehmen heute noch besteht. Dem Museum wünschte er Glück. „Es ist wichtig, was die Menschen daraus machen“. In das Museum gehöre Leben und Aktivität, wenn es attraktiv sein soll.

Das alte Neutral-Moresnet sei mit seinen Einwanderungen und seiner Rolle eine europäische Erfahrung gewesen, die im Museum weiter lebt. „Den Besucher erwartet ein modernes und qualitativ hochwertiges Museum“, sagte Ministerin Isabelle Weykmans (PFF).

Es sei „ein handfestes Stück lokaler Kulturgeschichte zum Anfassen und Bestaunen geworden“, sagte sie. Die DG wolle auch künftig eine optimale Hilfestellung und Begleitung anbieten, um das vorhandene Potenzial zu stärken und zu sichern.

Bürgermeister Louis Goebbels (PFF) hofft, dass das Haus als „Weltzentrum der Bergwerksgeschichte“ die Gemeinde touristisch aus dem Dornröschenschlaf holen wird.